Addis Abeba

Haile Selassi, der letzte König der Könige, wurde vor 90 Jahren gekrönt

Die Krönung des äthiopischen Kaisers vor 90 Jahren war der Anfang vom Ende des christlichen Königreichs.
Äthiopische Kaiser Haile Selassie
Foto: IN | Der äthiopische Kaiser Haile Selassie.

Wenige der europäischen Teilnehmer an der glanzvollen Zeremonie am 2. November 1930 in Addis Abeba – sei es der Marschall von Frankreich, der Herzog von Gloucester, Sohn des englischen Königs George V. oder der Prinz von Udine als Emissär des italienischen Königs, seines Cousins – dürften sich bewusst gewesen sein, dass die Krönung von Teferi Mekonnen zum Neguse Negest – dem König der Könige –, Haile Selassie das Ende einer Epoche einläutete. Mit Haile Selassie (1892–1975), einem Cousin von Kaiser Menelik II., war der letzte Vertreter einer Dynastie auf den Thron Äthiopiens gelangt, die das christliche Reich am Horn von Afrika seit dem Jahr 1270 regiert hatte.

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Allerdings handelte es sich um keine Dynastie im strengen Sinn, da jeder Verwandte innerhalb der Großfamilie für die Kaiserwürde infrage kam. Ihrem Gründungsmythos nach wurde die äthiopische Kaiserfamilie auch als ,salomonische Dynastie‘ bezeichnet, denn sie führt sich auf den jüdischen König Salomon zurück. Nach dem alten Testament besuchte die ,Königin von Saba‘ den jüdischen König Salomon. Der äthiopischen Legende zufolge war diese Königin eine äthiopische Herrscherin, aus deren Verbindung mit Salomon ein Sohn namens Menelik hervorging, welcher, als er herangewachsen war, seinen Vater in Jerusalem besuchte, dann aber, mit der Bundeslade und in Begleitung zahlreicher Söhne jüdischer Adeliger, nach Äthiopien zurückkehrte, wo er als Menelik I. König wurde und in der Folge das ,wahre Israel‘ entstand. Die Bundeslade – äthiopisch ,Tabot‘ – wird seither und bis heute, so die Legende, in der alten Metropole Aksum (heute nahe der nordäthiopischen Grenze zu Eritrea gelegen) aufbewahrt.

Im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem nahmen die Äthiopier– ihrem eigenen Narrativ nach – auch das Christentum bald an, das seither Kern und Wesen ihrer Identität ausmacht. Faktisch und nachweislich kam das Christentum aber  erst im 4. Jahrhundert, wohl über das Rote Meer, ans Horn von Afrika, wo König Ezana es zur Staatsreligion erhob. Das Reich von Aksum führte seither eine betont christliche Politik, war mit (dem ebenfalls christlichen) Byzanz verbündet und intervenierte im 6. Jahrhundert in Südarabien zum Schutz dortiger Christen. An diese christliche Tradition knüpfte die ,salomonische Dynastie‘ an, auch wenn sie erst im 13. Jahrhundert die Macht übernahm.

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Diese Überlieferung war auch im 20. Jahrhundert noch das offizielle Narrativ des äthiopischen Kaiserreichs, in dieser Reichsideologie wurzelte auch das Selbstverständnis Haile Selassies und praktisch alle christlichen Äthiopier waren zutiefst von der Wahrheit dieser legendenhaften Erzählung überzeugt, auch wenn sie ahistorisch ist. Die Regierungszeit von Haile Selassie war eine Epoche der Krisen und Brüche, neuer Herausforderungen und einer sich rapide verändernden Welt. Der Kaiser hatte schon in den Jahren vor seiner Krönung als Regent verstanden, dass Äthiopien und er als dessen Herrscher sich im internationalen Kontext positionieren mussten – er machte Auslandsreisen, hielt Reden vor dem Völkerbund und stellte sich der Weltöffentlichkeit als der würdige Herrscher eines christlichen Reiches uralter Tradition dar.

Verbündeter der USA

Haile Selassies Rolle war früh bedroht – 1935 erobert das faschistische Italien sein Reich, der Kaiser flieht ins Exil nach England, nicht ohne in einer fulminanten Rede in Genf seine Position und die Rolle seines Staates und seiner Dynastie der internationalen Gemeinschaft vor Augen zu führen. Er verfehlt seine Wirkung nicht – das Time Magazine kürt ihn 1936 zum Mann des Jahres. Die Briten befreiten 1940/41 ,Africa Orientale Italiana‘, das neben Äthiopien seit Jahrzehnten bereits Somalia und Eritrea umfasst hatte.

Haile Selassie konnte nun auf seinen Thron zurückkehren. Er hatte erkannt, wo am Ende des 2. Weltkriegs die Zukunft lag – der Kaiser wandte sich den USA zu, die froh waren, einen Alliierten zu gewinnen, der in einem zunehmend schwierigen Umfeld gut in ihr Weltbild passte. Inmitten einer arabisch-islamischen Welt, die mehr und mehr antiimperialistisch-antiwestlich wurde, in der die alten Regime gestürzt wurden und Revolutionäre mit linker Agenda die Macht übernahmen, schien ein erzkonservativer christlicher Monarch ein wertvoller Verbündeter und ein Stabilitätsfaktor, der auch den amerikanischen Einfluss sichern half. Es war in diesem Kontext nur folgerichtig, dass der Westen half, Eritrea, das Land am Roten Meer, ins äthiopische Reich einzugliedern. Die Vereinten Nationen hatten 1950 zwar eine äthiopisch-eritreische Föderation vorgesehen, die 1952 implementiert werden sollte, wobei Eritrea ein eigenes Parlament und eine eigene Verfassung erhielt, doch wurde diese Föderation in der Folge von Äthiopien immer mehr demontiert und entwertet, Eritrea schließlich 1962 annektiert und als Provinz ins äthiopische Reich eingegliedert.

Als christlicher Monarch Stabilitätsfaktor in der Region

Eritrea war seit den 1940er Jahren zum Standort amerikanischer Militärbasen geworden, deren wichtigste ,Kagnew-Station‘, ein Horchposten in Asmara war, von dem aus der Nahe Osten, Südasien, Afrika und der Raum des Indischen Ozeans abgehört wurden. Insofern war die Annexion Eritreas durch den US-Alliierten Äthiopien durchaus im amerikanischen Interesse. Der Kaiser erhielt seinerseits ständig hohe amerikanische Hilfszahlungen, auf die das archaische Reich zunehmend angewiesen war.

Seine intransigente Eritrea-Politik aber hatte Haile Selassie und seinem Reich auf Jahrzehnte hinaus einen Krisenherd geschaffen, der nicht zuletzt auch zu seinem Sturz beitrug. Mit seiner brutalen Repression eritreischer Autonomie und Eigenständigkeit und seinem Versuch, Christen und Muslime gegeneinander auszuspielen, brachte der Kaiser die Eritreer beider Religionen gegen sich auf. Mit seiner archaisch-autokratischen Herrschaftsweise schuf er in ganz Äthiopien Unzufriedenheit. Der Kaiser inszenierte sich zwar gern als Modernisierer – doch sein Verständnis von Moderne war rein technisch-naturwissenschaftlich. Sein Gesellschaftsbild blieb tief traditionalistisch, wobei Reichstradition und Christentum eng verbunden blieben – Äthiopien war und blieb zuallererst ein christlicher Staat. Der Kaiser, so war es auch noch in der Verfassung von 1955 festgeschrieben, verdankte seine Würde und dominierende Stellung im Reich Gott allein. Volkssouveränität, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte waren bestenfalls relative Begriffe, denn über allem stand der Kaiser. An der starren Beibehaltung dieses Konzepts zerbrach letztlich die äthiopische Monarchie.

Ende einer 700- jährigen Dynastie

Haile Selassie verstand die Zeichen der Zeit nicht. Aus einem fehlgeschlagenen Putsch im Jahr 1960 lernte er nichts. 1974 beendete ein linker Militärputsch durch Major Mengistu Haile Maryam nicht nur das halbe Jahrhundert der Ära Haile Selassies, sondern auch die 700-jährige Epoche seiner Dynastie, die noch in der Verfassung von 1955 den biblischen Mythos ihrer Abstammung von König Salomon und der Königin von Saba bekräftigt hatte. Mit der Herrschaft des Kaisers, der 1975 ermordet wurde, ging auch der Einfluss der USA zu Ende, das nunmehr kommunistische Äthiopien wandte sich der Sowjetunion zu.

Wenn auch die orthodoxe Kirche Äthiopiens ihre dominierende Stellung unter kommunistischen Regimen eingebüßt hat – tiefe Frömmigkeit, die noch heute lebendig ist in zahllosen Kirchen und Klöstern und vielen christlichen Festen, ist auch in der Gegenwart kennzeichnend sowohl für Äthiopien als auch für Eritrea, obwohl beide linke Regierungen haben. Der eritreische Freiheitskampf, durch Haile Selassies unflexible und gewaltsame Unterdrückung um 1960 ausgelöst, hat nach über 30 Jahren 1991 zur Unabhängigkeit des Landes geführt. Äthiopien ist seit dem Tod des letzten Kaisers bis heute nicht mehr zur Ruhe gekommen. Aber in Aksum wird heute noch gutgläubigen Touristen der vermeintliche Palast der Königin von Saba gezeigt.

Der Autor ist Orientalist. Sein neues Buch über die Geschichte Äthiopiens und des Horns von Afrika wird im Frühjahr 2021 erscheinen.

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