Kommentar

Es geht auch um Vertrauen

Zum Prozess gegen den Aachener Weihbischof Bündgens.
Weihbischof Johannes Bündgens
Foto: Ralf Roeger (dpa) | Weihbischof Johannes Bündgens sollte sich dem Verfahren stellen.

Selbstverständlich hat jeder Angeklagte das Recht, alle ihm durch die Strafprozessordnung eingeräumten Verfahrensoptionen in Anspruch zu nehmen. Dazu gehört, sich darauf berufen zu dürfen, dass man sich aufgrund einer Verhandlungsunfähigkeit nicht gegen den Vorwurf der Anklage angemessen verteidigen kann. Ebenso verständlich ist es aber auch, dass die Zuschauer im Amtsgericht Kerpen und viele andere Prozessbeobachter von dem Aachener Weihbischof Bündgens erwartet hätten, dass er sich dem Strafverfahren stellt.

Vertrauen verloren

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Insbesondere deshalb, weil sein Verteidiger nicht müde wird, immer wieder zu betonen, dass sein Mandant unschuldig sei. Seine Unschuld kann er allerdings nur in einem vor dem Schöffengericht zu führenden Hauptverfahren unter Beweis stellen. In Zeiten, in denen die Kirche von Missbrauchs- und Finanzskandalen immer wieder erschüttert wird, geht immer dann, wenn der Eindruck entsteht, dass Würdenträger sich ihrer Verantwortung entziehen wollen und nicht transparent mit ihrem Handeln umgehen, weiteres Vertrauen verloren.

Kein Vorurteil

Selbstverständlich darf ein Angeklagter nicht vorverurteilt werden, erst dann, wenn ein rechtskräftiges Urteil gegen ihn ergangen ist, gilt er als bestraft. Dennoch lässt es sich nicht verhehlen, dass immer ein „Geschmäckle“ unabhängig vom Ausgang bleibt. Ein Weihbischof lässt sich eine Vollmacht für die Bankgeschäfte einer verwitweten Dame übertragen, benutzt ihr Geld dann beim Kauf eines Hauses, ein zugesagtes Wohnrecht wird nicht notariell verbrieft und am Ende wird der Weihbischof dann noch als Erbe eingesetzt. Im Bereich der Pflege gibt es für Näheverhältnisse gute Vorschriften: Wer eine Person professionell pflegt, darf sie in der Regel nicht beerben. Das sollte auch für Seelsorger und Würdenträger gelten. So entsteht nie der Eindruck, dass man nur Gutes tut, weil man Besseres für sich erwartet.

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