ExerCITIUM: Auf der Weltflucht

Zum Lebensstil der Moderne passt kein Eingebundensein an die Heimat oder einen Ort. Man muss unterwegs sein, so wie einst die Nomaden. Ist das wirklich so erstrebenswert?

Wie hält man es mit seinem Land? Darf man es, soll man es lieben? Im biblischen Buch der Sprichwörter finde ich eine indirekte Antwort: „Darum geh den Weg der Guten,/ halte ein der Gerechten Pfade! Denn die Redlichen werden im Land wohnen,/ die Rechtschaffenen darin bleiben. Doch die Frevler werden vertilgt aus dem Land,/ die Abtrünnigen herausgerissen.“ (Spr 2, 20–22). Der Verlust des Landes ist die schrecklichste Strafe; so, wie der Besitz des Landes das höchste Versprechen war, das Gott seinem Volk geben konnte. Das deutsche Wort „Elend“ stammt aus dem mittelhochdeutschen „Ellende“ und bedeutet ursprünglich „anderes Land“: in der Fremde wohnen müssen. Heute aber haben wir einen fast zum sittlichen Gesetz hochgejubelten Nomadismus, der weniger aus der wirklichen Erfahrung eines Lebens in der Fremde stammt, als aus der Sicht eines Bewohners der Airport-Lounge mit VIP-Status. Der 2017 verstorbene Soziologe Zygmunt Baumann war ein großer Matador der „flüchtigen Moderne“ und ihres Sieges über „Territorialität“ und örtliches Eingebundensein. Man muss einen Augenblick innehalten: In der „flüchtigen Moderne“ höre ich die Fluchten und die Flüchtlinge. Die vermeintlich fortschrittliche Feier der Entortung ist ruchlos. Sie hatte sich in der Philosophie seit langem vorbereitet.

Ende 2018 waren nach Angaben des Hilfswerks UNHCR weltweit 70, 8 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht.

Das eine ist es, hier die Tragödien zu sehen und nach Abhilfen zu suchen, das andere aber, diesen Zustand als normativ hochwertigen, geradezu sittlich gebotenen zu begrüßen: Nicht zu sagen, Heimat gibt es nicht mehr, sondern zu sagen, es ist gut, dass es Heimaten nicht mehr gibt. Der Philosoph Emmanuel Levinas (1906 bis 1995) schrieb nach Juri Gagarins erstem Weltraumflug 1961 einige Gedanken nieder, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig lassen. Die Heimat an sich ist das Falsche, fast schon das Verbrechen selbst: „Das Eingepflanztsein in eine Landschaft, die Verbundenheit mit dem Ort, ohne den das Universum bedeutungslos würde und kaum existierte — eben dies ist die Spaltung der Menschheit in Einheimische und Fremde.“ Das Lokalkolorit der sesshaften Kultur gilt es abzustreifen, mitsamt allen Partikularismen, denn man müsste, sagt Levinas, „unterentwickelt sein, um sie als Daseinsgründe zu beanspruchen und in ihrem Namen um einen Platz in der modernen Welt zu kämpfen“.

Das sei die Botschaft von Gagarins Weltraumflug: „Was vielleicht mehr als alles andere zählt, ist die Tatsache, den Ort verlassen zu haben. Eine Stunde hat ein Mensch außerhalb jedes Horizonts existiert – alles um ihn herum war Himmel, oder genauer, alles war geometrischer Raum. Ein Mensch existiert im Absoluten des homogenen Raums.“ Sehr wahr: Es handelte sich um eine Stunde. Aber Menschen können in diesem Raum nicht wohnen.

Es bleibt das Rätsel, warum ein Zustand, den man vor dreitausend, ja noch vor tausend Jahren als größtes Unglück ansah, zum Ideal hochgejubelt werden konnte. Auch die neuen Medien sollten für eine „Entortung“ sorgen; von einer „Vernichtung des Raumes“ und der „Auflösung von Lagebeziehungen“ war die Rede. Nur wenige, unter denen die Philosophin Sybille Krämer eine ehrende Erwähnung verdient, stimmten nicht in den Chor der globalistisch-nomadischen Lobredner ein, die sie vielmehr im altbekannten „vorauseilenden Gehorsam“ gegenüber mächtigen Tendenzen sahen. Die „flüchtigen Modernen“ sind auf der Weltflucht. Im rein geometrischen Raum (ohne Welt, Gegend, Heimat) ließe sich meiner Lebensgeschichte keinen Sinn mehr geben.

Weitere Artikel
Sterbehilfe in Österreich
Suizidhilfe
„Dann werden wir kämpfen müssen“ Premium Inhalt
Der Primas Germaniae und Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Erzbischof Franz Lackner OFM im Tagespost-Gespräch zu den höchstrichterlichen Suizidhilfe-Urteilen in Österreich ...
22.04.2021, 21  Uhr
Stefan Rehder
Themen & Autoren
Emmanuel Levinas Juri Gagarin Philosophen Soziologinnen und Soziologen

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer