Rezension

Eine Anleitung zur Grundsanierung der Kirche

Weder esoterischer Onlineshop, noch demokratische Religionsbehörde: Der Priester Friedrich Oberkofler schafft mit seinem neuen Buch einen Wegweiser für die Kirche.
Eine renovierungsbedürftige Kirche
Foto: (423791338) | Der Südtiroler Priester Friedrich Oberkofler plädiert in seinem neuen Buch "In den Fängen des Fortschritts. Die kirchliche Seelsorge am Scheideweg zwischen Verweltlichung und offenem Himmel" für eine Grundsanierung ...

 Die Kirche am beginnenden 21. Jahrhundert steht mitten in einer der größten Krisen ihrer Geschichte. Was Kommunismus und andere totalitäre Ideologien, blutige Revolutionen, Krieg, Not und Verfolgung in 200 Jahren nicht vollbracht haben, ereignet sich mitten im Frieden und Wohlstand tagtäglich um uns herum. Aber nicht nur die eigene Saturiertheit und Orientierungslosigkeit, sondern vor allem die Sirenenklänge neuer Welterlösungsphantasien setzen den Gläubigen zunehmend zu. Die Kirche von heute glaubt selbst scheinbar weithin nicht mehr an ihre eigenen Grund- und Glaubenssätze. Das Gespenst des Relativismus geht um – es geht um erodierende Maßstäbe, die Atomisierung menschlicher Beziehungen, die Dekonstruktion der Geschlechter und die Transformation („great reset“) unserer ganzen Lebensweise. Ein Schicksalsdrama historischen Ausmaßes kündigt sich an.

Die Kirche sollte sich um das Evangelium und um Umkehr kümmern

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Auf diesem Hintergrundszenario hat der aus Südtirol stammende Geistliche Friedrich Oberkofler ein längst fälliges, überaus engagiertes Plädoyer für eine von innen erneuerte Kirche vorgelegt. Deutlich wird darin, dass der moderne Mensch in seinen vielfältigen Lebensbezügen erreicht und abgeholt werden muss. Dennoch darf die Kirche nicht zum esoterischen Onlineshop, zur trendigen Lifestyleberatung oder zur demokratisch verfassten Religionsbehörde, in der Mehrheit Wahrheit macht, verkommen, die dem Menschen gute Gefühle vermittelt. Es geht um die Botschaft des Evangeliums, es geht um Umkehr. Es geht um die persönliche Entscheidung für Gott, für einen lebendigen Gott. Und warum? Nur wer Gott in den Mittelpunkt stellt, hat Ehrfurcht vor der gottgeschenkten Würde und Einzigartigkeit jedes Menschen.

Glaube ist keine rationale Entscheidung, nicht psychologische Methode, physikalisch messbar oder gar in Geld bezifferbar. Zu lange hat sich die Kirche wohl eingerichtet und sich abhängig gemacht. Was in den frommen Geschichten der Evangelien steckt, ist auf den ersten Blick eine Zumutung und fordert zum Widerspruch heraus – für den, der an Gott und seine Liebe in letzter Konsequenz glaubt, sind sie nichts weniger, als die Offenbarung des göttlichen Heilsversprechens: Gott kann sich nicht vollkommener dem Menschen hingeben und schenken, als durch die Geburt als Kind in der Krippe und seinen Tod am Kreuz. Der Unendliche, Alpha et Omega, wahrer Mensch – der inkarnierte Gott, die Auferstehung zu ewigem Leben.

Zeugnisse zeitgenössischer, katholischer Autoren

Eindringlich und anhand zahlreicher Beispiele von Häresien, wie der Arianismus und Schismen in zwei Jahrtausenden Kirchengeschichte, mit Zitaten von Augustinus über die Texte des Zweiten Vatikanum bis hin zu aktuellen Zeugnissen katholischer Autoren (Nicolás Gómez Dávila, Martin Mosebach, Nobert Bolz), die die Hand am Puls des Zeitgeistes mit analytischer Schärfe den Ursachen des scheinbar unaufhaltsamen Niedergangs nachspüren, untersucht Oberkofler „Das Problem“, beschreibt „Die Lage“ und ruft zur Umkehr für „Die Zukunft“ auf. Glaubenszeugnis tut not, sollen „Verkümmerung und Auflösung“ der Gemeinden gestoppt werden. Sein Statement: Wahrhaft beseligende Kraft hierfür kommt allein aus dem Heilmittel der Sakramente und ganz besonders der Mitfeier der heiligen Messe. Der mystagogische Gehalt der Liturgie ist nicht verfügbar: „Wenn das göttliche Geheimnis der Kirche nicht mehr geglaubt wird, verflacht auch das Verständnis für die Liturgie und insbesondere die Eucharistie.“ Sein Aufruf richtet sich nicht nur an die Laien, sondern an die Priester selbst. Ohne dass es die Konzilstexte im eigentlichen Sinn hergäben, habe die Gottesdienstreform in den vergangenen Jahrzehnten, die Marginalisierung des Weiheamts beispielsweise durch die Pastoralreferenten zur Verstellung des eigentlichen Wesensgehalts geführt.

Oberkofler benennt die "Sünden" der Kirche des 21. Jahrhunderts

Schonungslos benennt Oberkofler die „Sündenfälle“ des Neo-Modernismus, eines falsch verstandenen Ökumenismus wie etwa den Synodalen Weg, einer Negierung von Glaubenswahrheiten als Ergebnis einer einseitigen „historisch-kritischen“ Methode in der Bibelexegese und verkehrter Nachgiebigkeit der Sexualmoral an den Zeitgeist.

In einer konsequenten Wissens- und Glaubensvermittlung im Religionsunterricht, in der Kommunion- und Firmvorbereitung, einer lebendigen Glaubenspflege in den Familien und Gemeinden, aber auch religiösen Vereinigungen wächst Rettung. Neben der Teilnahme an den Festen des Kirchenjahres, geistlicher Stärkung durch das Gebet, Studium der biblischen Texte, aber  ebenso Literatur, Kunst und Musik sind es die Begegnungen zwischen Menschen, die Kontaktflächen oder Kristallisationspunkte gelingenden Glaubens schaffen. Dabei bekennt er sich offen, nicht ausschließlich, sondern gleichberechtigt zur überlieferten Form der Feier der lateinischen Messe. Gerade das Lateinische ist neben Griechisch und Hebräisch eine der vielen Sprachen der Weltkirche, die Zugänge eröffnet zum Mysterium fidei – auch die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanum lege dieses entgegen der heutigen Praxis eigentlich fest. Sein dringender Appell besteht darin, an der Einheit der liturgischen Texte unbedingt festzuhalten.

Das Herz der Kirche ist die Eucharistie

Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation ist dabei immer wieder die Eucharistie – sie konstituiert Kirche, nur in ihr ereignet sich die Offenbarung Gottes in Jesus, sie ist unveräußerbares Fundament einer Pastoral des „offenen Himmels“. Liturgie als Herz des Glaubens, um den Menschen hörend zu machen für Gott, empfänglich zu machen für seine Zärtlichkeit (Psalm 145), ihn zu gewinnen für eine lebendige Liebesbeziehung zu dem unsichtbaren Gott, der sich eben in seiner geheimnisvollen Verhülltheit dem Menschen ganz enthüllt. Wunder des Glaubens. Etwa alles nur Einbildung, nur frommes Ritual? Oberkoflers Plädoyer rüttelt auf und mahnt zur Umkehr, zur Wiederentdeckung des Reichtums der Kirche und ihrer Feste, der Freude und des Geschenks der Liebe.

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Friedrich Oberkofler:
In den Fängen des Fortschritts. Die kirchliche Seelsorge am Scheideweg zwischen Verweltlichung und offenem Himmel,
Lepanto-Verlag 2020, 410 Seiten, broschiert, EUR 19,80

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