Interview

Jüngste Einsprüche aus Rom sind dem Wächteramt über das "Depositum fidei" zuzuordnen

Paul Josef Kardinal Cordes im Interview zur päpstlichen Initiative "Für eine synodale Kirche". Ein theologisch und pastoral relevantes Konzept auf der römischen Seite und eine bedauerliche Selbstüberschätzung in Deutschland. Franziskus macht sich nicht das Modell des synodalen Weges zu eigen.
Eröffnung der 15. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode im Vatikan
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Die päpstliche Initiative „Für eine synodale Kirche“ legt nach Ansicht von Kardinal Cordes ein wohlstrukturiertes, theologisch und pastoral relevantes Konzept vor. Im Bild: Eröffnung der 15.

Eminenz, was erhoffen Sie sich von der Entscheidung des Vatikan, einen weltweiten synodalen Prozess zu beginnen mit Blick auf die Kirche in Deutschland?

Papst Franziskus misst schon seit Jahren der Idee der Synodalität für die katholische Kirche hohe Bedeutung bei. Seine neue Initiative „Für eine synodale Kirche“ legt nun ein wohlstrukturiertes, theologisch und pastoral relevantes Konzept vor. Es geht von vorgegebenen Glaubensdaten aus (sensus fidei), beachtet die katholische Kirchenstruktur (Einzeldiözese - Universalkirche), unterstellt sich der Entscheidungskompetenz des geweihten Amtes (Bischöfe - Papst) und zielt auf die Vitalisierung des Glaubens an Gott. Das von den katholischen Kirchen Deutschlands vorgelegte Modell „Synodaler Weg“ zeigt gegenüber der päpstlichen Initiative in jedem genannten Punkt seine bedauerliche Fehlerhaftigkeit, die hoffentlich noch aufgefangen werden kann.   

Das Responsum der Glaubenskongregation bzgl. der Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften wurde als Versuch einer Korrektur der Entwicklung in Deutschland aufgefasst. Was ist dran an der These, der Synodale Weg deutschen Zuschnitts habe im Vatikan Befürchtungen geweckt?

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Ich würde jüngste Einsprüche des Vatikans lieber seinem Wächteramt über das „Depositum fidei“ zuordnen. Etwa den zur sog. „Interkommunion“: Schon nach urchristlicher Überzeugung gibt es kein authentischeres Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft als die Teilnahme am eucharistischen Mahl in ihr. Diese Wahrheit hütet die katholische Kirche, wenn sie den Herrenleib ihren Gliedern vorbehält. Nach dem heiligen Augustinus gilt das „Amen“ des Kommunion-Empfängers sowohl der Realpräsenz Jesu wie der Zugehörigkeit zur feiernden Gemeinde; sog. „eucharistische Gastfreundschaft“ wäre für die Urkirche eine Paradoxie. –   Oder das Segnen von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften: Sie sind der Versuch, Gottes Wohlwollen auf Gott-Widriges herabzurufen; denn praktizierte Homosexualität ist für das AT wie das NT schändliche Sünde. - Geweihte Hirten sind eben immer verpflichtet, im kirchlichen Tun den biblisch geoffenbarten Sinn zu erhalten. Kirche würde sich sonst dem medial Gewünschten ausliefern und zu einem Sozialkörper verkümmern wie eine Partei oder ein Fußball-Bund.

Beim ÖKT äußerte der DBK-Vorsitzende bezüglich der Reformagenda des Synodalen Wegs die These, "die Kirche in Deutschland kann nicht warten, bis die Letzten so weit sind". Halten Sie diesen Ansatz bei einem weltweiten Prozess für tragfähig? Wer wären gegebenenfalls, "die Letzten" aus römischer Sicht?

Äußert sich hier bedauerliche Realitätsblindheit oder naive Selbstüberschätzung? Ich habe gerade teilgenommen an einem Expertengespräch der CSU-nahen „Seidel-Stiftung. U. a. fragte ein Statistiker, wie der „Untergang“ von den christlichen Kirchen in Deutschland abzuwenden sei. Da sprachen Fakten. Nur unbelehrbare Kirchenleute können sich noch als „Vorreiter“ einschätzen. - Und dann das übermäßige Sendungsbewusstsein! Geibels Wort: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ scheint trotz aller geschichtlichen Belehrung bei uns unausrottbar. Wir müssten nach Reformation und Kriegen wohl eher den Mund halten. Durch meine langjährige Arbeit im Vatikan habe ich weltweit freundschaftliche Kontakte und weiß um das Unverständnis von Glaubenden, das der „synodale Weg“ vielerorts hervorruft. Oder sind für den DBK-Vorsitzenden die „Letzten“ vielleicht gar die, die sich nicht dem Zeitgeist ausliefern, sondern noch auf Gott und Jesus Christus setzen?

Der Synodale Weg trifft außerhalb der Gremienblase in Deutschland auf wenig Interesse. Sogar praktizierende Katholiken halten ihn teilweise für überflüssig. Sehen Sie in der jüngsten Entscheidung des Vatikans einen Versuch, den Gedanken der Synodalen Kirche zu bewerben und dafür Überzeugungsarbeit zu leisten?

Die Jahre und die Aufgaben im Vatikan zeigten mir immer wieder die Weite und Vielgestaltigkeit der globalen „Catholica“. Die neuen „Geistlichen Bewegungen“ und die „Internationalen Jugendtage“ zeigen sie. Ortskirchliche Probleme und nationale Schlagzeilen verdecken leicht diese Fülle und ihre Kraft zum geistlichen Aufbruch. Papst Franzskus dürfte sich kaum das – wie früher erwähnt - ekklesiologisch zweifelhafte Modell des „Synodalen Weges“ zu eigen machen. Er begnügt sich eben nicht mit Strukturveränderungen, die oft von Unternehmensberatern suggeriert werden, sondern setzt auf „Gottes Geist“ und das gläubige Suchen seines Willens. 

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