Würzburg

Ein Offener Brief an die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz

Von Frau zu Frau: In diesem Offenen Brief stellt die Buchautorin Maria Elisabeth Schmidt Kernfragen zu Familie, Matic-Report und Bildung an die neue DBK-Generalsekretärin und sucht den Dialog.
Theologin Beate Gilles
Foto: Sascha Steinbach (EPA Pool) | Die Theologin Beate Gilles aus dem Bistum Limburg ist die neue Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz.

Dass die Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz mit Ihnen, sehr geehrte Frau Gilles, einer Frau die verantwortliche Position der Generalsekretärin und damit das für eine Frau höchste Amt innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland anvertraut hat, war und ist für mich eine gute Nachricht. Als Frau und als gläubige Katholikin freue ich mich darüber, dass eine Frau für diese wichtige Position in der Kirche in den Dienst genommen wird.

Papst Franziskus hat viele Frauen in hohe Positionen gestellt

 

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Auch Papst Franziskus hat vielen Frauen wichtige und verantwortungsvolle Positionen überantwortet: Er berief sechs Frauen in den Wirtschaftsrat, der aus sieben Kardinälen und sieben Laien besteht. Die Untersekretärin des Staatssekretariats ist eine Frau; den Vatikanischen Museen steht eine Direktorin vor und das Dikasterium für die Laien, die Familie und das Leben hat zwei Untersekretärinnen, die als Abteilungsleiterinnen den Ablauf der Arbeit regeln. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.  


Die Kirche braucht uns Frauen zu allen Zeiten. Denn die Frau ist Kulturträgerin, und in dem Maß, in dem sie weiß, wer sie ist, wird sie die von Gott erhaltenen Gaben entfalten und fruchtbar machen wollen: ihre Offenheit für das Leben, ihre Intuition, ihr Heilungsbedürfnis, ihre hohe Liebes- und Hingabefähigkeit und deren Konsequenz, ihr Wunsch nach Frieden und Harmonie. Im Dienst an den Menschen und in einem Füreinander mit dem Mann kann sie ergänzen, was sonst fehlen würde, und beitragen zu einer Kultur des Lebens, einer Zivilisation der Liebe. Nur sie führt zu einer aufblühenden Gesellschaft mit Herz, in der jeder   vom Ungeborenen, Kranken, Alten und Bedürftigen bis hin zum Sterbenden  willkommen ist. Gerade diese Erfahrung erhoffen sich die Menschen vor allem von der Kirche. 

"Die Kirche braucht uns Frauen zu allen Zeiten"


Unzählige Gespräche mit gläubigen Frauen aber auch mit Männern haben mir vor Augen geführt, dass uns allen die gleichen Kernfragen unter den Nägeln brennen. Wir setzen Hoffnung in Sie, wir wollen Ihre Arbeit aufmerksam verfolgen und Sie vor allem im Gebet  unterstützen. Kurzerhand habe ich die häufigsten Fragen gesammelt. Gerne möchte ich sie Ihnen vorlegen und auf diese Weise mit Ihnen einen Dialog eröffnen. Vielleicht wollen Sie darauf eingehen und sich auf diese Weise einer breiten Öffentlichkeit vorstellen, damit wir Sie näher kennenlernen und vielleicht sogar einmal gemeinsam über diese Fragen nachdenken können? Wir würden uns freuen.

1. Familie

Welche Vision haben Sie für die Familie und worin sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf? Wie wollen Sie Kinder, Jugendliche, Eltern, Alleinerziehende und Alleinstehende konkret unterstützen, auch in der Seelsorge?

2. Bildung

Welche Art von Bildung liegt Ihnen am meisten am Herzen, und worauf würden Sie, wenn es nach Ihnen geht, hinwirken wollen? Welche Maßnahmen könnten, Ihrer Meinung nach, helfen, das katholische Proprium auch in den kirchlichen Einrichtungen wieder mehr in den Vordergrund zu stellen? Würden Sie das "Positionspapier zur Prävention sexualisierter Gewalt und sexueller Bildung an Minderjährigen und schutz- und hilfebedürftige Erwachsenen" der DBK gern noch einmal auf der Tagesordnung sehen und sich stark machen für eine entwicklungssensible und schamfreie Sexualpädagogik? Würden Sie es befürworten, dass Paaren bei ihrer Ehevorbereitung die "Theologie des Leibes" von Papst Johannes Paul II. vorgestellt werden wird? Und wie sollten die Bischöfe gegen den Einzug der Gendersprache in der Kirche vorgehen?

3. Sie wollen die Menschen in jeder Phase ihres Lebens begleiten

Entsetzt reagierte die Europäische Bischofskonferenz auf den, vorigen Donnerstag vom Europäischen Parlament in Straßburg angenommenen, Matic Report; auch Bischof Bätzing äußerte sich kritisch dazu. Zwar ist der Text für die Mitgliedstaaten nicht bindend, doch wird der Druck, diese Forderungen durchzusetzen, deutlich erhöht werden. Ungarn und Polen bekommen ihn bereits zu spüren. Welche weitere Reaktion erhoffen Sie sich von unseren Bischöfen auf die Forderung nach einem Recht auf Abtreibung,  noch dazu im Zusammenhang mit Frauenrechten und -gesundheit  sowie der damit verbundenen Infragestellung der Gewissensfreiheit?

4. Im gesellschaftlichen Dialog wollen Sie sich auch in der Debatte über Suizidassistenz positionieren

Diese Frage ist zweifelsohne auf der gesellschaftspolitischen Agenda. Als Hüterin der unveräußerlichen Würde des Menschen in jeder Lebensphase hat die Kirche hierzu nicht nur im Katechismus Stellung bezogen und einer Kultur des Todes eine klare Absage erteilt. Welche Rolle kommt der Kirche als Beschützerin des Lebens und Verteidigerin einer beeinflussungsfreien letzten Lebenszeit zu? Wie kann sie hörbar warnen vor der Möglichkeit eines vorgeblich selbstbestimmten Sterbens, die zu einem unausgesprochenen Druck auf Menschen in einer solchen Lage führt? Und inwieweit müssen sich die Bischöfe mit der Frage eines ökonomischen Konfliktes als Träger von Krankenhäusern und ihrer Verpflichtung zur Verteidigung der unveräußerlichen Würde des Menschen auseinandersetzen?

5. Sie stehen für die Kirche

Wie stehen Sie zum Papsttum und zu der hierarchischen Struktur der Kirche? Sollen die Gläubigen in die Diskussion bei Entscheidungen über die Glaubensinhalte eingebunden werden? Was würden Sie sich von der Bischofskonferenz wünschen, damit sie transparenter wird, um in dieser Hinsicht wieder eine Vorbildfunktion auch für die Welt einnehmen zu können?

6. Sie gelten als profunde Theologin, und Sie sind eine Frau   

Wie kann, Ihrer Meinung nach, die Vermittlung von liturgischer Bildung, katechetischem Wissen und ein Leben aus den Sakramenten wirksam gefördert und die Re- und Neuevangelisierung vorangebracht werden? Worin liegt, Ihrer Meinung nach, die vornehmliche Aufgabe der Frau im dritten Jahrtausend, und wie kann man ihr helfen, ihr Frausein zu entdecken und zu verwirklichen und darin ihre Erfüllung zu finden?

7. Ihnen werden besondere organisatorischen Fähigkeiten nachgesagt, 

breit gefächerte Erfahrung und gute Kenntnis der kirchlichen Strukturen, in denen Sie gut vernetzt sind, sowie die Freude daran, sich gestalterisch in Prozesse und Reformen einzubringen, und Sie gelten als Befürworterin des Synodalen Weges.   
In der Wahrnehmung vieler ist die Kirche und sind die Bischöfe vorrangig mit Strukturprozessen, Reformdebatten und Diskussionen um dem Synodalen Weg beschäftigt. Wie wollen Sie sich dafür einsetzen, dass die Liebe in der Kirche wieder wahrnehmbarer zu Wort kommt und der Kernauftrag der Kirche erfüllt wird? Wie können Sie Frieden in den Lagern stiften?

Ihre neue Wirkungsstätte wird Ihnen, davon bin ich überzeugt, viele Gelegenheiten bieten, sich sowohl als Frau, als auch mit Ihren individuellen Talenten und Ihrer Erfahrung, für die Kirche und im Dienst an den Menschen einzusetzen. Ich wünsche Ihnen Freude und Erfüllung in Ihrer Tätigkeit und würde mich freuen, wenn Sie uns Ihre Vision für die Kirche und wie ihr Antlitz wieder neu erstrahlen kann, vorstellen wollen. Von Herzen gratuliere ich Ihnen und wünsche Ihnen Gottes Segen für diese anspruchsvolle Aufgabe, an Ihrem heutigen Amtsantritt einen guten Start und bei Ihrer Einarbeitung kollegiale Unterstützung.


Maria Elisabeth Schmidt (58) ist Buchautorin, Gründerin des "Gipfel der Herzensbildung" sowie Sprecherin der Initiative "Beten für Bischöfe". Seit 2018 arbeitet sie als Leiterin Entwicklung bei dem Verein Priesterausbildungshilfe e.V.

Am 1. Juli tritt die Theologin Beate Gilles, Jahrgang 1970, ihr Amt als Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz und Geschäftsführerin des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD) an.

Beate Gilles wurde 1970 in Hückeswagen geboren. Von 1989 bis 1995 studierte sie an der Universität Bonn die Fachrichtungen katholische Religionslehre und Deutsch und legte die erste Staatsprüfung ab. 2000 promovierte sie mit einer liturgiewissenschaftlichen Arbeit zur Dr. theol. bei Prof. Dr. Albert Gerhards. Bis zu diesem Zeitpunkt war Beate Gilles bereits freie Referentin in der theologischen und religiösen Erwachsenenbildung und freie Mitarbeiterin bei der Katholischen Fernseharbeit beim ZDF. Wissenschaftlich betätigte sie sich von 1995 bis 1999 als Mitarbeiterin am Seminar für Liturgiewissenschaft an der Universität Bonn. Von 2000 bis 2010 war Dr. Beate Gilles Leiterin und Geschäftsführerin des Katholischen Bildungswerkes Stuttgart e. V. Seit 2010 ist sie Dezernentin für Kinder, Jugend und Familie im Bistum Limburg. Zum Dezernat gehören die Abteilungen Jugendliche, junge Erwachsene, Jugendverbände, Familie und Generationen, Kindertageseinrichtungen sowie der Eigenbetrieb Tagungshäuser im Bistum Limburg. 

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