Chur

Im Bistum Chur geht es um die Sache, nicht um Personen

Unter #DomkapitelLeaks tobt ein Meinungskrieg über ein durchgestochenes Protokoll der abgebrochenen Churer Bischofswahl. Im Fokus steht vor allem Generalvikar Grichting. Doch zu Recht?
Chur
| Im malerischen Chur hängt der Haussegen schief. Durch ein brisantes Leak soll das Domkapitel unter Druck gesetzt werden.

Was ein ordentlicher zeitgenössischer Skandal sein will, braucht natürlich den passenden Hashtag. #DomkapitelLeaks heißt der und wurde vom Schweizer Nachrichtenportal kath.ch gleich mitgeliefert, als es am Freitag vergangener Woche das Protokoll der gescheiterten Churer Bischofswahl ins Netz stellte – ein präzedenzloser, das kirchliche Leben weiter politisierende Vorgang. Trotz Schutzes durch das Päpstliche Geheimnis ließ sich da nachlesen, warum am Montag zuvor das wahlberechtigte Kapitel die römische Dreierliste mit knapper Mehrheit empört zurückgewiesen hatte (s. DT vom 27.11.) Seither tobt das liberal-katholische Lager der Schweiz.

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Kath.ch dämonisiert besonders Domkapitular Martin Grichting, den Lesern dieser Zeitung als Autor bekannt, als finsteren Strippenzieher der geplatzten Wahl. Von Grichtings Blutgrätsche ist da die Rede. Ein Domherr darf ihn anonym als katholischen Hooligan bezeichnen. Die Zürcher Synodalratspräsidentin Franziska Driessen-Reding ist entsetzt über die „unhaltbaren Zustände in der aktuellen Bistumsleitung“. Sie fordert Konsequenzen für Generalvikar Grichting. Insgesamt wird der Eindruck von Intrigen einer abgehobenen Kleriker-Kaste erweckt, denen das Kirchenvolk egal sei.

Chur ist deutlich stärker weltkirchlich orientiert

Tatsächlich führt diese holzschnittartige Lesart in die Irre. Denn sie macht nicht verständlich, warum das Deutschschweizer Bistum seit Jahrzehnten regelmäßig zum Schauplatz heftigster interner Spannungen wird. Entscheidend zum Verständnis der Churer Vorgänge und der Wucht und Erbitterung, mit der sie geführt werden, ist vielmehr: Es geht nicht um Personen, es geht um die Sache. Wer weiß, wie tief der Graben zwischen sakramental verfasster Kirche unter dem Bischof und autonomer, über die Kirchenfinanzen verfügender Laienkirche ist, wird sich über die Reaktion des Domkapitels auf die römische Kandidatenliste daher nicht wundern.

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Noch kürzlich unterlag das Bistum im Rechtsstreit mit einer sogenannten Landeskirche, die eine Abtreibungsorganisation mit Kirchensteuern unterstützt hatte. Dass Chur im Vergleich zur restlichen katholischen Deutschschweiz so widerständig ist, hat mit dem besonderen Wahlrecht dort zu tun. Anders als in Basel und Sankt Gallen hat Rom echten Einfluss auf die Bischofswahl und hat ihn etwa im Falle des vergangen Jahres emeritierten Bischof Vitus Huonder für Richtungsentscheidungen genutzt. So hat sich ein deutlich stärker weltkirchlich orientierter Klerus und Domkapitel herausgebildet als etwa in den ultra-liberalen Bistümern Basel und Sankt Gallen, die sich im Wesentlichen aus sich selber heraus reproduzieren.

"Brücken bauen" ist Synonym für Grabesruhe

Rom hat in Chur dabei nicht immer eine glückliche Hand bewiesen. 1997 gab Johannes Paul II. dem Kesseltreiben des progressiven Flügels nach. Die Abtrennung des Fürstentums Liechtenstein vom Churer Bistumsgebiet und die Abschiebung von Wolfgang Haas in die Mini-Diözese ist bis heute ein schlechter Witz. Unter Bischof Amédée Grab herrschte dann jener auf katholisch „Brückenbauen“ genannte Zustand der Grabesruhe, der angeblich so erstrebenswert ist. Der auch durch freundlich zuhörende Bischöfe nicht zu lösende Konflikt um die Ausrichtung des Bistums schwelte aber weiter, um unter Huonder wieder voll auszubrechen.

Rom wird daher gut beraten sein, jetzt nicht reflexartig zu handeln und einfach einen Kandidaten der Liste zu ernennen. Formal hätte der Papst jedes Recht dazu. Die dem Papst bei der Bischofsernennung zuarbeitenden Stellen sollten sich vielmehr unbedingt Bedenkzeit nehmen, warum die Liste auf derartige Ablehnung stieß. Trotz eines wortreichen Nicht-Dementis aus Sankt Gallen und Basel liegt massive ortskirchliche Einflussnahme auf der Hand. Der Papst wird indes um die Klärung der Frage nicht herumkommen: Ist Auskommen mit dem von Millionen Kirchensteuerfranken alimentierten Laienapparat oberste Bischofspflicht – oder die Verkündigung des unverkürzten Evangeliums, sei es gelegen oder ungelegen?

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