Stockholm

„Die Kirche in Schweden ist voller Hoffnung“ 

Katholisch im Norden Europas. Anders Kardinal Arborelius, Bischof von Stockholm, beschreibt die Chancen der Diaspora.  

In Schweden legt die katholische Kirche ein beredtes Zeugnis dafür ab, dass man auch in einer fragmentierten, multikulturellen Gesellschaft zusammenleben könne, weil der Glaube Menschen zu einer Einheit in der Vielfalt führt“, so der Bischof von Stockholm, Kardinal Arborelius, bei einem von der spanischen katholischen Multimedia-Plattform „Omnes“ unter dem Titel „Rückkehr zum Glauben aus einer säkularisierten Gesellschaft“ veranstalteten Online-Gespräch. 

Erster Schwede als Bischof

Lesen Sie auch:

Lars Anders Kardinal Arborelius steht seit 1998 der einzigen schwedischen Diözese vor. Als Papst Johannes Paul II. ihn auf den Bischofssitz von Stockholm berief, übernahm mit dem 1949 geborenen Arborelius erstmals seit der Reformation ein Schwede die Leitung eines katholischen Bistums. Papst Franziskus kreierte ihn 2017 zum Kardinal. Vorher lebte Anders Kardinal Arborelius zwanzig Jahre lang als Karmeliter im Kloster Norraby, nachdem er im Alter von 20 Jahren zum katholischen Glauben konvertiert war. 

Einst drohte Katholiken die Todesstrafe

Angesichts einer sich so gut wie in ganz Europa immer weiter ausbreitenden Säkularisierung, kann ein Blick auf ein Land hilfreich sein, in dem eine solche Entwicklung weiter fortgeschritten und die Katholiken eine verschwindende Minderheit sind. Denn sie machen knapp zwei Prozent der Gesamtbevölkerung aus, was historische Gründe hat – so Kardinal Arborelius –, denn es wurde den Katholiken in Schweden erst ab 1781 erlaubt, ihren Glauben öffentlich zu praktizieren. Das moderne Schweden sei gerade in Abgrenzung zum Katholizismus entstanden. Im Jahre 1617 war sogar die Todesstrafe für Katholiken – mit Ausnahme der Ausländer – eingeführt worden. Erst 1953 wurde das bis heute einzige Bistum errichtet. 

Groß 

Für die katholische Kirche in Schweden spiele die Ökumene eine ganz besondere Rolle, so Arborelius weiter, denn dadurch würden die Katholiken als Teil des Landes wahrgenommen. Viele schwedische Lutheraner schätzten die katholische Spiritualität und Tradition. Als Beispiel nannte der Erzbischof, dass Pastöre aus der evangelisch-lutherischen Kirche an ignatianischen Exerzitien teilnehmen. Durch die Präsenz der katholischen Kirche bei den ökumenischen Veranstaltungen wird es den anderen Konfessionen deutlich, dass die katholische Kirche nicht nur für Migranten und Ausländer, sondern auch ein Teil des Landes sei. 

Die Kirche in Schweden wächst

 

Der Begriff Integration fällt mehrfach im Gespräch mit Kardinal Arborelius – in zweierlei Hinsicht. Die katholische Kirche in Schweden sei besonders multikulturell, was auf historische Entwicklungen zurückzuführen sei: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei Schweden zu einem der Hauptziele für Migranten aus der ganzen Welt – Lateinamerika, Asien, Afrika – geworden. „In Schweden lebt die größte chaldäisch-katholische Gemeinde nach dem Irak“, so Arborelius. „Und sie waren begeistert von der jüngsten Reise von Papst Franziskus in ihr Herkunftsland.“ So sind heute etwa 80 Prozent der Katholiken in Schweden Ausländer. „In jeder katholischen Pfarrei sind Menschen aus 50 bis 100 Nationalitäten vertreten, die ihre jeweilige Kultur mitbringen.“ In diesem Zusammenhang warnte der Stockholmer Erzbischof vor wachsenden nationalistischen Strömungen in Schweden. „Die katholische Kirche kann eine Brücke für die Menschen sein, wie der Papst uns sagt“. 

Mulitkulturelle Kirche

Zwar kann der unterschiedliche Hintergrund zu Reibungen führen. Durch die Multikulturalität stelle die katholische Kirche aber unter Beweis, „dass in ihr Menschen jeder politischen Überzeugung und jeder Nationalität Platz haben, gerade weil der Glaube sehr unterschiedliche Menschen einen kann.“ Weil auch in anderen europäischen Ländern die Entwicklung in diese Richtung zeigt – „eine solche multikulturelle Zusammensetzung der Katholiken habe ich auch auf Reisen in Berlin, Paris und London vorgefunden“, so Arborelius – können die Erfahrungen der katholischen Kirche in Schweden für andere Länder vom Interesse sein. 

Integration besitzt allerdings eine weitere Bedeutung für die katholische Kirche in Schweden. Denn es müssen Konvertiten integriert werden, die aus sehr unterschiedlichen Hintergründen kämen: aus der offiziellen lutherischen Kirche, aus der muslimischen Welt, auch aus dem Judentum, vor allem aber aus dem Heidentum.

Eine persönliche Beziehung zu Gott

Wichtig für die Katholiken in Schweden sei, dass sie eine sehr persönliche Beziehung zu Gott entwickelten. Kardinal Arborelius' Ratschlag: „Wir müssen versuchen, die Beziehung zu Gott lebendig zu halten. Denn die Menschen merken, wenn wir von Gott sprechen, ob wir auch mit Gott sprechen. Denn besonders in einer Minderheitssituation sei es wichtig, als gläubiger Christ bereit zu sein, über den Glauben zu sprechen und christlich zu handeln.“ Und weiter: „Manchmal ist es überzeugender, wenn jemand durch sein Handeln Christus zeigen kann. Wenn wir in Gottes Gegenwart leben, wird es natürlich sein, von Gottes Liebe und Wahrheit zu sprechen.“ Werde der Glaube nicht weitergeben, so würde er in einer durch und durch säkularisierten wie der schwedischen Gesellschaft schnell schwinden. 

Viele Akademiker und Künstler

Der Bischof von Stockholm zeigte sich sehr zuversichtlich: Jahr für Jahr konvertierten etwa hundert Schweden zum katholischen Glauben. Die meisten von ihnen sind Akademiker und Künstler. Bleibe die Politik ein schwieriges Feld für Katholiken, weil „alle bestehenden politischen Parteien etwa die Abtreibung befürworten, was mit dem katholischen Glauben unvereinbar ist“, so sei die katholische Kirche gerade in der Universitätswelt präsent. Als Beispiel nannte Arborelius die Rektorin der Universität von Stockholm, Astrid Söderbergh Widding. Die Professorin für Filmwissenschaften – sie promovierte über Andrei Tarkowski – gehört zu den Dominikanischen Laiengemeinschaften (Drittorden). Die Kirche sei in Schweden voller Hoffnung. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
José García Ausländer Bischöfe Evangelische Kirche Jesus Christus Johannes Paul II. Kardinäle Katholikinnen und Katholiken Katholische Kirche Katholizismus Martin Luther Minderheiten Multikulturalität Papst Franziskus Päpste Reformation der christlichen Kirchen

Kirche