Kirgistan

Eine Stunde mit Jesus

Fast unmerklich geht der Familienglauben verloren, das Leben läuft vor sich hin. Aber irgendetwas passt nicht ganz. Gibt es Gott wirklich? In einer kleinen Höhle in Kirgistan findet die Frage ihre Antwort.
Stefan Lindenbauer in Kirgistan
Foto: KPE | Unterwegs in den Bergen Kirgistans: Stefan Lindenbauer auf einer Sommerfahrt mit der Katholischen Pfadfinderschaft Europas.
Lesen Sie auch:

Ich komme aus einer schon irgendwie christlichen Familie. Wenn ich so zurückdenke, war ich bei der Erstkommunion, bei der Firmung und wir gingen am Sonntag gemeinsam in die Messe. Eine Zeit lang. Irgendwann hörte es dann auf. Meine älteren Geschwister interessierte der Glaube nicht mehr und irgendwann interessierte es auch mich und meinen anderen Bruder nicht mehr. Irgendwann gingen dann auch meine Eltern nicht mehr in die Kirche. Das Sinnbild dieses Umstandes stellte für mich das ausgetrocknete Gefäß für Weihwasser bei unserer Eingangstüre dar. Irgendwann wurde es nicht mehr nachgefüllt, irgendwann vertrocknete die Quelle des Glaubens in unserer Familie. Die Quelle unseres Zusammenhaltes und unserer Kraft. Man merkt es vielleicht nicht gleich, wenn diese Quelle erlischt. Erst nach und nach. Hier und dort entsteht ein Riss und man merkt noch nicht, dass die ganze Substanz zu bröckeln beginnt. Doch irgendwann wacht man auf und in der Familie herrscht eine seltsame Stimmung. Man ist sich nicht mehr nah. Man unternimmt nichts mehr gemeinsam. Man lebt sich auseinander. Es ist niemand mehr da, der die Risse ausbessert.

Alles andere als ein Musterknabe

Wenn einem ein Fundament im Leben wegbröckelt, in diesem Fall die Familie, kann es sein, dass man sich neuen Dingen im Leben zuwendet. In meinem Fall war das Fortgehen, Alkohol trinken, Mädels aufreißen und vieles mehr, auf das ich nicht weiter eingehen möchte. Ich war auf jeden Fall kein Musterknabe. Ich lebte so dahin, ohne große Ziele, ging in die Schule und wusste gar nicht genau warum, aber ich war nicht recht glücklich im Leben. Irgendetwas passte nicht ganz. Als ich dann circa 18 war ergab sich etwas Großes für mein Leben. Mein Nachbar nahm mich mit zu einem Treffen der katholischen Pfadfinderschaft. Es war schon seltsam, wie es überhaupt dazu kam, aber innerlich war ich auf der Suche nach mehr, denke ich. Ich war auf der Suche nach Jesus – oder vielleicht war auch Jesus auf der Suche nach mir?

Nach einiger Zeit bei den Pfadfindern lernte ich sehr viel für mein Leben. Ich mochte die Leute. Ich bekam dort Zuwendung und Erziehung. Etwas, das ich leider nicht so oft erleben durfte. Ich schaffte es mit Hilfe meiner Nachbarn, regelmäßig in die Kirche zu gehen, ein bisschen zu beten und langsam Fuß zu fassen im Glauben. Ich merkte, dass es mir guttat, dass ich glücklicher wurde und festeren Halt im Leben fand. Doch richtig glauben konnte ich nicht. Jesus kommt auf die Erde und wird für unsere Sünden gekreuzigt? Das mag einem schon etwas bizarr vorkommen.

Etwas an der Stimmung nahm mich mit

Lesen Sie auch:

Es ergab sich damals eine einmonatige Fahrt nach Kirgistan mit der katholischen Pfadfinderschaft. Es war schön. Die Weite des Landes, der schöne See, die hohen Berge, frei herumlaufende Pferde, plätschernde Bäche. Ein malerisches Bild. Ein schöner Sommer. Dort geschah es, dass ich immer mehr hinterfragte, warum diese Leute so gläubig waren. Glaubten sie das wirklich alles? Warum wirkten sie so authentisch? Warum waren sie so glücklich und sicher im Leben und warum war es bei mir nicht so?

An einem Abend wurde das Allerheiligste ausgesetzt. Es war das erste Mal für mich. Da war eine kleine Höhle, die mit Kerzen beleuchtet war. Ein kleiner Blumenstrauß lag auf dem Felsen. Vor dem Eingang hingen Planen. Eine Stunde allein mit Jesus hieß es. Ich wusste nicht recht, was das sollte. Eine Stunde vor einem Stück Brot knien? Ich war etwas verwirrt, aber etwas an der Stimmung nahm mich mit. Die Aussetzung war sehr schön. Welche Stunde ich mit der Anbetung dran war, weiß ich nicht mehr genau. Jemand weckte mich auf und ich ging zur Höhle und kniete mich auf die Isomatte. Ich wusste nicht recht was ich tun sollte. Ich betete ein paar Gebete, und irgendwann verzweifelte ich. Konnte es wirklich sein, dass Jesus Christus hier mit mir in der Höhle ist? Konnte ich das wirklich glauben?

Wie Thomas der Ungläubige

Ich brauchte ein Zeichen – ich war wohl wie Thomas der Ungläubige. Ich betete, ich flehte zu Jesus: „Wenn es dich wirklich gibt, dann schenk mir ein Zeichen, bitte zeig dich mir.“ Und er zeigte sich, in meinem Herzen – ein roter Fleck – ein rotes Licht. War da noch eine Stimme, die antwortet? Ja, da war eine. Ein kurzer Moment, der so intensiv war. Ich konnte ihn nicht vergessen. Die restliche Stunde war ich etwas aufgeregt. Ich dachte, dass es ganz normal ist, was hier passiert, dass das bei jeder Anbetung so ist. Man spricht mit Jesus, man hört ihn und man spürt ihn. Ich redete nicht darüber, was geschehen ist. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass es ein vielleicht nicht so alltägliches Erlebnis war. Ein Priester sagte mir einmal, wenn man Jesus kennenlernen möchte, dann muss man ihn darum bitten.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Ich bin beim Glauben geblieben und stehe ganz gut im Leben da. Meine Familie geht auch wieder öfters in die Kirche. Die Stimmung kommt mir wieder besser vor. Mir scheint, es ist wieder jemand da, der die Risse ausbessert.

Stefan Lindenbauer ist 28 Jahre alt und studiert an der Universität für Bodenkultur in Wien. Nebenbei arbeitet er als Technische Assistenz bei einem Ingenieurbüro in Wien

Weitere Artikel
Philosophie
Der Unerschlossene Premium Inhalt
Heidegger wollte sich aus der Philosophie „herausphilosophieren“. Das Werk dieses eigenwilligen Kopfs bietet der Forschung noch reichlich Stoff.
11.09.2021, 15  Uhr
Lorenz Jäger
Mann entzündet eine Votivkerze
Tagesposting
Wem nützt Beten? Premium Inhalt
Mit dem Gebet verbinden wir uns mit der Gemeinschaft aller Gläubigen über Zeit und Raum hinweg. Es ist unsere direkteste Möglichkeit, mit dem Schöpfer in direkten Kontakt zu treten.
14.09.2021, 13  Uhr
Alexander von Schönburg
Themen & Autoren
Stefan Lindenbauer Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten Berge Brüder Familien Gebete Geschwister Gott Jesus Christus Religiöse Verfehlungen und Sünden Studium und Hochschulbildung

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann