Annaberg bei Mariazell

"Die heilige Beichte wird von vielen missverstanden"

Pater Justin Minkowitsch, Zisterzienser aus dem österreichischen Stift Lilienfeld, erklärt im Gespräch mit der Tagespost, warum die Beichte in Vergessenheit gerät und, ob die Psychotherapie das Sakrament der Buße ersetzt hat.
Pater Justin Minkowitsch

Pater Justin, die Beichte gehörte noch vor einer Generation zum normalen Vollzug des Glaubenslebens von Katholiken. Heute ist sie, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben, das "vergessene Sakrament". Wie konnte es dazu kommen?

Die Hauptgründe sind für mich Unklarheiten in der Verkündigung und im spirituellen Leben auf der einen Seite und zum anderen die gesellschaftliche Entwicklung einer sehr starken Säkularisierung, des Relativismus beziehungsweise des Egoismus.

Worte wie Sünde, Buße, Beichte, Sühne sind aus Predigt und Verkündigung fast verschwunden. Warum machen viele Priester einen großen Bogen um diese Themen?

Auch hier spielen meines Erachtens Unschärfen im eigenen geistlichen Leben, aber auch die großen Wellen einer Spaß- und Genussgesellschaft und das "Nicht-Meiden-Können" von Gelegenheiten zur Sünde   wodurch das Fundament des Glaubens unterspült wird eine Rolle.

Viele Menschen assoziierten die Beichte mit Angst und Unbehagen. Sie dagegen sprechen vom "Sakrament der Erleichterung von aller Erdenschwere". Ist die Beichte ein missverstandenes Sakrament?

Ja, die heilige Beichte wird von vielen missverstanden. Wer das Sakrament als Begegnung mit der Wahrheit und dem Leben, das Christus ist, ernst nimmt, wird aus Erfahrung bestätigen können, was es mit innerem Aufleben auch ungeachtet der spontanen Gefühle auf sich hat.

"Jede Reform, die nur äußerlich geschieht, ist zum Scheitern verurteilt."

Sie schreiben, das Bußsakrament sei "für die Erneuerung des persönlichen und allgemeinen christlichen Lebens unersetzbar". Nun reden viele kirchenintern von Erneuerung und Reform, aber wenige von Buße und Beichte. Gehen solche Reformbemühungen ins Leere oder in die falsche Richtung?

Jede Reform, die nur äußerlich geschieht, ist zum Scheitern verurteilt. Die Heilige Schrift führt uns immer zuerst den Glauben und die innere Umkehr vor Augen.

Wo finden Gläubige, die sich nach Jahren oder Jahrzehnten neu aufraffen wollen, eine gute Vorbereitung und Hinführung zur Beichte?

Im Katechismus, in Handreichungen von Beichtvätern, aber auch im Gotteslob, wobei mir persönlich die älteren Fassungen besser gefallen. Sie sollten sich diesbezüglich aber auch persönlich an den Geistlichen vor Ort oder an gute Exerzitienhäuser und Klöster wenden. Je mehr Aufmerksamkeit in der Vorbereitung, desto besser ist letztlich die heilige Beichte.

Seelennot und inneren Unfrieden scheint es ja weiterhin zu geben. Haben Psychotherapie, Coaching und Lebenshilfe die Beichte ersetzt? Könnten sie sie vielleicht ergänzen?

Gute Psychotherapeuten und Coaches wissen um die Grenzen ihres Arbeitsgebietes und empfehlen ihren Klienten nicht selten die Beichte als einzigartige Gelegenheit der Befreiung und Versöhnung mit Gott, mit sich selbst und mit den Mitmenschen. Vielen ist aber momentan diese Sicht auch noch verstellt. Oftmals ist es unerlässlich, auch die zugrundeliegenden Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder ähnliches in der Psychotherapie begleitend behandeln oder weiterbehandeln zu lassen.

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Was muss ein guter Beichtvater können und wissen?

Zuerst muss er sich durch Empathie auszeichnen, die die Frucht eines innerlich-geistlichen Lebens ist. Hier 
wird auch die maßgebliche Kenntnis der Heiligen Schrift und verschiedener theologischer Disziplinen nicht fehlen, wie vor allem ein Leben in der Heilsgegenwart des Auferstandenen.

"Mit nur ein wenig Beichte gibt es nur ein wenig Umkehr."

Muss ein Priester selbst regelmäßig beichten, um ein guter Beichtvater zu sein? Wie wichtig ist die Beichte für die priesterliche Identität?

Die heilige Beichte ist für das priesterliche Leben ein zentraler Vollzug. Mit nur ein wenig Beichte gibt es nur ein wenig Umkehr, sowohl im persönlichen Leben als auch im Leben seines Wirkungsbereiches.

Wird das "vergessene Sakrament" wiederentdeckt werden? Und was wäre dafür nötig?

Das Sakrament wird zunächst wiederentdeckt, indem es sowohl in der Verkündigung als auch in der gelebten Praxis vor Augen geführt wird. Das Wichtigste dabei ist die Glaubwürdigkeit der Amtsträger und der praktizierenden Gläubigen, die nicht einfach Leer- und Freiräume der Liebe in ihren Herzen hinnehmen sollten. Vielmehr geht es um eine Rückkehr zur ersten Liebe zum Herrn und um die unstillbare Sehnsucht nach dem Heil, das in Jesus Christus ist. Machen wir unsere Sakramente als Orte der Heilsgegenwart Christi wieder leuchtend besonders auch im eigenen Herzen!

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Stephan Baier

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