Rom

Deutsche Spuren in Rom

In Rom sind die letzten beiden Überreste des einstigen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu finden. Das Buch "Deutsche Spuren in Rom" zeigt, dass die Stadt noch viele andere sowohl kulturelle, als auch religiöse Punkte mit der deutschen Geschichte verbinden.
Abendstimmung in Rom
Foto: (67849317) | Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete Rom als die "Hauptstadt der Welt". Tatsächlich lassen sich auch heute noch deutsche Spuren in Rom finden.

Die großen Städte dieser Welt gehören allen. Im Zeitalter des Massentourismus hat auch fast jeder die Chance, die Metropolen kennenzulernen, ihr je verschiedenes Flair auf sich wirken zu lassen. Rom aber macht eine Ausnahme. Nicht nur, weil halb Europa einmal von Rom aus regiert wurde; für katholische Christen ist Rom nicht nur eine Destination, sondern auch ihr geistiges Zuhause.

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Die Deutschen wiederum haben ein eigenes, sehr schwärmerisches Verhältnis zur urbs eterna, die schon für die Germanen aus den nordischen Nebelländern Sehnsuchtsort war. Weswegen sie mehrmals auch bewaffnete Ausflüge dorthin unternahmen, wie Jörg Ernesti, Augsburger Kirchenhistoriker, in seinem neuen Buch festhält. Der gebürtige Paderborner hatte während seines Theologiestudiums in Rom Gelegenheit, die Stadt gründlich zu erkunden, in der er damals auch Führungen anbot. Seine literarische Suche nach deutschen Spuren in Rom ist eine sehr sinnvolle, bisher so noch nicht vorliegende Ergänzung zur unübersehbaren Rom-Literatur.

Botschafter Michael Koch, Deutschlands diplomatischer Vertreter beim Heiligen Stuhl und beim Malteserorden, macht in seinem Vorwort auf ein historisches Detail aufmerksam, das das Besondere des römisch-deutschen Verhältnisses beleuchtet: Dass nämlich „die Stadt Rom heute in ihren Mauern mit dem Camposanto Teutonico und der Santa Maria dell'Anima die beiden einzigen Überreste des einstigen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aufzuweisen hat“, die Anima unweit der Piazza Navona, Priesterkolleg wie der ungleich ältere Campo Santo beim Petersdom, verkörpert nämlich immer noch das untergegangene Alte Reich, wie Ernesti weiß: Als der Reichsdeputationshauptschluss 1803 das alte Gefüge auflöste, war die Anima das einzige reichsunmittelbare kirchliche Institut, das nicht säkularisiert wurde.

Umgebung des Vatikans von deutschen Auswanderern bevorzugt

Seit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches (...) bleibt sie somit eines seiner letzten Relikte. Nur folgerichtig, dass der langjährige Rektor Franz Xaver Brandmayr die Fahne mit dem schwarzen Doppeladler auf goldenem Grund auf dem Turm hissen ließ. Der Geschichte entkommt man nicht, schon gar nicht in Rom, wo mit Karl dem Großen der erste Kaiser des Reiches gekrönt wurde. Der Ort der Krönung war der alte Petersdom, der ab 1506 durch einen Neubau ersetzt wurde. In diesem gibt es bemerkenswert wenig deutsche Spuren, wohl aber zwei große Statuen deutscher Ordensgründer: Norbert von Xanthen und Bruno von Köln, die die so unterschiedlichen Orden der Prämonstratenser und Kartäuser stifteten.

Rom war durch die Jahrhunderte Pilgerziel und, wie gesagt, den Teutonen besonders teuer. Es verwundert nicht, dass es bereits im Mittelalter eine große deutsche Gruppe gab, die sich die Stadt zur ständigen Heimat erkoren hatte. Die Italiener nannten sie kurzerhand, verschiedene Stämme zusammenfassend, die „Sassi“ (Sachsen). Der „Borgo“, die auch heute besonders belebte Gegend rund um den Vatikan (wohl eine Verballhornung des althochdeutschen Wortes „burg“) war schon vor Jahrhunderten ein von ihnen bevorzugter Teil. Es gab „deutsche Gastwirtschaften und Versammlungsräume für die Bruderschaften der aus dem Reich eingewanderten Handwerker. Auch existierten nachweislich viele deutsche Bäckereien, denn deutsches Brot war auch bei den Römern sehr beliebt.“ Noch heute gibt es ein, zwei mehr süddeutsch-österreichisch geprägte Gaststätten, die die sehr einfachen, deftigen Gerichte anbieten, die der Römer mit nordalpiner Kost assoziiert.

Für Goethe war Rom die "Hauptstadt der Welt"

Noch im 18. Jahrhundert, nämlich 1786, betrat ein Frankfurter Rom durch die Porta del Popolo – und atmete auf. Für Goethe war Rom die „Hauptstadt der Welt“. Ernesti: „Er erfuhr in der Ferne Befreiung von Zwängen, die ihn in der Heimat bedrückten. Ihm wurde die Begegnung mit der antiken Kunst zum entscheidenden Bildungserlebnis.“ Sein Bericht über die Zeit im Süden, die „Italienische Reise“, ist Weltliteratur. Die bisher bloß theoretische Beziehung zur Antike wurde am „Ort des Geschehens“ zur lebendigen Gegenwart, wie der Dichter schrieb: „Denn es geht, man darf wohl sagen, ein neues Leben an, wenn man das Ganze mit Augen sieht, das man teilweise in- und auswendig kennt.“

In der Via del Corso, heute wie damals Flaniermeile der Römer, ist in seiner ehemaligen Wohnung ein gut geführtes Museum eingerichtet, das ein wichtiger Bezugspunkt deutschen Kulturlebens in der italienischen Hauptstadt geworden ist. Goethe, in Rom von Angelika Kauffmann gemalt, war nur einer von vielen deutschen Künstlern, die es an den Tiber zog. Der Maler Anton Raphael Mengs wurde in Rom katholisch und starb dort. Die „Nazarener“ des 19. Jahrhunderts, eine Maler-Gruppe, die eine Art klösterliches Gemeinschaftsleben versuchte und die Römer mit ihrer „altdeutschen Tracht“ erheiterten, wollten christlich geprägte Künstler sein. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die 1973 in der Villa Giulia einem tragischen Feuertod erlag, sah die Ewige Stadt als Katalysator für Sinneseindrücke, wie so viele, die aus dem Norden dorthin kamen.

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Süditaliener schätzen teilweise deutsche Ernsthaftigkeit und Genauigkeit

Was die Römer von all diesen Deutschsprachigen, ob Künstler oder Kleriker, halten, die einige Jahre oder Jahrzehnte ihre Leben teilen? Sie sind zu höflich, es zu sagen; die Deutschen als die Lieblingsgäste Roms zu bezeichnen, wäre wohl kühn. Aber es geht sehr viel besser als man denkt, gerade weil die Mentalitäten so weit auseinander sind. Die Süditaliener können deutsche Ernsthaftigkeit und Genauigkeit durchaus schätzen – wenn die Gäste aus dem Norden ein wenig auftauen und bereit sind, in den Rhythmus der Stadt einzuschwingen, die stetige Gesprächsbereitschaft ernst zu nehmen, Scherze auch auf eigene Kosten zuzulassen.

Jörg Ernesti, der ein sehr lesbares, schön illustriertes Buch vorgelegt hat, das sich auch als Führer für den nächsten nach-coronären Aufenthalt am Tiber eignet, kennt ein erhellendes Zitat des Historikers Arnold Esch, das Licht auf den „Prozess der Veredelung“ wirft, auf den sich freuen darf, wer in den Süden zieht: Er rühmt die „natürliche Generosität der Römer, die den Fremden ohne Eifersucht an Rom teilhaben lässt, ja womöglich das Gefühl gibt, man werde ihm hier gerechter als in seiner Heimat – und was kann man über ein Volk Schöneres sagen“.

Jörg Ernesti: Deutsche Spuren in Rom – Spaziergänge durch die Ewige Stadt. Verlag Herder, Freiburg, 2020, 224 Seiten, ISBN 978-3-451-38799-9, EUR 30,–

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