Magdeburg

Ein ehemaliges DDR-Stadtviertel für Katholiken und Protestanten

In Magdeburg entsteht auf historischem Boden das Projekt „Ökumenischen Höfe“.  Die Prämonstratenser bauen dort ein neues Kloster – direkt neben zwei evangelischen Gemeinden.
Die "ökumenischen Höfe"
Foto: Oliver Gierens | Pater Clemens Dölken OPraem vor der katholischen Universitätskirche St. Petri, links daneben die Klosterbaustelle.

Direkt an der Elbe in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg, vom Ufer getrennt durch eine vierspurige Straße und eingerahmt durch riesige Plattenbauten aus der DDR-Zeit, erheben sich zwei mächtige Kirchen: Die hochgotische evangelisch-reformierte Wallonerkirche und die romanisch-gotische katholische St.-Petri-Kirche. Gleich fünf Gemeinden sind hier zu Hause: Neben der evangelisch-reformierten die lutherische Gemeinde, katholische und evangelische Studentengemeinden und die katholische Gemeinde St. Petri, die seit 1997 von den Prämonstratensern betreut wird. Von diesem Orden, der nach der Wende 1991 an die Wirkungsstätte seines Ordensgründers, des heiligen Norbert von Xanten, zurückgekehrt ist, geht nun ein Projekt aus, das diesem Quartier in der nördlichen Magdeburger Altstadt ein ganz neues Gesicht verleihen wird: die „Ökumenischen Höfe“.

Seit dem Zerfall des Eisenen Vorhangs wohnen die Prämonstratenser in Magdeburg

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Begonnen hat alles mit einem Provisorium, das nun seit dreißig Jahren anhält: Die Prämonstratenser aus der Abtei Hamborn bei Duisburg wohnen seit 1996 mit insgesamt vier Patres in einer zeitweise von der Roten Armee genutzten früheren Kaufmannsvilla am rechten Elbufer neben einer der drei Kirchen, die sie in Magdeburg betreuen. Das Haus ist zu klein, um hier Gäste, am Ordensleben Interessierte oder gar Novizen aufzunehmen. So erwarb der Orden im Jahr 2017 ein Grundstück vom Land Sachsen-Anhalt, auf dem sich früher ein nicht denkmalgeschützter Anbau, das sogenannte Haus 2, des ehemaligen Landes-Hygieneinstituts befand. Direkt an der ehemaligen Stadtmauer Magdeburgs soll hier ein Klosterneubau für vier bis sechs Patres sowie bis zu drei Gäste entstehen.

Nicht nur Kirchenquartier

Auch die beiden evangelischen Gemeinden sahen einen Entwicklungsbedarf für ihre Gebäude – und so kam die Idee auf, das Gelände in ökumenischer Eintracht neu zu gestalten und auch das aus den 1970er Jahren stammende ehemalige Gemeindehaus von St. Petri  zu sanieren und für Jugendarbeit und Seelsorge zu nutzen. Außerdem soll das Grundstück geöffnet werden, alte Wegbeziehungen sollen wiederentstehen. Aus dem Arbeitstitel „Ökumenische Höfe“ wurde schließlich die offizielle Projektbezeichnung, die den Charakter dieses alten und doch in neuem Glanz erstrahlenden Altstadtquartiers zutreffend beschreibt.

Dabei werden die Ökumenischen Höfe kein reines „Kirchenquartier“, kein in sich abgeschlossenes Viertel sein. Die denkmalgeschützten Bauten des früheren Landes-Hygieneinstituts sind bereits oder werden künftig zu Wohnungen umgebaut. Im kleinen Haus 1 am Wallonerberg, der vom Elbufer in die Altstadt führt, hat die Europäische St.-Norbert-Stiftung, die von Pater Clemens Dölken OPraem, Wirtschafts- und Sozialethiker sowie Prior des Klosters Magdeburg, geleitet wird, bereits mehrere Mietwohnungen errichtet. Das Haus 2 mit seiner riesigen Gebäudefront zum Elbufer wird insbesondere für betreutes Wohnen genutzt werden.

Die katholische und evangelische Studentengemeinde hat hier ihren Sitz

Das Projekt ist daher in dieser Form einzigartig. Die räumliche Nähe mehrerer christlicher Gemeinden unterschiedlicher Konfessionen ermöglicht Begegnungen auf engstem Raum, gemeinsame Aktivitäten und Veranstaltungen. Durch die Öffnung des bisher abgeschlossenen Geländes und die Umwandlung der ehemaligen Hygieneanstalt in Wohnungen öffnen sich die Gemeinden und das Kloster zudem gegenüber der Stadtbevölkerung sowie Menschen mit anderen Weltanschauungen. Da St. Petri seit 1999 offiziell die katholische Universitätskirche in Magdeburg ist und katholische wie evangelische Studentengemeinden hier ihren Sitz haben, entsteht zudem ein generationenübergreifendes Projekt.

Rund um den Klosterneubau, der aus drei Obergeschossen, einem Staffelgeschoss zum Elbufer hin und einer Tiefgarage bestehen wird, werden Teile der ältesten erhaltenen Stadtmauer und die so genannte Romanische Stube aus dem zwölften Jahrhundert hinter Glas zu sehen und bei Führungen zu besichtigen sein; direkt daneben soll der alte „Lutherturm“ in Zukunft wiederaufgebaut werden. Der Legende nach soll der Reformator hier bei einem Besuch des damaligen Augustinerklosters einst übernachtet haben. An dieser Stelle soll auch ein historischer Durchgang mit Rundbogen in der Stadtmauer wieder geöffnet werden und als Verbindung vom Elbufer mit Schiffsanleger und Fernradweg zu den Ökumenischen Höfen dienen.

Ziel: Kirche und Kloster wieder sichtbar machen

Für Pater Clemens Dölken sind sowohl der Klosterneubau als auch das Gesamtprojekt der Ökumenischen Höfe eine Chance, in der Stadt als Kirchen und Kloster sichtbar zu sein, erzählt er im Gespräch mit der „Tagespost“. Ein Gebiet, in dem sich gerade noch 14 Prozent der Bevölkerung zum Christentum bekennen – zehn Prozent Protestanten und vier Prozent Katholiken – sei keine Diaspora mehr, sondern eher schon ein Missionsgebiet. In dem Klosterneubau könne der Orden endlich ein „Fisch im Wasser“ der prämonstratensischen Spiritualität sein, insbesondere durch die Nähe zur Petrikirche, die von den Ordensbrüdern betreut wird.

Konfessionelle Unterschiede sollen nicht unter den Teppich gekehrt werden

Die Ökumenischen Höfe sind daher auch eine Chance, gegenüber einer zunehmend entchristlichten Gesellschaft als Gemeinschaft aufzutreten, ohne die Unterschiede in den Konfessionen zu nivellieren. „Man sieht hier, was man gegenseitig tun kann – in versöhnter Verschiedenheit“, sagt Pater Clemens. Auch zwischen der reformierten und der lutherischen Altstadtgemeinde gebe es durchaus einige Unterschiede, sodass hier nicht nur evangelisch-katholische, sondern auch eine innerprotestantische Ökumene gelebt wird.

Dem Prior des Prämonstratenser-Klosters geht es darum, die Möglichkeiten der Ökumene vor Ort auszuloten, ohne katholische Dogmen in Frage zu stellen. „Wir schauen jetzt einfach mal“, meint er zu den Chancen, die die Ökumenischen Höfe für die Gemeinschaft der Konfessionen biete. Unterstützt wird das Projekt auch aufgrund seines missionarischen Charakters vom Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken mit 200 000 Euro für den Klosterbau und gut 90 000 Euro für das Gemeindehaus. Für den Klosterbau muss das Magdeburger Priorat aber auch Spenden sammeln – und bekommt dabei, wie Pater Clemens erzählt, viele positive Rückmeldungen gerade in einer Zeit, in der die Kirchen oft negative Schlagzeilen produzieren. „Endlich mal ein Projekt gegen den Trend“, habe ihm ein Spender geschrieben.

Für Oktober 2021 ist das Richtfest geplant. Am 24. Juni 2022, dem Hochfest der Geburt Johannes des Täufers, kommenden Jahres wollen die Patres dann ihr neues Domizil am Schleinufer, an der so wiederbelebten Adresse Altes Fischerufer 51, beziehen – in der Stadt, in der ihr Ordensgründer, der heilige Norbert, im zwölften Jahrhundert Erzbischof war.

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