Wien

"Gebet ist die Seele eines Landes"

Im Zeichen von Medjugorje wurde der Wiener Stephansdom neuerlich zum größten Beichstuhl Österreichs.
Wiens Kardinal Christoph Schönborn
| Wiens Kardinal Christoph Schönborn warb in der Predigt dafür, zu Jesus zu kommen und ihm das Herz auszuschütten.

Wenn Medjugorje der „größte Beichtstuhl der Welt“ ist, wie es immer wieder heißt, dann war an diesem Donnerstagabend der Wiener Stephansdom der größte Beichtstuhl Österreichs. Mehr als hundert Priester kamen am 19. September zum zwölften Friedensgebet in die Kathedrale der österreichischen Bundeshauptstadt, doch bei etwa 3.000 Gläubigen hatten viele von ihnen mit Beichtwilligen stundenlang zu tun.

„Das größte Wunder von Medjugorje ist sicher die Beichte“, meinte der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, dann auch in seiner Predigt. Viele Menschen würden in dem kleinen herzegowinischen Ort, der seit 1981 so viel internationale Beachtung findet, zum ersten Mal nach Jahren oder Jahrzehnten wieder beichten. „Woher kommt es, dass wir so viel Angst haben vor Gott?“, fragte Kardinal Schönborn, um selbst diese Antwort zu geben: Jeder könne zu Jesus kommen, um ihm das Herz auszuschütten. „Je mehr wir wissen, dass wir arme Sünder sind, desto mehr zieht Jesus uns an.“ Die Botschaft von Medjugorje sei, „dass die Muttergottes ein Herz für uns hat, dass wir immer zu ihr kommen können – was auch immer in unserem Leben geschehen ist und geschieht“.

Kranke, Drogensüchtige, Gläubige und Ungläubige

Zuvor hatte Marija Pavlovic-Lunetti – eines der „Seher-Kinder“ von Medjugorje, mittlerweile 54-jährig in Mailand lebend und Mutter von vier Kindern – von ihren Glaubenserfahrungen berichtet. Die Gottesmutter habe sie gelehrt, alle Menschen mit ihren Augen zu sehen: „Wir begannen zu lächeln und mit mehr Freude Zeugnis zu geben. Das Gebet wurde zur Freude für uns.“ Nach Medjugorje kämen Kranke, Drogensüchtige, Gläubige und Ungläubige, „auch religiöse Fanatiker“, so Pavlovic-Lunetti. Viele machten jedoch diese Erfahrung: „Wenn wir knien, sind wir am stärksten. Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir erlauben, dass Gott es durch uns tut.“

Die Gottesmutter Maria wolle, dass jeder Atemzug ein Gebet sei, denn ein Mensch des Gebets sei auch ein Mensch des Friedens. Die Frucht des Gebets sei karitative Liebe, darum seien in Medjugorje so viele geistliche und materielle Werke entstanden. Marija Pavlovic-Lunetti rief die Beter im Stephansdom auf, Gott zu erlauben, „dass wir seine Instrumente werden können“. Für Gott sei es möglich, Frieden in unsere Herzen, in unsere Familien und in die ganze Welt zu bringen. „Gott ist gut und barmherzig, und er ruft uns zu einem Leben mit ihm.“

Dompfarrer Toni Faber meinte einleitend, er freue sich, dass der Stephansdom, der das ganze Jahr über Touristen anziehe, die kommen um zu staunen und zu schauen, an diesem Abend zum Gebet genutzt werde. Und tatsächlich waren die Glaubenszeugnisse der rund sechsstündigen Gebetsveranstaltung eingerahmt von Rosenkranzgebet, Anbetung und frommen Liedern in mehreren Sprachen. „Gospa majka moja, kraljica mira“ – Gottesmutter, meine Mutter, Königin des Friedens – erklang auf Kroatisch immer wieder, ganz wie in Medjugorje.

Durch die heuer im Mai erfolgte Erlaubnis des Papstes, offizielle Wallfahrten nach Medjugorje durchzuführen, sei dies für den Ort in der Herzegowina ein ganz besonderes Jahr, berichtete der Leiter der „Oase des Friedens“, der Wiener Arzt Christian Stelzer. So seien heuer 14 Bischöfe beim traditionellen Jugendfest Anfang August in Medjugorje gewesen. „Die Welt wartet auf eine Veränderung. Die Christen können sie bewirken, aber nicht durch ihr Tun, sondern durch ihr Gebet.“ Mit dem Rosenkranz in der Hand sollten sie den Frieden erbeten, so Stelzer. „Wenn wir uns führen lassen, gibt es die wunderbare Veränderung von uns selbst und der Welt!“

Medjugorje regt zur Hilfe an

Der Schotte Magnus MacFarlane-Barrow gründete – inspiriert von Besuchen in Medjugorje während seiner Jugend – die Aktion „Mary's Meals“, die im Jahr 2002 damit begann, zunächst 200 Kinder in Malawi zu ernähren. Mittlerweile erhalten 1,5 Millionen Kinder in den ärmsten Ländern der Welt täglich eine Mahlzeit, und zwar in einer Schule oder an einem anderen Ort ihrer Ausbildung.

In Madagaskar ernähre die Initiative ehemalige Straßenkinder sogar in einem Gefängnis, nachdem sie von der Polizei ohne irgendein Gerichtsverfahren eingesperrt wurden und nun von einem katholischen Priester im Gefängnis unterrichtet werden. In Malawi habe eines der Mädchen der ersten Generation von „Mary's Meals“ mittlerweile ihren Universitätsabschluss gemacht. Sie bekenne heute, dass sie ohne die Aussicht auf ein tägliches Essen niemals zur Schule gegangen wäre.

„Mary's Meals“ ist ebenso eine Frucht von Medjugorje wie die Obsorge der italienischen Ordensfrau Elvira Petrozzi für Suchtkranke. Sie gründete 1983 nahe Turin ein erstes Haus für Drogensüchtige. Aus diesem ersten „Cenacolo“ wuchsen etwa 70 Einrichtungen in 18 Ländern der Welt, in denen überwiegend junge Menschen durch Arbeit, Gemeinschaft und Gebet ihren Weg aus der Sucht finden. Ein ehemaliger Drogenkranker, der im österreichischen Cenacolo im Burgenland lebt, sagte beim Gebetsabend im Stephansdom, es sei nicht einfach, Drogensüchtige zu begleiten, weil Therapie-Resistenz zum Suchtverhalten gehöre. Aber „Gott kann die Droge, die Traurigkeit und den Zorn besiegen“. Er und die anderen Bewohner des Cenacolo wollten die wiedergewonnene Lebensfreude und Hoffnung hinaustragen. „Man kann kein Christ sein, ohne missionarisch zu sein!“ Allein könne kein Christ in seinem Christsein wachsen. „Gott spricht durch die Menschen in unserer Umgebung.“ Und weiter: „Das Gebet ist die Seele eines Landes!“ Beim Friedensgebet im Wiener Stephansdom wurde etwas davon spürbar.

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