Würzburg

Die Anbetung ist Eintreten in den Vorhof des Himmels

Anbetung. Ein Buch von Josef Otter befasst sich mit einem wenig beachteten Feld der Spiritualität. Die Anbetung erlebt längst eine Renaissance.
Anbetung während der Vigil mit Papst Benedikt auf dem Marienfeld bei Köln im Sommer 2005.
Foto: Imago | Als nachhaltiges geistliches Erlebnis erwies sich die Anbetung während der Vigil mit Papst Benedikt auf dem Marienfeld bei Köln im Sommer 2005.

Berlin war Vorreiter: Die Weihe des Erzbistums an die Herzen Jesu und Mariens im August dieses Jahres hat Zustimmung gefunden, aber auch Ablehnung herausgefordert. Offiziöse Stimmen des deutschen Katholizismus sprachen von Irritationen durch die Verwendung von „Kampfsymbolen“, von anti-ökumenischen oder gar esoterischen Handlungen (siehe DT 3. 9. 20): Eine Andachtsform der spezifischen Verehrung des Herrn und seiner Mutter als Stein des Anstoßes in nach-volkskirchlicher Zeit. Die Anbetung Gottes in ihren verschiedenen Erscheinungsarten, ihre innere Begründung und Verankerung in der Dogmatik war und ist aber ein klassisches Thema der Theologie. Darauf verweist die groß angelegte Dissertation des in diesem Jahr geweihten Vaduzer Diözesanpriesters Josef Otter, der von der Scholastik des 13. Jahrhunderts ausgeht, die er mit staunenswerter Gründlichkeit gemustert hat. Otter hat das Glück, mit dem Augsburger Dogmatiker Thomas Marschler einen der raren Experten zum Thema Anbetung als Doktorvater zu haben. Er hat bereits eine eigene Publikation dazu vorgelegt.

Nicht nur ritueller Kult

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Schon Guardini und Ratzinger haben darauf hingewiesen, dass Anbetung nicht nur ritueller Kult – signifikant in der eucharistischen Aussetzung –, sondern lebensprägende Praxis sein soll, damit aber, wie Marschler sagt, ein „Anliegen von existenzieller Notwendigkeit und dogmatischem Gewicht“ ist. Otter geht das Thema so an, dass er in großer Gründlichkeit bei Ciceros Tugend der „religio“ und Augustinus‘ Verständnis der Gottesverehrung ansetzt und danach unermüdlich alle wichtigen Autoren der karolingischen Epoche, so etwa Alkuin, dann der Frühscholastik wie etwa die Anselmschule und die Viktoriner, Abaelard und Petrus Lombardus abgeht, um sich allmählich über Wilhelm von Auvergne und Philipp dem Kanzler der Hochscholastik zuzuwenden.

 

Gebührende Verehrung

Viele Namen, die auch der Fach-Theologe nur aus dem Lehrbuch kennt, tauchen auf und werden befragt. Die Summa Halensis aus der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts leitet die Hochscholastik ein, natürlich treten Albertus Magnus und Bonaventura dazu, bevor Thomas von Aquin gehört wird, dem allein 210 Seiten der Dissertation gewidmet sind. Wir haben es mit einem Thema zu tun, das alle mittelalterlichen Theologen zutiefst beschäftigt hat und Gelegenheit zu Diskussion und Distinktion bot. Es musste über den Unterschied zwischen Anbetung und Verehrung nachgedacht werden. „Latrie“ nannte man die ausschließlich Gott gebührende Verehrung, während „Dulie“ den Heiligenkult meint, die Verehrung eines ehrwürdigen Geschöpfes. Beide Formen fassten viele scholastische Autoren unter dem Oberbegriff „adoratio“ zusammen. Das deutsche Wort Anbetung bezieht sich allerdings immer auf Gott.

Der Cultus duliae dagegen ist als Cultus „absolutus“ der Marien- und Heiligenverehrung gewidmet, als „relativus“ dagegen auch der Bilder-, Kreuzes- und Reliquienverehrung. All diese Reverenzakte waren jahrhundertelang nicht nur Gegenstand theologischer Reflexion, sondern vor allem lebendige Praxis im gläubigen Volk.

Art und Weise

Die Orthodoxie hält daran fest, dass heiligen Bildern, den Ikonen, Verehrung, wenn auch nicht Anbetung gebührt. Nach den entsprechenden Beschlüssen der Konzilien von Nicäa und Konstantinopel ist dies zudem die Beschlusslage der Gesamtkirche, die der Osten aber höher hält als der Westen. Natürlich verehren Christen nicht die Objekte, sondern die durch sie repräsentierten Glaubenswahrheiten, das Urbild gleichsam. Man kann sich vorstellen – Otter weist es im Einzelnen nach –, auf welch verschiedenen Zugängen die Theologen sich dem Thema näherten. Aber nicht nur die Ergebnisse der Gedankenarbeit spielen eine Rolle, sondern auch die Art und Weise, wie man zu ihnen kommt.

Eine echte Krise

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Es ist bemerkenswert, dass über mehrere Jahrhunderte alle Autoren zur Anbetungstheologie von Ciceros Bezeichnung und Charakterisierung der Tugend der Gottesverehrung ausgehen: Eine Hermeneutik der Kontinuität, die heute wohl nicht von allen Theologen übernommen würde. Es ist noch nicht einmal sicher, ob es noch Übereinstimmung zu einer von Augustinus gelegten Grundlinie gibt, der vom „cultus Deo debitus“ spricht, also daran erinnern will, was das Geschöpf dem Schöpfer schuldet. Die hierzulande weithin abgekommene eucharistische Anbetung, das Unbehagen mit klassischen Devotionsformen, die den Abstand zwischen Gott und Mensch betonen, deuten auf eine echte Krise im Verständnis der Glaubenswahrheiten hin. Das, was nun als relevant erachtet wird, hat nicht immer Gott als Mittelpunkt. Die alten Theologen folgten dagegen einem klaren Kompass. Gott gebührt Anbetung nicht nur aufgrund des Schöpfungsverhältnisses, sondern auch wegen der eigenen inneren Erhabenheit Gottes, für seine durch den Begriff „excellentia“ ausgedrückte Dignität. Otter: „Diese kommt Gott nicht nur durch sein Schöpfungswirken zu, sondern bereits durch sein inneres Wesen, durch seine unabhängig von aller Schöpfung an sich bestehende Heiligkeit.“

Das gilt, wie der Autor meint, auch in der Moderne: „Aus heutiger Perspektive könnte eine Besinnung auf die Relevanz von Anbetung innerhalb einer Communio-Ekklesiologie stattfinden, die auch mit einer kommunikations- und handlungstheoretischen Perspektive von Kirche gekoppelt sein kann: Gerade durch die Berufung zur Anbetung kommt der Kirche als königlichem und priesterlichem Gottesvolk Zeichenfunktion in einer säkularisierten Umwelt zu.“ Quod erat demonstrandum – am Beispiel dieses heute unterbelichteten Bereichs spiritueller Theologie. Josef Otters klar aufgebauten Werk, dem eine beachtliche Lesearbeit vorausging, ist Bewunderung zu zollen und Relevanz zu attestieren. Es führt mitten hinein ins Heilige und bleibend Notwendige.


Josef Otter: Adoratio – Theologie der Anbetung in der Scholastik des 13. Jahrhunderts.
Aschendorff Verlag, Münster, 2020, 581 Seiten,
ISBN 978-3-402-10301-2, EUR 74,–

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