IM BLICKPUNKT

Die Kernbotschaft des Christentums ist Insiderwissen geworden

Die katholische Kirche in Österreich bekommt nicht nur für ihr Spitzenpersonal, sondern auch für die seelsorgerische und karitative Arbeit großen Applaus. Das wichtigste geht dabei jedoch unter: die Kernbotschaft der Kirche.
Priester öffnet Tabernakel
Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Die katholische Kirche ist in Österreich noch immer eine imposante Größe. Die Mehrheit der Einwohner des Landes gehört ihr an, auch wenn (vor Corona) nur ein Zehntel davon sonntags zur Messe ging. Die anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften akzeptieren die Führungsrolle der Katholiken gerne, zumal das ökumenische und interreligiöse Klima im Alpenland bestens ist. So trat der Wiener Kardinal Christoph Schönborn in der Corona-Krise mehrfach als Sprecher aller anerkannten Religionen auf, nach dem Wiener Terroranschlag Anfang November sogar als Vorbeter und oberster Tröster der Nation.

Schönborn ist längst zu einer moralischen Autorität gereift. In der Bischofskonferenz hat er das letzte Wort, wo er es will. In den Medien ist er schon jenseits aller Kontroverse angesiedelt. Sein Nachfolger an der Spitze der Bischofskonferenz, der Salzburger Erzbischof Franz Lackner, glänzt mit franziskanischer Bescheidenheit und hoher Dialogbereitschaft. Die katholische Kirche kann sich mit ihrem Spitzenpersonal sehen lassen. Und sie erntet überall dort höchste Anerkennung, wo sie karitativ und humanitär agiert, ja sogar vielfach mit ihren sozial-ethischen Positionierungen.

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liturgischer Analphabetismus als Volkssprache

Erkauft ist diese Hochachtung jedoch um einen nicht geringen Preis: Die Morallehre der Kirche ist sorgsam im Tresor verschlossen und verborgen. Die Kernbotschaften des Christentums sind mittlerweile eine Art gut gehütetes Geheimwissen. Theologie ist zur Fremdsprache geworden. Bei Firmungen, Erstkommunionen und Begräbnissen wird der liturgische Analphabetismus sichtbar. Im einstmals katholischen Österreich stolpern getaufte Heiden ahnungslos durch die Liturgie. Nicht nur die Glaubensweitergabe ist längst abgebrochen, auch die christliche Alltagskultur ist weithin verdunstet. Bei allem Applaus für Caritas, Telefonseelsorge, Pfarrkindergärten und katholische Schulen ist es dann oft nur eine Frage des Anlasses, um der Kirche auch amtlich den Rücken zu kehren.

Solche Anlässe sind gegeben, wenn in finanziell prekärer Lage die Kirchenbeitragsmahnung ins Haus flattert. Ebenso, wenn jemand in seelischer und psychischer Not Halt sucht, aber nicht findet. Und auch, wenn die Kirche im Lockdown ist, aber die Taufe des Enkels, die Trauung der Tochter oder die Krankensalbung des Großvaters anstünde. Der Vorwurf, im ersten Lockdown ab März zu administrativ und zu wenig seelsorglich-spirituell gehandelt zu haben, wird der Kirche bleiben. Sie zog sich auf staatlichen Zuruf hin allzu eilfertig von den Menschen zurück.

Kirche nur noch als moralische Autorität und Vorbild

Im November war man dann schon klüger: Zu groß war der Druck der Regierung, als dass die Kirche eine Sonderrolle hätte spielen können, doch zu stark war mittlerweile auch die Selbstachtung, um nicht wenigstens einen Kompromiss auszuhandeln. Der zeigt ganz gut, welches Gewicht die Kirche in Österreich heute noch hat: Die Regierung legte Wert darauf, die Kirche beim zweiten Lockdown ins Boot zu holen, als moralische Autorität und Vorbild. Es stand aber auch die Drohung im Raum, notfalls Gottesdienste per Verordnung zu reglementieren, womit das kooperative Verhältnis von Kirche und Staat gehörig demoliert worden wäre.

Anders als in Frankreich ist es in Österreich (noch) undenkbar, dass Polizisten in oder vor Kirchen Messbesucher kontrollieren oder gar Gottesdienste auflösen. Letztlich waren alle zufrieden, als sich die katholische Kirche – und in ihrem Schlepptau die anderen Kirchen und Religionen – mit einigen Kompromissen in den selbst verordneten Teil-Lockdown begab. Mit welchen Corona-Schäden sie daraus wieder auftaucht, wird sich bald zeigen.

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