Frankfurt

Eine fünffache Mutter analysiert die Lage der Kirche in Deutschland

Wie wird die Kirche lebendiger? Theresia Theuke (33) reflektiert in ihrem Buch "Die Kirche lebt" die Situation der Kirche in Deutschland und wirbt für die Wiederentdeckung der Sakramente.
Theresia Theuke
Foto: Kirche | Theresia Theuke: "Wir sind zuerst berufen, uns selber von Christus ändern zu lassen, Gott wieder mehr zu suchen und echte Gemeinschaft in Christus zu werden. Dann werden wir erleben: Die Kirche lebt!

Frau Theuke, Ihr Buch ist eine kleine, aber deutliche Abrechnung mit der katholischen Kirche in Deutschland.

Ich würde eher sagen ehrliche Kritik, die auch darauf beruht, dass ich selber unter einigen Dingen zeitweilig sehr gelitten habe.

Die da wären?

Ich konnte nicht erleben, dass Glaube lebendig wird. Ich habe mir viel Mühe gegeben, habe versucht, mich einzubringen, bin aber nur auf Ablehnung gestoßen. Da wollte ich nichts mehr mit Kirche zu tun haben. Ich bin mit meiner Familie in die Messe gegangen, aber innerlich war ich weg.

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Das mit der Ablehnung kritisiert Maria 2.0 auch.

Wir teilen die Sehnsucht, zu gestalten und teilzuhaben an einer Gemeinschaft, die Kern der Evangelisierung ist. Wer sich aber entsprechend seinen Talenten einbringt und Gott vertraut, kommt gar nicht darauf, nach Ämtern zu verlangen. Das habe ich in Amerika erlebt. Dort habe ich Mut gefasst und verstanden, dass ich nicht beim negativen Erleben stehenbleiben darf, sondern auf Christus schauen muss.

Die Amerikaner sind positiver?

Ja, denn sie gestalten Kirche, statt Strukturen zu kritisieren. Die beherrschende Frage dort ist: Was kann ich tun, um die christliche Gemeinschaft zu stärken und Menschen zu Christus zu führen? Um Frauenpriestertum geht es dann nicht.

"Was kann ich tun,
um die christliche Gemeinschaft zu stärken
und Menschen zu Christus zu führen?"

Sie schreiben, die Missbrauchskrise verführe dazu, ein strukturelles Problem in der Kirche anzunehmen. Das Missbrauchsproblem liege tiefer als in Strukturen. Nämlich?

Missbrauch liegt immer an einer persönlichen Gottesferne. Jeder, der Gott, der Wahrheit und Liebe ist, wirklich kennt und liebt, wird jegliche Form von Missbrauch und Gewalt hassen und verurteilen.

Bringen die Amerikaner Menschen eher zu Gott als wir?

Sie verstehen sich zumindest intensiver als Gottes Kinder und Jesu Kirche, in der Jesus in der Mitte ist. Dass Gemeinschaft wichtig für die Evangelisierung ist, können wir von den Amerikanern genauso lernen wie dass wir Aufgaben nach Fähigkeiten verteilen müssen. In der deutschen katholischen Kirche üben viele Hauptamtliche Aufgaben aus, die nicht ihren Talenten entsprechen, die ein Ehrenamtlicher vielleicht besser könnte. Aber sie verdienen damit ihren Lebensunterhalt, darum machen sie es.

"In Deutschland arbeiten viele für ihren Broterwerb in der Kirche,
aber nicht primär für Christus."

Sie fragen sich, ob man aus der Kirche austreten solle, um ihr den Geldhahn abzudrehen. Ganz schön provokant…

Ich habe in Frankreich und in Amerika gelernt, dass weniger Geld befreiend ist für die Hinwendung zu Christus. In Deutschland arbeiten viele für ihren Broterwerb in der Kirche, aber nicht primär für Christus. Wir müssen nicht gleich austreten, aber verstehen: Geld führt nicht automatisch zu mehr gelebtem Christsein oder Evangelisierung.

Wie machen das die Amerikaner?

Jede Gemeinde finanziert sich selber. Das führt dazu, dass man sich engagiert – oder Kirche existiert nicht. Vielleicht ist nicht der Glaube tiefer, aber die Kirche als Mittel der Hinführung zu Gott funktioniert viel besser, weil sich jeder als aktives Mitglied der Kirche versteht.

Was konfessionsübergreifend zu beobachten ist...

Genau. Besonders von Freikirchlern habe ich gelernt, wie Lobpreis gehen kann, Bibelarbeit, mutiges Zeugnisgeben. Ich traf Jugendliche, die sich morgens vor der Schule hinsetzen und die Bibel studieren.

Zu konkret gelebtem Christsein geben Sie Impulse zum Nachdenken. Wieso?

In uns muss das Verständnis wachsen, dass wir Teil dieser Kirche sind und uns als solcher fühlen müssen, damit wir von Christus reden können. Durch die Fragen helfe ich zu entdecken, wie man zum Beispiel beten oder mit Maria, Jesus und den Heiligen in Verbindung treten kann.

Sie geben viel Persönliches preis. Ist das Buch ein Ventil für Ihre negativen Erfahrungen in der Kirche in Deutschland?

Nein. Verarbeitet habe ich sie in Amerika. Amerika hat uns ausgesöhnt mit der Kirche und uns klar gemacht, dass wir Kirche universaler denken müssen, als wir es in Deutschland tun. Ich wollte dem Leser mit dem Persönlichen zeigen, dass wir unseren Blick weiten und unsere Geschicke in die Hand nehmen müssen.

"Als ich einem Methodisten vorgeweint habe, wie schlimm das wird mit der Kirche in Deutschland,
sagte er, ich solle mich nicht beschweren.
Stattdessen: 'Do it yourself. Lade Familien zu dir nach Hause ein.' 
Das hat mich berührt. Zurück in Deutschland haben wir sofort angefangen ... ."

Sie sprechen den Leser direkt und mit „Du“ an…

… weil Glaube nur konkret und persönlich funktioniert.

Warum gehen Sie auf jedes der sieben Sakramente ein?

Die Sakramente sind das Filetstück des katholischen Glaubens. Aus ihnen ziehe ich Hoffnung, Kraft, mein ganzes Dasein als Christin. Ich wünsche mir, dass alle mehr Sehnsucht nach den Sakramenten bekommen. Dafür muss man die Sakramentenvorbereitung gut gestalten. In Deutschland kommt sie viel zu kurz. Wenn man diese intensiviert, kann man die Eltern mit einbeziehen, stärken und Gemeinschaft stiften.

Wie in der Hauskirche, die Sie beschreiben. Ist das eine neue Art der Evangelisierung?

Ja. Als ich einem Methodisten vorgeweint habe, wie schlimm das wird mit der Kirche in Deutschland, sagte er, ich solle mich nicht beschweren. Stattdessen: „Do it yourself. Lade Familien zu dir nach Hause ein.“ Das hat mich berührt. Zurück in Deutschland haben wir sofort angefangen, Familien einzuladen, Andachten zu feiern, später auch Messen. Wir organisieren Wallfahrten. Und das regelmäßig. Hier erleben wir Gemeinschaft, entdecken Menschen Gott und blühen die Charismen.

Die Kirche in Deutschland befindet sich auf dem Synodalen Weg. Wie kann er zu einem guten Ende kommen?

Wenn Christus und sein Wille in der Mitte stehen. Der selige Carlo Acutis sagte treffend: „Wer die Kirche kritisiert, kritisiert sich selbst.“ Wir sind zuerst berufen, uns selber von Christus ändern zu lassen, Gott wieder mehr zu suchen und echte Gemeinschaft in Christus zu werden. Dann werden wir erleben: Die Kirche lebt! Sogar in Deutschland.

Theresia Theuke: Die Kirche lebt. fe-Verlag, Kisslegg, 2020, 168 Seiten, ISBN 978-3-86357-278-5, EUR 10,–

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