Rom

Freiheit ist der beste Garant gegen Missbrauch

Spiritualität ist keine rosarote Scheinwelt, unterstreicht der vormalige Münchner Generalvikar Peter Beer. Er lehrt als Gastprofessor am Zentrum für Kinderschutz der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Ein Gespräch über die Möglichkeiten, geistlichem Missbrauch vorzubeugen.
Peter Beer
Foto: imago stock&people | Prof. Dr. Beer: "Spiritualität bedeutet, sich und das eigene Erleben in der Welt immer wieder neu unter den Anspruch der Botschaft Jesu Christi zu stellen.

"Nicht mehr Knechte nenne ich Euch, sondern Freunde!"

Herr Professor Beer, bei einer kirchlichen Tagung zum Thema geistlicher Missbrauch wurde kürzlich deutlich, dass in sich gute pädagogische und spirituelle Methoden durch missbräuchliche Anwendung verletzend wirken. Wie kann man die Gabe der Unterscheidung stärken, um Missbrauch auf diesem Gebiet besser wahrzunehmen?

Geistigen und geistlichen Missbrauch erkennen zu können, setzt voraus, das benennen zu können, was denn das Gegenstück dazu ist, also das positive Ziel geistiger beziehungsweise geistlicher Begleitung. In diesem Zusammenhang scheint mir ein Jesuswort von besonderer Bedeutung zu sein: Nicht mehr Knechte nenne ich Euch, sondern Freunde (Johannes 15, 15). Begleitung von Menschen bedeutet nicht, sie abhängig von wem oder was auch immer zu machen, sondern ihnen zur Freiheit der Kinder Gottes zu verhelfen. Diese christliche Freiheit ist der größte Garant gegen Missbrauch.

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Welche strukturellen Änderungen sind in der Vermittlung von Glaubensinhalten notwendig?

Glaube kann man nicht „machen“. Glaube ist ein Geschenk, ein personales Geschehen zwischen Gott und demjenigen, der glaubt. Dieses personale Geschehen kennt Wachstum, Krisen, Fragen, Vertiefung und Entwicklung, ist ein dauerhafter Prozess, den man als Seelsorger begleiten, aber nicht autoritär bestimmen kann und darf. So verstanden bedarf es der seelsorglichen Zurückhaltung. Strukturen im Bereich der Glaubensvermittlung, die vor allem auf bestimmten absolut gesetzten Ziel- und Zeitvorgaben beruhen, wirken dabei kontraproduktiv, genauso wie Religionspädagogen, die meinen, sie seien die Herren und nicht Diener oder Unterstützer der eigentlich bedeutenden Begegnung zwischen Gott und denen, die ihn suchen.

Innerhalb der strukturellen Rahmenbedingungen der Vermittlung von Glauben braucht es bei den in diesen Strukturen tätigen Personen die johanneische Grundeinstellung: ich muss abnehmen, er aber muss wachsen. (Johannes 3, 30) Das muss der grundlegende Ausgangspunkt aller Strukturen und allen Handelns in diesem Kontext sein.

Welche Persönlichkeitsprofile machen anfällig für geistigen und geistlichen Missbrauch?

Auf Täterseite sind es oft die Schwachen, Unsicheren, vom Leben Enttäuschten, die sich hinter Titeln, Positionen und vielen anderen Äußerlichkeiten verstecken müssen, um ihr fehlendes Selbstwertgefühl zu kompensieren. Demselben Zweck dient dann nicht selten auch der Missbrauch von Macht, um sich über andere zu erheben, sie kleinzuhalten und/oder abhängig zu machen.

"Auf Täterseite sind es oft die Schwachen, Unsicheren, vom Leben Enttäuschten,
die sich hinter Titeln, Positionen
und vielen anderen Äußerlichkeiten verstecken müssen, ... ."

Wie können solche Menschen besser erkannt und begleitet werden?

Indem man sie nimmt, wie sie sind. Konkret heißt das in der Ausbildung von Religionspädagogen, Seelsorgern, Diakonen und Priestern, auf überhöhende Idealisierungen und leere Formalismen zu verzichten, um einerseits grundsätzlich zu Schwächen und Fehlern stehen, sie ansprechen und daraus lernen zu können. Andererseits sollten Glaubensüberzeugungen oder das, was man dafür hält, sich immer im konkreten Leben bewähren müssen. Nur so wird man wahrscheinlich demütig genug, um eigene Grenzen zu erkennen und sich notwendige Selbstbeschränkungen aufzuerlegen.

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Was muss in der Ausbildung von Religionspädagogen, Seelsorgern und Priestern verbessert werden?

Diese Frage kann man so nicht einfach schnell allgemein beantworten. Zu unterschiedlich sind die verschiedenen Ausbildungsgänge und -arten der einzelnen Berufsgruppen sowie die Lebensentscheidungen, die teilweise damit mehr oder weniger automatisch verbunden sind. Umso wichtiger ist es, dass die einzelnen Berufsgruppen durchgängig bereit sind, voneinander zu lernen, sich gegenseitig kritisch-konstruktiv zu begleiten, sich gegenseitig zu fördern und die unterschiedlichen Charismen anzuerkennen. So lassen sich wahrscheinlich mit am besten Einseitigkeiten und Engstirnigkeiten vermeiden, die einer angemessenen Berufsausübung im Wege stehen.

"Auch für Seelsorger gilt in gewisser Weise der Spruch: Arzt heile Dich selbst."

Sind regelmäßige Supervisionen sinnvoll?

Auf jeden Fall. Supervisionen sollen dabei helfen, das eigene Handeln und Verhalten besser zu verstehen und bewusster damit umzugehen. Auch für Seelsorger gilt in gewisser Weise der Spruch: Arzt heile Dich selbst. Nur wer seine eigenen Stärken, aber auch Schwächen, Ängste und Verletzungen kennt, kann professionell angemessen mit denjenigen der anderen umgehen, ohne ihnen die eigenen Muster aufzuzwingen.

Wenn ja, wer sollte sie durchführen?

Diejenigen, die dafür qualifiziert und ausgebildet sind.

Was muss im Blick auf die spirituelle Grundhaltung geschehen, um die Wahrnehmung für dieses Phänomen zu stärken?

Spiritualität ist nicht die Flucht in eine rosarote Scheinwelt. Spiritualität bedeutet, sich und das eigene Erleben in der Welt immer wieder neu unter den Anspruch der Botschaft Jesu Christi zu stellen. Ein wesentlicher Kern davon ist der Ruf nach Umkehr und Erneuerung. Diesen Ruf gilt es ganz konkret anzunehmen, sich selbst und seine Arbeit immer wieder zu hinterfragen: Was mache ich, wie mache ich es und warum mache ich es? Geht es mir um die Ehre Gottes und das Heil derer, zu deren Dienst ich berufen bin, oder geht es letztendlich nur um mich: um mein Ansehen, meinen Einfluss, meine Position, meine Ehre, meine Anerkennung, meinen Stolz?

Halten sie die Entkopplung von Beichtvollmacht und Priesteramt oder eine temporäre Beauftragung in diesem Feld, wie sie auf der Tagung ins Gespräch gebracht wurde, für sinnvoll?

Das Unterbrechen von eingefahrenen Mustern ist sinnvoll, wenn damit verhindert wird, dass sich durch ungute Gewohnheiten und Automatismen Verengungen und Sonderwelten herausbilden, in denen bestimmte Personen, Rollen und Handlungsweisen nicht mehr hinterfragt werden und die Bereitschaft zur Rechtfertigung ausfällt. Letztendlich laufen aber solche strukturellen Musterunterbrechungen ins Leere, wenn man sich nicht geistlich weiterentwickelt.

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