Jahr des heiligen Josef

Abouna Efrem: „Er tritt aus Ehrfurcht zurück“

Ein Gespräch mit Abouna Efrem Kuckhoff über die Josefsverehrung in der Orthodoxie.
Heiliger Josef
Foto: Philippe Lissac / Godong via www (http://www.imago-images.de/) | Im Mittelpunkt stehen wollte der heilige Josef nie. Die Ikone der griechisch-katholischen Kirche von Nazareth versinnbildlicht seine demütige Haltung.

Abouna Efrem, wir feiern bis zum Dezember 2021 ein Josefsjahr. Franziskus möchte daran erinnern, dass der heilige Josef vor 150 Jahren zum Schutzpatron der gesamten Kirche erklärt worden ist. Das lag nahe, da die Kirche als „Braut Christi“ gilt und Josef die Gottesmutter nährte und beschützte. Kann man aus orthodoxer Sicht einen solchen Blick auf den heiligen Josef nachvollziehen?

Diese Gedankengänge sind der Orthodoxie fremd. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Getauften, die sich versammelt, um im Gebet Gott zu loben und zu preisen. Der Mittelpunkt der Kirche ist also die Feier der Göttlichen Liturgie. Jesus Christus ist der „Bräutigam der Kirche“. Im Troparion des Mitternachtsgottesdienstes heißt es: „Siehe, der Bräutigam kommt inmitten der Nacht“. Daher braucht die Kirche keinen eigenen Schutzpatron, denn sie ist von Christus gegründet: Er ist Ihr Haupt (Epheser 5, 23).

"Ich glaube, man wollte aus Gründen der Vorsicht
vermeiden, dass am Ende doch noch der Eindruck
entstehen könnte, Josef sei der natürliche Vater des Jesuskindes"

Die Verehrung des heiligen Josef setzte in den Ostkirchen gut ein Jahrhundert früher ein als im Westen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Ich glaube, man wollte aus Gründen der Vorsicht vermeiden, dass am Ende doch noch der Eindruck entstehen könnte, Josef sei der natürliche Vater des Jesuskindes. Immerhin ist die Position des Josef innerhalb des ganzen Geschehens um Empfängnis und Geburt des göttlichen Kindes eine zwiespältige, nicht ganz eindeutige, wenn man sie nicht aus dem Glauben heraus betrachtet. Und so ist am Ende für bestimmte protestantische Theologen auch dabei herausgekommen, dass Josef einfach der leibliche Vater Jesu gewesen sei und somit Maria auch nicht die Theotokos, die Gottesmutter. Aus diesem Grund existiert zum Beispiel auch keine Ikone der Heiligen Familie. Die Heilige Familie in der Dreiheit Josef–Maria–Jesus erfährt nicht dieselbe Verehrung wie im Westen. Auf der anderen Seite war im Osten die Stellung Marias sozusagen felsenfest geklärt: Die Gottesgebärerin, ein Titel, der ihr noch in einem ökumenischen Konzil in Ephesus im Jahr 431, vor der Trennung offiziell anerkannt wurde. Somit klärte sich die Stellung Josefs in dieser Konstellation relativ schnell und eindeutig. Vermutlich spielten auch die komplizierten juristischen Sachverhalte zur Vaterschaft als solcher während der Zeit des frühen Mittelalters eine Rolle.

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Gibt es Patrozinien, Wallfahrten, spezielle Ikonen, Liturgie oder Formen der Volksfrömmigkeit, in denen die Verehrung des heiligen Josef in der Orthodoxie Ausdruck findet?

Es gibt keinen bestimmten Gedenktag. Es ist aber üblich, am Sonntag nach der Geburt Christi im Morgengottesdienst und in der Liturgie gemeinsam ihm und dem heiligen Propheten David, seinem Vorvater, sowie dem heiligen Jakobus, dem Herrenbruder, zu gedenken. Wir haben sehr viele Heilige, derer einfach gedacht wird, ohne dass es dazu eigene liturgische Texte gibt. In diesem Sinne gibt es also keine Ausdrucksformen der Verehrung. Seine Stellung war schlicht der Verlobte und Beschützer der Gottesmutter, der Nährvater und natürlich auch Beschützer Jesu. Ganz selten ist er auch auf Ikonen zu sehen. Zumeist im Hintergrund bei der Geburt Jesu, häufig als zweifelnder Mann, dem ein Engel das Wunder erklärt, das da gerade geschieht. In der orthodoxen Kirche existiert der Name Josef oft, ist aber nicht allein auf den Verlobten der Gottesmutter zurückzuführen, sondern zum Beispiel auch auf Josef von Arimathäa.

Auf Ikonen wird er immer als älterer Mann, fast schon Greis, dargestellt. Woher stammt diese Auffassung?

Aus der überlieferten Tradition. Im Raum der Levante war es üblich, dass ein älterer Mann ein junges Mädchen heiratete. Maria konnte ab einem gewissen Alter nicht mehr im Tempel Dienst leisten, hatte aber Keuschheit gelobt – sie erkannte keinen Mann. Allein konnte sie aber nicht bleiben, gesellschaftlich gesehen musste ihr zwingend ein Mann zur Seite gestellt werden. Ob man darüber im Tempel beriet und dort Josef auswählte oder ob man sie zunächst nach Hause schickte, bleibt unergründbar heute.

Das könnte ja bedeuten, dass möglicherweise die Eltern Marias, Joachim und Anna, den Verlobten für Maria ausgesucht haben. Interessante Idee!

Das könnte sein. Es wäre eine Möglichkeit von mehreren.

"Worauf ich unbedingt Wert lege, ist die Aussage,
dass er seine Verlobte nicht angerührt haben kann.
Die Heiligkeit der Gottesmutter steht außer Frage,
sie ist immerwährende Jungfrau auch in der Orthodoxie"

In der orthodoxen Tradition ist Josef nicht nur ein älterer, gerechter Mann, sondern auch Witwer. Würde das die Existenz von „Herrenbrüdern“ erklären, nämlich Söhnen des Josefs aus einer ersten Ehe?

Es wird sogar der Name der verstorbenen Ehefrau überliefert – Salome. Aus dieser Ehe hatte er vier Söhne – eben Jakobus, Simon, Judas und Joses – und zwei Töchter. Worauf ich unbedingt Wert lege, ist die Aussage, dass er seine Verlobte nicht angerührt haben kann. Die Heiligkeit der Gottesmutter steht außer Frage, sie ist immerwährende Jungfrau auch in der Orthodoxie. Wenn wir vom Ratschluss Gottes ausgehen, dass Er ihr die Erbsünde abgewischt hat.

Dann hat man in den Ostkirchen das Dogma der Unbefleckten Empfängnis also nicht angenommen beziehungsweise kennt man diese Glaubensgewissheit nicht in der Form?

Nein. Bei uns ist man der urchristlichen Auffassung, dass es sich nicht um eine unbefleckte Empfängnis gehandelt hat, sondern Gott der Allmächtige hat ihr die Erbsünde sozusagen abgewischt.

"Er, der aus dem Geschlecht des Königs David stammt,
tritt aus Ehrfurcht zurück und übergibt Gott
selbst die Vaterschaft, indem er für
Dessen menschgewordenen Sohn sorgt"

Dann trennt uns wohl doch wesentlich mehr als nur das Filioque … Sie sind Diakon und legten am 23. März 2018 die Mönchsgelübde ab. Dabei nahmen Sie den Namen Efrem an, in Anlehnung an den syrischen Heiligen und spätantiken Kirchenvater. Tatsächlich ist ein theologisches Poem, wenn man es so nennen möchte, vom heiligen Efrem dem Syrer überliefert, in dem er innerhalb einer Schrift namens „Ausgewählte Gesänge über die Geburt unseres Heilands“ auch die besondere Person und Situation des heiligen Josef besingt. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

Aus diesen Lobgesängen geht in schöner Klarheit eindeutig die Stellung des heiligen Josef in der orthodoxen Kirche hervor: die Liebe zu diesem Kind, welches Gott und Mensch ist und gleichfalls auch die heilige Scheu vor dem großen Wunder Gottes. Einerseits nimmt er dieses Kind als seines an und gleichzeitig weiß er, dass es Gottes Sohn ist und nicht von ihm selbst. Somit tritt er, der aus dem Geschlecht des Königs David stammt, aus Ehrfurcht zurück und übergibt Gott selbst die Vaterschaft, indem er für Dessen menschgewordenen Sohn sorgt.

Abouna Efrem Kuckhoff

Im Westen wie im Osten geht man davon aus, dass Josef schon nicht mehr lebte, als Jesus begann, das Evangelium zu verkünden, da es sonst anlässlich der Kreuzigung seine Aufgabe gewesen wäre, den Ziehsohn zu begraben. Im Westen glauben wir, dass dem Zimmermann eine besonders gnädige Todesstunde geschenkt wurde, im tröstlichen Beisein von Gottesmutter und Gottes Sohn. Er wird darum auch als Patron der Sterbenden verehrt, man ruft ihn für eine gute Sterbestunde an. Ist dieses Patronat in der Orthodoxie ebenfalls geläufig?

Nein, dieser Gedanke ist in der Orthodoxie nicht aufgekommen. Die Erzählungen apokrypher Evangelien über das Sterben des heiligen Josef sind auch in der orthodoxen Kirche bekannt, aber gelten eben nur als Erzählungen.

Abouna Efrem, ich bedanke mich für das Gespräch.


Abouna Efrem Kuckhoff wurde am 7. Juli 1951 geboren und römisch-katholisch getauft. Tätigkeit bei der Staatsanwaltschaft Hagen und Amtsgericht Meinerzhagen, dann Aufnahme in die orthodoxe Kirche. Seit Anfang 1970 Tätigkeit in den damals neu gegründeten griechisch-orthodoxen Gemeinden Lüdenscheid und Hagen unter anderem als kirchlicher Lehrer und Katechet. Vorträge für katholische und evangelische Gemeinschaften und Vereine. Seit fünf Jahren in der antiochenisch-orthodoxen Metropolie und dort in der vor vier Jahren neu gegründeten Gemeinde in Essen für orthodoxe Flüchtlinge aus Syrien und dem Libanon, gemeinsam mit dem zuständigen Pfarrer Leiter der Gemeinde. Seit dem 23. März 2018 lebt er als Mönch.

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