Etappen der Wiederannäherung

Vor 55 Jahren tauschten Deutschland und Israel erstmals Botschafter aus. Adenauers Enkel Konrad erinnert sich .Von Constantin und Ulrike von Hoensbroech

Im Namen des deutschen Volkes sind aber unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten. Die Bundesregierung ist bereit, gemeinsam mit Vertretern des Judentums und des Staates Israel, der so viele heimatlose jüdische Flüchtlinge aufgenommen hat, eine Lösung des materiellen Wiedergutmachungsproblems herbeizuführen, um damit den Weg zur seelischen Bereinigung unendlichen Leides zu erleichtern.“ Am 27. September 1951 erklärte sich der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) unter anderem mit diesen Worten bei einer Rede im Deutschen Bundestag in Bonn bereit, bilaterale Gespräche mit Israel aufzunehmen.

Fast genau ein Jahr später, am 10. September 1952, wurde das Luxemburger Abkommen unterzeichnet. Es sah Zahlungen, Exportgüter und Dienstleistungen im Gesamtwert von 3,5 Milliarden Mark vor, mit denen die Bundesrepublik Deutschland den jungen israelischen Staat bei der Wiedereingliederung jüdischer Flüchtlinge unterstützte sowie die Rückerstattung von Vermögenswerten einleitete. Mehr noch: Mit dem „Luxemburger Abkommen“ im Jahr 1952 begann die Wiederannäherung zwischen Deutschland und Israel.

Im Deutschen Bundestag konnte Adenauer die Ratifizierung des Vertragswerks knapp durchsetzen – mit den Stimmen der oppositionellen SPD und gegen Widerstände aus der eigenen Regierungskoalition. Die Gegner des Ausgleichs befürchteten, dass ein materieller und finanzieller Ausgleich mit Israel für die junge Bundesrepublik Deutschland nur schwer verkraftbar sein und zu erheblichen Spannungen zwischen Deutschland und den arabischen Staaten führen würde. Die arabischen Staaten boykottierten damals Israel wirtschaftlich und sie drohten, ihre Wirtschaftssanktionen auch auf Deutschland auszudehnen.

Unbeirrt für einen Ausgleich mit Israel

„Großvater setzte seinen Weg unbeirrt fort, weil er davon überzeugt war, dass ein solcher Ausgleich wesentlich für die angestrebte Westintegration der jungen Bundesrepublik sei, was sich ja dann einige Jahre später als richtig herausstellte“, sagt Konrad Adenauer. Der gleichnamige Enkel des Bundeskanzlers ergänzt, dass sein Großvater seine Auffassung von der moralischen Wiedergutmachung Deutschlands in einem Brief an Nahum Goldmann, einen der Wegbereiter der Staatsgründung Israels sowie langjähriger Präsident des jüdischen Weltkongresses, bekräftigt hat. Dieser Brief gehört heute zum Archivbestand der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Bad Honnef-Rhöndorf. Bei einem persönlichen Zusammentreffen von Adenauer und Goldmann im Dezember 1951 in London wurde vereinbart, Vertreter des Weltkongresses an den Verhandlungen zu beteiligen, die schließlich zum „Luxemburger Abkommen“ geführt haben.

„Ohne dieses Abkommen wäre es nicht zur Eröffnung der israelischen Handelsmission im Jahr 1953 in Köln sowie schließlich – gerade einmal 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – am 12. Mai 1965 zur Vereinbarung über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen gekommen“, so der 75 Jahre alte Kanzler-Enkel im Gespräch mit der „Tagespost“. Dass Israel die Bundesrepublik Deutschland als Verhandlungspartner akzeptierte, sei damals ein starkes Zeichen gewesen, denn „allein durch diese Verhandlungen einerseits, aber auch mit dem Abkommen andererseits ist die Aufnahme und Beteiligung Deutschlands an anderen bedeutenden Verträgen der 1950er Jahre befördert worden“. Dies waren 1951 die Gründung der Montanunion, die Aufnahme Deutschlands in die NATO im Jahr 1955 sowie die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mit den Römischen Verträgen von 1957.

Vor 55 Jahren, am 19. August 1965, trat der erste deutsche Botschafter, Rolf Pauls, in Israel seinen Dienst an, begleitet von Demonstrationen und Protesten. Es flogen Steine gegen den ehemaligen Wehrmachtsoffizier, der sich im Jahr 1967 anlässlich des Sechs-Tage-Krieges für das Existenzrecht Israels einsetzte und damit viel Anerkennung persönlich sowie für Deutschland erntete. Unter den Protestlern bei seiner Amtseinführung 1965 war auch Menachem Begin, der 1977 israelischer Ministerpräsident wurde.

Schon bei den Verhandlungen zum „Luxemburger Abkommen“ spielte Begin eine Rolle. „Es gab damals ein Briefbombenattentat auf einen deutschen Verhandlungsbeteiligten und ein Paketbombenattentat auf meinen Großvater. Es ist heute nachgewiesen, dass diese Attentate von der israelischen Untergrundorganisation Irgun veranlasst worden sind, deren Chef Menachem Begin war“, erinnert sich Konrad Adenauer.

Der Notar pflegt seit Jahrzehnten das politische Vermächtnis seines Großvaters – vor allem als Vorstandsmitglied der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. Der ehemalige Bundeskanzler selbst, der sich so um den Ausgleich zwischen den Ländern eingesetzt hatte, reiste erst 1966 im Alter von 90 Jahren als Bundeskanzler a. D. nach Israel. Dabei traf er auch David Ben Gurion, den ersten Staatspräsidenten Israels. Mit ihm hatte sich Adenauer 1960 in New York getroffen und die entscheidenden Weichen für den Austausch zwischen beiden Ländern gestellt. Die Bilder dieses Treffens gingen seinerzeit um die Welt und gehören heute noch zu den bedeutendsten fotografischen Zeugnissen, die den Weg der Aussöhnung dokumentieren.

„Ben Gurion legt auf einem Bild sogar geradezu fürsorglich seine Hand auf die meines Großvaters“, bemerkt Konrad Adenauer beim Betrachten der Bilder, die Weltgeschichte dokumentieren. Er selbst ist bei verschiedenen Anlässen drei Enkeln von David Ben Gurion begegnet. „Jedes dieser Zusammentreffen war für beide Seiten stets sehr bewegend.“

Adenauer und Ben Gurion wollten die Aussöhnung

Konrad Adenauer, dessen bedeutender Großvater auch sein Patenonkel gewesen ist, hat mittlerweile siebenmal das Heilige Land besucht, zuletzt Anfang März. „Die Beziehungen sind in meinen Augen sehr gut und robust. Es darf ja nie vergessen werden, wo wir herkommen. Da ist es umso wunderbarer, dass wir nun nicht nur ein gutes, sondern ein freundschaftliches Verhältnis haben.“ Freundschaft mit Israel? Adenauer zeigt sich überzeugt, dass gute Beziehungen zu Israel für Deutschland mittlerweile eine Selbstverständlichkeit sind. „Natürlich gibt es diese Verpflichtung, die sich aus den schrecklichen Jahren des Nationalsozialismus ergibt.“

Doch dies entspringe längst nicht mehr der Haltung „Ich muss das tun“, sondern sei seit vielen Jahren „ein innerer Antrieb, eine Anstandspflicht, die man wirklich gerne tut im Sinne von ,Wir wollen das‘ – und ich glaube, dass das von beiden Seiten so gesehen wird“.

Bei ihrer Rede vor der Knesset, dem israelischen Parlament, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Jahr 2008 betont, dass es zur deutschen Staatsräson gehört, das Existenzrecht Israels zu schützen. „Das hätte Großvater sehr gefallen“, glaubt Konrad Adenauer und konkretisiert, was das aus seiner Sicht inhaltlich bedeutet: „Dass man ein gemeinsames Verständnis von dem hat, was ein Staatswesen ausmacht – Freiheit, Gleichheit, sozialer Rechtsstaat. Und dass man sich gegenseitig verspricht, auf Basis solch grundlegender Überzeugungen den jeweiligen Staat zu festigen und weiterzuführen.“

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