Lourdes

Die Demut ist eine Sprosse auf der Himmelsleiter

Bei einer Pilgerfahrt nach Lourdes wurde klar, was Demut in der Benediktsregel bedeutet. Manchmal sieht sie aus wie ein Privileg.
Grotte in Lourdes
Foto: Lilian Cazabet via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Grotte in Lourdes

Meine Demut ist mein größter Stolz… lautet ein geflügeltes Wort, das öfter in kirchlichen Kreisen zu hören ist – natürlich scherzhaft gemeint. Geistliche und Ordensleute sind ja vom Wesen her schon zutiefst demütig, sonst hätten sie ihren Beruf gar nicht erst ergriffen. Aber warum widmet dann der heilige Benedikt in seiner Ordensregel der Demut ein eigenes Kapitel, noch dazu ein so langes? 

Fahrt nach Lourdes

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Im Jahr meiner Priesterweihe begleitete ich eine Pilgergruppe nach Lourdes. An einem Vormittag stellte ich mich in der langen Schlange an, um im Lourdes-Wasser zu baden. Wieder öffnete sich die Tür, ein Wärter sah mich ganz am Ende stehen, kam zu mir und wollte mich direkt mitnehmen – an allen Wartenden vorbei. Demütig wie ich war, lehnte ich dankend ab und erklärte ihm, dass ich warten könne wie jeder andere. Ein durchdringender Blick – und dann ein kurzer Dialog: „Sie sind doch Priester, oder?“ – „Ja, bin ich.“ „Was meinen Sie ist wohl besser: Hier in der Schlange zu stehen und zu warten, oder direkt eingelassen zu werden, um anschließend in die Kirche zu gehen und Beichte zu hören?“ Das Ganze war mir höchst peinlich – aber ich ging mit. 

Der Wärter in Lourdes zeigte mir mit wenigen Worten, wie nahe Demut und Stolz beieinanderliegen. Benedikt von Nursia kennt dieses Problem nur zu genau. Nicht umsonst zählt das Kapitel zur Demut zu den längsten seiner Ordensregel. In 70 Versen entfaltet er einen Reigen von Handlungsanweisungen und Hilfestellungen, um den Leser vor Hochmut und Überheblichkeit zu bewahren. Er eröffnet in wunderbar bildlicher Sprache seine Überlegungen zur Demut mit einer Mahnung in Vers 1: „Laut ruft uns, Brüder, die Heilige Schrift zu: Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Matthäus 23, 10). Eine laut rufende Heilige Schrift – wer könnte und wollte die überhören? 

Die Leiter

Am Beispiel der Leiter im Traum des Jakob (Genesis 28, 10–22) erklärt Benedikt den Aufstieg des Menschen zum Himmel. Die beiden Holme stehen für Leib und Seele, die insgesamt zwölf Sprossen für die verschiedenen Stufen der Demut. Sie gilt es zu erklimmen, um das große Ziel zu erreichen – die Anschauung Gottes. Natürlich ist die Zwölf nicht zufällig gewählt, sie gehört zu den sogenannten heiligen Zahlen und erinnert an die zwölf Stämme Israels oder die zwölf Apostel, die uns bereits erfolgreich und damit beispielgebend vorausgegangen sind. 

Auf der ersten Sprosse, mahnt der Mönchsvater, achte der Mensch stets auf die Gottesfurcht und hüte sich, ihn je zu vergessen. Ausdrücklich schreibt Benedikt „Mensch“, nicht „Mönch“. Er richtet seine Gedanken an alle, nicht an eine „geistliche Elite“. Gottes Wille geschehe, nicht der eigene, wie wir es täglich im Vaterunser beten und erbitten. Nüchtern stellt er fest: „Es gibt Wege, die den Menschen richtig erscheinen, die aber am Ende in die Tiefe der Hölle hinabführen.“ Auch die zweite Sprosse ist durchaus zu schaffen: „Der Mönch liebt nicht den eigenen Willen und hat deshalb keine Freude daran, sein Begehren zu erfüllen. Vielmehr folgt er in seinen Taten dem Wort des Herrn, der sagt: Ich bin nicht gekommen, meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“ Gerade in der jetzigen Fastenzeit ist es ein guter Vorsatz, sich selbst wieder einmal zu fragen: Was will Gott von mir? 

Auch wenn es hart wird

Schwere Kost – deshalb möchte man gerade jetzt natürlich darauf verzichten – bringt der vierte Grad der Demut: „Der Mönch übt den Gehorsam auch dann, wenn es hart und widrig zugeht. Sogar wenn ihm dabei noch so viel Unrecht geschieht, schweigt er und umarmt gleichsam bewusst die Geduld.“ Gehorsam an sich ist ja schon schwer zu leisten, aber dann noch im Unrecht? Benedikt fordert Geduld, in unserer heutigen Zeit ein rares Gut. 

Geduld, um auch im Widrigen und Schweren den Willen Gottes zu erkennen. Geduld, um nicht mutlos zu werden, sondern im Vertrauen auf Gottes Liebe seinen Weg zu gehen. Geduld, um nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Alle bösen Gedanken

Zumindest einmal im Jahr sollten Gläubige zur Beichte und Kommunion gehen. Ersetzten wir Abt durch Beichtvater, so spricht uns die fünfte Stufe der Demut in der vorösterlichen Fastenzeit besonders an: „Der Mönch bekennt demütig seinem Abt alle bösen Gedanken, die sich in sein Herz schleichen, und das Böse, das er im Geheimen begangen hat und er verbirgt nichts.“ Tröstend und zugleich hoffnungsvoll zitiert er zur Begründung wieder die Hl. Schrift: „Legt vor dem Herrn ein Bekenntnis ab; denn er ist gut, denn seine Huld währt ewig.“ (Psalm 106, 1). 

Großen Wert legt Benedikt auf die regelmäßige Lektüre der Bibel. Um das Gelesene besser verstehen zu können, helfen die Erklärungen der Kirchen- und Mönchsväter. So mahnt er im achten Schritt: „Der Mönch tut nur das, wozu ihn die gemeinsame Regel des Klosters und das Beispiel der Väter mahnen.“ 

Frucht des Gehorsams

Befolgt der Mönch diese und die anderen Weisungen, so verspricht der heilige Benedikt ihm und uns eine einzigartige Frucht des Gehorsams: Er „gelangt alsbald zu jener vollendeten Gottesliebe, die alle Furcht vertreibt. Aus dieser Liebe wird er alles, was er bisher nicht ohne Angst beobachtet hat, von nun an ganz mühelos, gleichsam natürlich und ohne Gewöhnung einhalten, nicht mehr aus Furcht vor der Hölle, sondern aus Liebe zu Christus, aus guter Gewohnheit und aus Freude an der Tugend. Dies wird der Herr an seinem Arbeiter, der von Fehlern und Sünden rein wird, schon jetzt gütig durch den Heiligen Geist erweisen.“ 

Demut vertreibt Angst und Furcht, sie schenkt Freude und Liebe! Demut verwandelt uns zu freudigen und liebenden, vom Heiligen Geist erfüllten Menschen. So verstanden dürfen wir tatsächlich stolz sein auf unsere Demut – wenn wir denn wirklich demütig sind. 

Nach dem Bad im Lourdes-Wasser führte mich mein Weg direkt zur Verwaltung, und ich fragte, ob ich gebraucht würde. Große Augen und der Kommentar: „Händeringend suchen wir schon den ganzen Vormittag nach einem deutschsprachigen Beichtvater!“ Das Beichtzimmer verließ ich – ohne Pause – erst wieder am Abend. 

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