Würzburg

Ist es ein Opfer oder nur Gedächtnis? 

Die Darbringung von Christi Leib und Blut in der Messe ist und bleibt Stein des Anstoßes unter den Konfessionen.
Evangelischer Gottesdienst
Foto: Jörg Loeffke (KNA) | Pfarrerin Eva Esche und Diakon Andreas Mittmann bereiten das Abendmahl.

Das Votum des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen „Gemeinsam am Tisch des Herrn“, an dessen Endredaktion der neue Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz beteiligt war, sieht Einigkeit im Blick auf den theologischen Sinngehalt der Eucharistie/ des Abendmahls. Georg Bätzing bemühte sich schon in seiner Diplomarbeit „Die Eucharistie als Opfer der Kirche“ (Einsiedeln 1986) um die ökumenische Übereinstimmung im Gedanken der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers. Aber es geht nicht nur um die Vergegenwärtigung, sondern um die Darbringung. Das definiert eindeutig das Konzil von Trient: „In der Messe wird Gott ein wahres und eigentliches Opfer dargebracht“, und es ist nicht nur „eine bloße Kommemoration des am Kreuz vollzogenen Opfers“. Christus hat uns nach einer älteren Präfation „seinen Leib und sein Blut zur Darbringung als Opfer anvertraut“ (in sacrificium commendavit). Dies entspricht biblischem Denken und biblischer Sprache. Das ausgegossene Blut ist dem Altar vorbehalten, und zwar zur Sühne (Lev 17, 11). 

Die Rede vom „Blut des Bundes“ in Markus 14, 24 verweist auf den Sinaibund (Ex 24, 8) und im Kontext des Pascha auf das Blut des Lammes. Nach Markus 14, 12 geschah die Einsetzung der Eucharistie an dem Tag, da das Pascha geschlachtet und gegessen wurde. Dasselbe Lamm, das am Nachmittag im Tempel geschächtet und dessen Blut vom Priester an den Fuß des Altares gegossen wurde, ist am Abend in einem rituellen Opfermahl als das geopferte Fleisch gegessen worden. Dies ist eine Kommunion im Opfer, gemäß der in 1 Kor 10,18 bezeugten Symbolik: „Sind nicht diejenigen, die das Opferfleisch essen, Kommunizierende vom Altar?“. Das heißt: Sie bringen ihr eigenes Leben demjenigen dar, dem Altar und Opfergabe geweiht sind. 

 Vergegenwärtigung des Vergangenen genügt nicht 

Es lag also an jenem Abend das geopferte Lamm auf dem Tisch, und im Hinblick darauf sprach Jesus als das wahre Osterlamm (1 Kor 5, 7; vgl. Joh 1, 29; 19, 36) von seinem hingegebenen Leib. Nach Hebräer 9, 11–14 brachte er als der Hohepriester sein eigenes Blut dar, nicht nur das von Böcken und Stieren. Exodus 12, 21.27 spricht vom Schlachten des Lammes als dem Paschaopfer für den Herrn, und zwar als ein Blut-Opfer. Da das Blut in der ersten Osternacht nicht an einen Altar gegossen werden konnte, sondern am Eingang des Hauses die Aussonderung aus dem Sklavenhaus Ägyptens bezeichnete, wird man sinnvollerweise im Opfer am Sinai (Ex 24, 6–8) die Vollendung des Werkes der Befreiung im Blut des Lammes sehen: Hier wird das Blut an den Altar gesprengt, über das Bundesbuch und über das Volk. Die Herausführung aus Ägypten vollendet sich am 50. Tag nach Ostern in der Konstitution des Gottesvolkes durch das Blut des Bundes. Dies ist der Rahmen, in den Jesus das Opfer des Neuen Bundes hineinstiftet. 

Die Worte über den Kelch greifen neben der Bundesstiftung am Sinai auch das Leiden des Gottesknechtes in Jesaja 53, 12 auf, der die Sünde vieler hinwegnahm, sowie auch die Prophezeiung vom Neuen Bund in Jeremia 31, 31–34. Da ist die Rede von einer ganz neuen Existenz und dies wird nun verbunden mit der Neugeburt im Opfer Christi. Es kann sich nicht um ein bloßes Ersatzopfer handeln, sondern ein Opfer, das den Mit-Darbringenden hineinzieht und verwandelt. Aber auch das Wort über das ungesäuerte Brot: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ – im Ritus des Pascha hieß es zuvor: „Das ist das Elendsbrot, das unsere Väter in Ägypten gegessen haben“ –, bezeichnet in biblischer Terminologie die Opfergabe. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele“ (Mk 10, 45). In der Rede vom Guten Hirten setzt dieser sein Leben ein und gibt es hin (Joh 10, 11.17). In der eucharistischen Rede (Joh 6) spricht Jesus von seinem Fleisch und Blut für das Leben der Welt. Die Worte „Fleisch“ und „Leib“ gehen auf dasselbe hebräische Wort zurück und können im Kontext nur das geopferte Fleisch meinen. Eben dieses ist uns zur Darbringung anvertraut, damit wir eine Opfergabe werden mit Ihm. 

Gemeinsam am Tisch des Herrn

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Ganz richtig schreiben die evangelischen und katholischen Theologen in ihrem Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“: „Jesu Worte bei seinem letzten Mahl können in ihrer Bedeutung nur von der Schrift her erschlossen werden.“ Deshalb hätten sie den Kontext sorgfältiger analysieren sollen. Die angeblich „kleinen Ergänzungen“ bei Lukas vom „hingegebenen Leib“ und vom „Blut für euch“ werden nicht berücksichtigt. Zwar wird ein Hinweis auf den Opfercharakter des Todes Jesu erkannt, aber es ist doch immer nur die Rede von den Gaben von Brot und Wein im Rahmen einer Mahlfeier, die sich angeblich an die Mahlfeiern Jesu mit den Zöllnern und Sündern in Galiläa anschließt. Nach dieser weit verbreiteten Deutung und Gestaltung der Eucharistiefeiern würde uns die schon vollzogene Versöhnung lediglich verkündet und die Vergebung der Sünden „für alle“ einfach zugesprochen, im Gedächtnis des schon vollzogenen Opfers Christi. Es geht aber im ganzen Neuen Testament nicht nur um Sündenvergebung, sondern um das Sterben des je Einzelnen mit Christus und sein Eingehen in eine neue Geburt (vgl. Joh 3, 3). Eben deshalb genügt eine Vergegenwärtigung des Vergangenen nicht. Es geht um ein aktuelles Mit-Sterben und ein Neuwerden in der Teilnahme am Opfer Christi. 

Die Opfergaben, der hingegebene Leib und das ausgegossene Blut, sind uns geschenkt und anvertraut und wir bringen sie – auch in allen Hochgebeten des neuen Messbuchs, trotz einer gewissen Reduzierung des Sühnopfergedankens – nach der Wandlung dar, und zwar als ein Opfer (offerimus)! So lehrt auch das Zweite Vatikanische Konzil: Im Messopfer bringen die Diener des Altares und das ganze heilige Volk „das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm“ (Lumen gentium 11). Das alte römische Missale lässt uns vor der heiligen Messe beten: „Ich armseliger Sünder bringe nun das hochheilige Sakrament des Leibes und Blutes unseres Herrn Jesus Christus dar“.   

Ökumenisches Votum verlässt biblische Grundlagen 

Die evangelischen und katholischen Theologen haben mit ihrem Votum die biblische Grundlage und auch die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils verlassen. Sie vereinen sich am Abendmahlstisch der evangelischen Theologie und trennen sich vom urchristlichen Altar (vgl. Heb 13, 10). Nach der protestantischen Erlösungslehre kann der Mensch aufgrund seiner gefallenen Natur nicht im Werk der Erlösung mitwirken, vor allem kann er Gott nichts darbringen, sondern sich nur von ihm beschenken lassen. Natürlich kann der Mensch aus sich selbst heraus Gott nichts darbringen – es heißt nach der Wandlung: „Wir bringen Dir dar von Deinen Geschenken und Gaben“ – und schon gar nicht irgendeine Anspruchsmentalität damit verbinden. Nachdem Luther das katholische Messopfer in diesem Sinn missversteht, ist es für ihn ein papistischer Gräuel, schlimmer als Mord und Ehebruch; und nach dem Heidelberger Katechismus der Reformierten gilt: „Und ist also die Meß im Grund nichts anderes denn eine Verleugnung des einigen Opfers und Leidens Jesu Christi und eine vermaledeite Abgötterei“ (Frage 80). Ein Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ muss entweder die Lehre Luthers oder die tridentinische Messopferlehre aufgeben. Die Darbringung von Christi Leib und Blut in der heiligen Messe ist und bleibt Stein des Anstoßes und trennt die Konfessionen. 

 

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