Brandenburg-Görden

Ernst Volkmann: Ein Märtyrer des Gewissens

Ernst Volkmann handelte aus religiösen Gründen, als er vor achtzig Jahren den Eid auf Adolf Hitler verweigerte. Eine Würdigung erfolgte erst nach Jahrzehnten.
Zuchthaus Brandenburg-Görden
Foto: IN | In diese Garage des Zuchthauses Brandenburg-Görden ließ die Nazi-Justiz im Sommer 1940 eine Hinrichtungsstätte einrichten, in der auch Ernst Volkmann hingerichtet wurde.

"Ich habe seit meiner ersten Begegnung wie heute in ihm einen Heiligen gesehen, einen Mann, der tief religiös war und mit glühender Liebe an Österreich hing. Deshalb könne er einem Mann wie Hitler nach allem, was er der Kirche und Österreich angetan habe, nicht den Eid der Treue leisten. Für diese seine Überzeugung ist er in den Tod gegangen.“ So schrieb Albrecht Jochmann, der im Gefängnis Brandenburg-Görden Ernst Volkmann vor dessen Hinrichtung am 9. August 1941 priesterlich betreut hatte, im Oktober 1946 an Volkmanns Witwe Maria.

Ernst Volkmann gehört zu den wenigen Widerstandskämpfern, die dem Treueid auf Adolf Hitler aus religiösen Gründen zu verweigern wagten. Nach dem Tod von Reichspräsident Paul von Hindenburg am 2. August 1934 sollten die Rekruten beim Eintritt in die Wehrmacht nicht mehr schwören, dass sie „Volk und Vaterland allzeit treu und redlich dienen“, sondern dass sie „dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten“ wollten.

Sein Leben blieb der Öffentlichkeit verborgen

Von den Zeugen Jehovas abgesehen – sie lehnten nicht speziell den Hitler-Eid, sondern überhaupt den Militärdienst ab –, waren es nach neuesten Erkenntnissen lediglich etwa zwanzig Katholiken und neun evangelische Christen, die aus Gewissensgründen diesen folgenschweren Schritt taten. Mit Ausnahme der seliggesprochenen Franz Jägerstätter und Josef Mayr-Nusser sowie von Pater Franz Reinisch, dessen Seligsprechungsprozess auf Diözesanebene abgeschlossen ist, sind die wenigsten von ihnen allgemein bekannt.

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Regisseur Terrence Malick nannte seinen Spielfilm über den seligen Franz Jägerstätter „Ein verborgenes Leben“. Der Öffentlichkeit verborgen blieb ebenfalls das Leben des nunmehr vor achtzig Jahren hingerichteten Ernst Volkmann. Geboren am 3. März 1902 in der böhmischen Kleinstadt Schönbach bei Eger (heute Luby, Tschechien), gut vierzig Kilometer westlich von Karlsbad, erlernte er den Beruf eines Instrumentenbauers. Einen flüchtigen biografischen Abriss bietet die Anklageschrift vom 13. Juni 1941. Dort heißt es, dass Volkmann, „wie er angibt, streng katholisch erzogen wurde“. Tätig sei er nach Abschluss der Lehrzeit in Augsburg und in anderen Orten gewesen. „Im Jahre 1927 machte er sich in Bregenz als Gitarrenbauer selbständig. 1930 heiratete er. Aus der Ehe sind drei Kinder hervorgegangen.“ In einer ihm gewidmeten, für die katholische Kirche Vorarlberg 2005 von Susanne Emerich und Walter Buder herausgegebenen Broschüre mit dem Titel „Mahnwache“ gibt Meinrad Pichler die Reaktion Ernst Volkmanns auf den sogenannten „Anschluss“ Österreichs im März 1938 wieder: Er habe „das Unrecht öffentlich beim Namen und Hitler einen Mörder“ genannt.

Folgen einer solchen Äußerung sind zwar nicht bekannt. Als folgenschwer stellte sich jedoch heraus, dass Ernst Volkmann Ende 1939 einer ersten Stellungsaufforderung fernblieb. Begegneten die Militärbehörden einer solchen Ignorierung noch mit einer drohenden Ermahnung, so erfolgte die Verhaftung nach der zweiten Weigerung. Zwar wurde er zunächst im Oktober 1940 aus dem Landesgefängnis entlassen, aber seiner Existenz wurde die Grundlage entzogen, denn die Gestapo betrieb den „Entzug des Gewerbes, um Volkmann die Möglichkeit zu nehmen, mit seinen verbohrten Ansichten an die Öffentlichkeit zu treten.“

Das Todesurteil steht von Anfang an fest

Am 14. Februar 1941 wurde Volkmann erneut verhaftet und in die Kaserne Lienz zum militärischen Dienstantritt zwangsüberstellt. Die Anklageschrift stellt nüchtern fest: „Am 4.3.1941 erklärte der Beschuldigte seinem Kompanie-Führer gegenüber, daß er den Eid auf den Führer verweigere, weil seine streng religiöse katholische Anschauung sich nicht mit der des Nationalsozialismus vereinbaren lasse. Er wurde daraufhin festgenommen.“ Sie enthält auch weitere Aussagen Volkmanns bei Vernehmungen durch das Gericht der Division Nr. 188 in Salzburg: „Er könne weder den Eid auf den Führer noch Wehrdienst leisten, weil er den Nationalsozialismus nicht anerkennen könne, da die Nationalsozialisten Dollfuß ermordet hätten. Er sehe in der Wehrdienstleistung ,eine Vergewaltigung seiner sittlichen Freiheit zur Verteidigung des Nationalsozialismus'" Daraufhin wird Ernst Volkmann dem Reichskriegsgericht in Berlin unterstellt, vor dem die Hauptverhandlung am 7. Juli 1941 stattfindet. Das Todesurteil steht ohnehin von Anfang an fest. Nach Eintreten der Rechtskraft des Urteils am 26. Juli wird Volkmann ins Zuchthaus Brandenburg-Görden überstellt, wo er am 9. August 1941 – auf den Tag genau zwei Jahre vor Franz Jägerstätter – hingerichtet wird.

Über seine letzten Stunden berichtet der ihn betreuenden Gefängnispfarrer Albrecht Jochmann in einem Brief an Maria Volkmann vom selben Tag: „Heute früh um 5.05 Uhr ist das Todesurteil vollstreckt worden. Ich habe das sehr schmerzlich bedauert, umso mehr als ich in Ihrem Mann einen Christen von seltener Innerlichkeit erkannte. Ich bin dann die letzte Nacht bei ihm geblieben; er hat mit vorbildlicher Andacht gebeichtet und kommuniziert heute früh um 3.00 Uhr; er blieb ruhig und gefasst bis zuletzt, unerschütterlich in seinem Gottvertrauen, auch dass Gott für Sie und die Kinder sorgen werde. Er war eben ein Mensch von ganz eigenem Innenleben, jedenfalls von einer seltenen Tiefe und Lauterkeit.“

Ein guter Fürsprecher im Himmel

Der bereits erwähnte Brief, den Jochmann gut fünf Jahre später an Maria Volkmann sandte, endet mit den Sätzen: „Er wird sicher für Sie und Ihre Kinder ein guter Fürsprecher im Himmel droben sein. So schmerzlich [unleserlich] auch dem ist, ich muß doch immer wieder dem lieben Gott danken für diese Begegnungen. Er ist mir ein ganz großer Freund und ich rechne es mir als eine Ehre an, daß ich einen solchen Mann kennen lernen durfte. Freuen Sie sich auf das Wiedersehen im Himmel! Und erzählen Sie Ihren Kindern immer wieder von ihrem Vater, dass sie stolz auf ihn sein und sich an ihrem Vater ein Leitziel nehmen. ,Treu bis in den Tod!' Möchte er mir und allen ein Fürsprecher sein, dass wir uns an seinem Gesinnungsgeist, an seiner Liebe zur hl. Eucharistie und seiner Treue uns auch zu eigen machen. Und schreiben Sie bitte auch an das Kölner Ordinariat recht viel aus seinem Leben! Helfen Sie mit, daß solche Männer im katholischen Volk immer mehr bekannt, gerühmt, geliebt und nachgeahmt werden. In der Liebe zu Ihrem guten Mann mit Ihnen eng verbunden.“

Trotz dieses Wunsches geriet Volkmann wie die meisten Eidesverweigerer jahrzehntelang in Vergessenheit. Erst 1978 verleiht ihm der österreichische Bundespräsident das „Ehrenzeichen für die Verdienste um die Befreiung Österreichs“. 1983 veröffentlicht der erwähnte Meinrad Pichler einen ersten würdigenden Artikel über Ernst Volkmann. Im Jahre 1988 benennt die Stadt Bregenz einen kurzen Weg als „Ernst-Volkmann-Stiege“. Im November 2010 ersetzt eine auf dem Kirchvorplatz aufgestellte Gedenkstele eine 2007 an der Bregenzer St. Gallus-Kirche angebrachte kleine Messingtafel. Ernst Volkmann wurde darüber hinaus in die sechste Auflage des „Deutschen Martyrologiums des 20. Jahrhunderts“ 2014 aufgenommen.

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