Osnabrück

Disco-Hits und Gebet - passt das zusammen?

Die Eremitin Maria Anna Leenen lebt sowohl in der Stille, als auch durch die Musik und den Tanz die Hingabe an Gott. In ihrem Buch „Musik meines Lebens“ beschreibt sie 15 Werke, die sie in ihrem Leben begleitet haben. Auch in kommerziellen Liedern findet sie Antworten auf die Fragen des Lebens.
Sister Act tanzende Nonnen
Foto: APC (imago stock&people) | Ist rockige Musik und Tanz ein Widerspruch zu einem gottgefälligen Leben? Für die Schwestern aus Sister Act jedenfalls nicht. Und für die Eremitin Maria Anna Leenen aus Osnabrück auch nicht.

Stille ist ein anderes Wort für Gott, lautet eine östliche Weisheit. Um in Stille und in der Nähe Gottes zu sein, zogen seit jeher Eremiten in Wüsten, Höhlen und an andere menschenferne Orte. Maria Anna Leenen ist eine von ihnen. Als Diözesan-Eremitin im Bistum Osnabrück lebt sie seit 25 Jahren in selbst gewählter Einsamkeit in einem alten niedersächsischen Bauernhaus.

Lesen Sie auch:

Musik als Schlüssel zu Glaubenswahrheiten

Die Stille ist jedoch nur ein Teil ihres Alltags, der andere gehört der Musik. In ihrem Buch „Musik meines Lebens“ zählt sie kapitelweise jene fünfzehn Lieder, Popsongs und klassischen Stücke auf, die sie zeitlebens begleitet haben – bis hin zu ihrer Entscheidung, sich Gott zu weihen. Und darüber hinaus: „Musik hilft Glaubenswahrheiten zu begreifen – mit den Sinnen, mit dem Herzen, mit dem ganzen Mensch-Sein.“
Was bei ihr schon mal in pure Lebensfreude und Tanzlust ausartet. Etwa, wenn schmissige 80er-Hits wie „I am, what I am“ von Gloria Gaynor durch die Klause schallen: „Denn auch in einer Einsiedelei kann man ab und zu nach Musik ein bisschen ,herumhopsen‘. Ich persönlich halte darum Tanzen auch nicht für ungeistlich oder gar für Sünde.“

Nein, die Beschreibungen solcher Tanz-Einlagen überraschen einfach. Für den Leser geben sie zudem eine wunderbare Vorlage ab, um sich auszumalen, wie die Einsiedlerin auch bei kommerziellen Disco-Titeln tänzerisch den Boden unter den Füßen verliert.

Wilde Jugend

Und letztlich immer doch ihrer Entscheidung treu bleibt: Das ist die bedingungslose Hinordnung zu Gott. Mit Meditation, Gebet, Andacht, Askese und Alleinsein. Auch diese Seiten ihres Lebens sind mit bestimmten Musikstücken verwoben. In ihren geistlichen Weg hineinzufinden, half einst Divna Ljubojevics „Tebe pojem“, es verstärkte nicht nur Konzentration und Sammlung, sondern „auf eine geistliche Art in die Tiefenschichten hineinzugelangen“. Dort, wo das Mysterium, das Geheimnis Gottes im innersten Kern des Menschen wohne, wie die Autorin es ausdrückt.

Eine ähnliche Bedeutung haben für Maria Anna Leenen auch die Gesänge der Benediktinerin Hildegard von Bingen, welche die Kapelle der Klause für eine kurze Weile in einen anderen, entweltlichten Ort verwandeln. Wie ein Rastplatz oder eine Herberge für jene, die in Richtung Ewigkeit unterwegs sind.
Im Blick zurück erinnert sich die Einsiedlerin, dass Musik sie von klein auf begleitet habe. Schon in den lang zurückliegenden Jahren, die sie als „ziemlich wild“ bezeichnet, prägten bestimmte Melodien Kindheit, Jugend und das frühe Erwachsenenalter. Kleinere und größere Abenteuer wechselten sich ab, ehe das ganz große Abenteuer begann: die Berufung zur Eremitin, das Wechselspiel, Gott zu suchen und sich von ihm finden zu lassen.

Radikaler Wandel

Maria Anna Leenen beschreibt es kurz als eine „alles umstürzende innere Erfahrung“ während eines Südamerika-Aufenthalts, welche die Wendung brachte. Die junge Frau trat daraufhin in die katholische Kirche ein und legte schließlich ein Gelübde zu Armut und Keuschheit, Gehorsam und Zurückgezogenheit ab.

Diesen Abschnitt eines letztlich ersehnten, aber äußerlich harten Neubeginns findet sie vor allem in Adel Tawels Lied „Ist da jemand?“ musikalisch gespiegelt. Eine unauslöschliche Sehnsucht, die den Menschen selbst nachts durch die Straßen treibt, innerlich aufgewühlt und voller Fragen, davon erzählt der Liedtext. Maria Anna Leenen kennt solche Situationen, damals fragte sie sich: „War vielleicht doch alles nur Spinnerei? War das wirklich ein Anruf Gottes gewesen?“

Assoziationen machen neugierig bei Songs genauer hinzuhören

Aber das liegt weit zurück. Durch die Musik ist es ihr mehr und mehr gelungen, Antworten zu finden. Auch bezüglich der Überlegung: Ist Platz für Freundschaft in der Einsiedelei? Ausgerechnet die rockigen Klänge der deutschen Pop-Band PUR gaben der Autorin die Gewissheit, dass der innige Kontakt zu einigen wenigen Menschen wichtig ist. „Es ist schön, dich zu kennen, mit dir zu reden oder auch Musik zu hör'n. Sogar Schweigen ist nie peinlich zwischen uns, und das ist gut so.“ Durch Sätze wie diese waren ihr in der Meditation die Gesichter einzelner Menschen aufgetaucht, die sie lange nicht mehr gesehen hatte. Und die sie wieder in ihr Leben hineinlassen wollte. „Freunde“ hieß das Lied – der richtige Song zur richtigen Zeit.

Inzwischen hat Maria Anna Leenen erfahren, dass selbst Jazz – wenigstens „Take Five“ von Dave Brubeck – ein Impuls für die persönliche Spiritualität sein kann: „…Ist dieses Klavierspiel nicht ein Beispiel für das ruminatio? Für diesen gleichbleibenden, aufbauenden, spannenden Rhythmus, in dem ich das Wort aus der Schrift wiederhole und wiederhole und noch einmal wiederhole, und das damit eine ganz tief in mir liegende Kraft und Licht schenkende Verbindung schafft zu Christus?“ Solche Assoziationen scheinen ungewöhnlich, machen aber neugierig, bei jeder Art von Musik von nun an genauer hinzuhören, ob Melodie oder Text noch etwas anderes vermitteln als das, was ans Ohr dringt.

Das Leben - ein Tanz mit Gott

Überhaupt: Durch die Lektüre erfährt man nicht nur Interessantes und Neues über die Lebens-Musik der Autorin. Es regt dazu an, eine Hit-Liste der eigenen Favoriten aufzustellen und sich zu fragen: An welcher Stelle meines Lebens hat Musik mich beeinflusst? Oder gab den Auftakt für eine neue Phase? Oder war Abgesang auf Altes und Vergangenes?

Noch einmal zurück zum Tanz: Gottes Ruf anzunehmen, vergleicht Maria Anna Leenen mit einem geistigen Tanz. Das ist ein schönes Bild: Wir alle sitzen am Rande der Tanzfläche und warten darauf, aufgefordert zu werden – jeder zu seiner Zeit gemäß seinem Temperament und abgestimmt auf die jeweilige Musik. Wir sollten nur eines wissen: „Ein Tanz mit Gott ist eine tiefe Freude, aber auch die manchmal schwierig zu akzeptierende Erkenntnis, dass Gott bei diesem Tanz führt.“

Maria Anna Leenen: Musik meines Lebens: Impulse für ein Leben mit Gott.
Bonifatius Verlag, Paderborn 2020, 126 Seiten, ISBN: 978-3897108462, EUR 15,90

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Bernarda Bruno
Berlin

„Die weibliche Form von Stevie Wonder“ Premium Inhalt

Die blinde Sängerin Bernarda Bruno belegte bei „The Voice of Germany“ den fünften Platz. Wir stellen die Künstlerin vor, die sich mit ihrer Musik unter anderem für den Lebensschutz einsetzt.
15.11.2020, 11  Uhr
Veronika Wetzel
Themen & Autoren
Esther von Krosigk Angelika Kauffmann Bistum Osnabrück Dave Brubeck Hildegard von Bingen Jazz Jesus Christus Katholische Kirche Songs

Kirche