Benediktinerinnen

Die Äbtissin von Venio trägt den Chormantel über Blue Jeans 

Seit Februar ist Schwester Francesca Simuniova Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Venio. In der Abtei trifft benediktinische Spiritualität auf normale Berufstätigkeit. Ein außergewöhnlicher Ort benediktinischen Lebens. 
Schwester Francesca Simuniova
Foto: Dr. Georg Steinmetzer | Schwester Francesca Simuniova ist seit Februar Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Venio in München.

Sie könnte noch immer in einem der plüschigen Lesecafés in Prag sitzen, umrundet von Freunden, ausländischen Studenten, Literaten und niemandem würde auffallen, dass sie inzwischen Äbtissin ist. Das offene gelockte Haar fällt Schwester Francesca Simuniova über die Schultern, sie trägt einen Strickpulli zu Blue Jeans. Nicht sehr viel anders wird sie Anfang der 1990er-Jahre ausgesehen haben, nachdem die „samtene“ Revolution das sozialistische Regime der Tschechoslowakei gekippt hatte, und Francesca Simuniova die neue Freiheit in Cafés und Clubs feierte. Damals hieß Francesca noch Stanislava, sie studierte Sonderpädagogik an der Prager Karlsuniversität und hatte nur einen Gedanken: bloß weg, so weit wie möglich. Sie träumte von Südafrika oder Brasilien, aber das war zu kostspielig. Also trampte sie zu ihrem ersten Job nach Niedersachsen, dem schloss sich ein Jahr als Missionarin in Sibirien an, schließlich erhielt sie ein Stipendium nach Dänemark.  

Überzeugt von Kloster mit Berufsalltag

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Ihr brennender Wunsch von damals hat sich dauerhaft erfüllt, auch heute lebt die Tschechin wieder in Deutschland – in München, wo die Benediktinerinnenabtei Venio ihren Sitz im Stadtteil Nymphenburg hat. In einer hübschen, zurückliegenden Villa, umgeben von einem Garten mit hohen, alten Bäumen. Mitte Februar hat Kardinal Reinhard Marx Francesca Simuniova zur neuen Äbtissin geweiht, die Abtei zählt derzeit 20 Schwestern in München und Prag. Das Besondere, was diesen Zweig der  Benediktinerinnen ausmacht: Die Schwestern verbinden ihr Ordensleben mit normaler Berufstätigkeit. Sie arbeiten unter anderem als Krankenschwester, Ärztin, Lehrerin und EDV-Spezialistin. Beim gemeinsamen Chorgebet in der Kapelle auf dem Grundstück in Nymphenburg sind sie einheitlich gekleidet: „Am Anfang des Noviziats erhalten wir den langen, weiten Chormantel mit den Worten: ,Nehmen Sie das Joch des Herrn auf sich und tragen Sie seine Last, die lieblich und leicht ist.'“

Beruf und monastisches Leben

Für Francesca Simuniova war die Verbindung von monastischem Leben und normalem Berufsalltag überzeugend, wahrscheinlich sogar der einzige gangbare Weg. Seit 2003 wirkte sie als Landesbeauftragte der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in der Tschechischen Republik. Sie betreute Jugendliche aus Deutschland in Einrichtungen für Shoah-Überlebende, in Gedenkstätten oder Behinderteneinrichtungen. 

Diese Aufgabe konnte Schwester Francesca bis 2020 ausüben – obgleich bald nach ihrer Konversion im Jahre 2008 feststand, in die Kommunität Venio einzutreten: „Durch mehrere Erlebnisse war das Gefühl in mir gewachsen, ins Kloster gehen zu wollen und zu sollen. Aber wenn ich Nonnen sah, dann kam mir das so brav vor. Ich dagegen war in meinen zerschlissenen Jeans unterwegs und wollte mich auch äußerlich nicht völlig verändern. Um Kompromisse einzugehen, war ich schon zu alt und selbstständig.“

In evangelischer Familie aufgewachsen

Innerlich fühlte sie sich der benediktinischen Spiritualität verbunden, der sie sich durch Kurz-Aufenthalte in Klöstern genähert hatte: „Wir standen um fünf Uhr auf, meditierten, beteten, im Grunde ein simpler Tagesablauf. Doch ich war positiv überrascht. Da war nichts, was ich nicht mit vollem Herzen beten konnte. Insbesondere die Psalmen, die ich stets geliebt  hatte. Es war also unmöglich zu sagen: Das sind hier so ein paar fromme Übungen, die brauche ich nicht. Im Gegenteil: Es trägt einen so, wenn man regelmäßig betet. Und somit war schon wieder ein Vorurteil überwunden.“ 

Vorurteile gegen den Katholizismus mag es viele  in ihrem früheren Umfeld gegeben haben. Großvater und Vater waren beide Kommunisten – der Vater stammte aus der Slowakei und hatte bereits mit 17 Jahren seinen katholischen Glauben, den er als zu eng und bigott empfand, gegen die politische Ideologie eingetauscht. Der Rest der Familie war evangelisch, konnte den Glauben jedoch nicht praktizieren, weil die Kirche der Heimatstadt in den 1970er-Jahren von den Kommunisten zerstört worden war. So wuchs Francesca Simuniova in ihren ersten Lebensjahren ohne nennenswerten Bezug zum lieben Gott auf. Eines Tages stand der neue Pfarrer des Ortes bei ihnen vor der Tür – ein lässig gekleideter Mann mit langen Haaren und Lennon-Brille. In seinem Haus am Rande der Stadt wurden von nun an die sonntäglichen Gottesdienste gefeiert. 

Umkehrzeit

Die politische Wende war schließlich auch eine Umkehrzeit in Schwester Francescas Leben, ohne dass sie dies forcierte. Das Geld reichte nicht für ferne Kontinente, also nahm sie das nächstbeste Ziel: Ein Studienangebot in Hermannsburg in der Heide. „In der dortigen Bibelschule habe ich erst richtig meine Beziehung zu Gott entdeckt. Ich hörte Vorträge über das alte und neue Testament und zur Kirchengeschichte. Und das enge Zusammenleben mit den Studenten war schon ein bisschen ein Vorgeschmack auf das Kloster“, erzählt die heutige Äbtissin.

Wie hat ihre Familie es aufgenommen, dass sie in einen Orden eintrat und 2014 die Ewige Profess ablegte? „Meinem Vater habe ich es bei einem Abendessen gesagt und er meinte nur: 'In der Schule hatten wir eine Schwester als Religionslehrerin und die haben wir Jungs alle geliebt.' Zwei Wochen nach meinem Eintritt ist er unerwartet verstorben, aber ich habe seine Worte als Botschaft des Einverständnisses gewertet.“ 

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