Sonntag

Der Sonntag: "Ein Geschenk des Himmels" 

Im Interview erklärt Bischof Alois Schwarz, der Sprecher der "Allianz für den freien Sonntag" in Österreich, warum wir einen gemeinsamen freien Sonntag brauchen.
Sonnenstrahlen fallen auf verlassene Gebetsbänke
Foto: Eibner-Pressefoto/EXPA/Feichter via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Immer mehr Bänke in der Kirche bleiben am Sonntag leer. Symbolbild.

Vor 1700 Jahren erklärte Kaiser Konstantin den "dies solis" zum arbeitsfreien Tag. Wodurch ist die Sonntagskultur, die Europa seither prägte, heute gefährdet? 

Es werden viele Argumente vorgebracht, um den Sonn- und Feiertagsschutz auszuhöhlen: Die alles verändernde Kommunikationstechnologie, das Freizeitverhalten, die Individualisierung von Mobilität und Flexibilität, wirtschaftliche Interessen und ökonomische Betrachtungsweisen, das Zurückdrängen der Religion ins Private, die Steigerung der Wirtschaftsleistung und vieles mehr. Auch die Menschen selbst sind im Druck der Leistungsgesellschaft zunehmend geneigt, den tief in unsere Herzen und unsere Kultur eingeschriebenen Rhythmus aus Arbeit und Ruhe zu vernachlässigen. 

Sie sind Sprecher der österreichischen "Allianz für den freien Sonntag". Mischen sich da nicht ganz unterschiedliche Interessen, auch solche, die mit dem österlichen Charakter des Sonntags nichts anzufangen wissen?

Bischof Alois Schwarz

Der Sonntag ist ein Geschenk des Himmels. Dieser Tag ist die größte Kostbarkeit unseres Gottes, der möchte, dass wir leben und aufatmen, dass wir uns in Auferstehung einüben, um ihn dann in einer letzten Fülle für immer umarmen zu können. Der Sonntag ist ein Geschenk des Christentums an die Welt. Unsere Welt braucht solche Zeichen und ich bin froh und dankbar, dass sich dafür seit vielen Jahren Allianzen geschlossen haben. 

Reichen nicht arbeitsrechtliche Beschränkungen und Vorgaben? Braucht es wirklich gesamtgesellschaftlich einen Tag, der sich vom Rest der Woche signifikant unterscheidet? 

Wir brauchen eine "synchronisierte Zeitstruktur", die es den Menschen ermöglicht, gemeinschaftlich zu handeln, soziale Beziehungen zu pflegen und für ein gutes Zusammenleben zu sorgen. Es geht darum, den kulturellen Rhythmus zwischen Arbeit und Ruhe um der Menschen willen zu erhalten und den Menschen eindeutig in den Mittelpunkt allen Wirtschaftens zu stellen. 

 

"Der Sonntag ist der Protest
gegen die Versklavung des Menschen
und die Ausbeutung der Schöpfung."

 

Wenn nur zehn Prozent der Katholiken an normalen Sonntagen einen Gottesdienst besuchen, kann man kaum noch vom "Tag des Herrn" sprechen. Ist die religiöse Begründung des Sonntags als Tag der Auferstehung gesellschaftlich irrelevant geworden?

Lesen Sie auch:

Der Sonntag lässt uns die Kraft spüren, die uns durch die Woche begleitet und trägt. Es ist ein Tag der Heilung, der Heiligung, der Beziehungen, ein Tag, an dem wir es unserem Gott nicht vergessen, dass das Leben letztlich die Oberhand behält. Der Sonntag ist der Protest gegen die Versklavung des Menschen und die Ausbeutung der Schöpfung. Es geht nicht bloß um ein Frei-Sein von Arbeit, sondern um ein Frei-Sein für die Menschen. Nicht alles zu jeder Zeit, sondern "ein Jegliches hat seine Zeit" (Prediger 3,1). Dafür ist unser Gott auf die Welt gekommen, um uns zu sagen: Mensch, du darfst leben, du darfst ein Leben in Fülle haben. Eine Welt, die sich innerlich durch Aggression zerreißt, braucht jetzt prophetische Gegenzeichen, Frauen und Männer, die sagen: Leben heißt, da sein dürfen mit unserem Schöpfer und ihm Bedeutung geben in unserer Zeit. 

In vielen Ländern, die katholischer sind als Deutschland und Österreich, halten die Geschäfte sonntags offen. Was spricht dagegen, nach der Messe einkaufen zu gehen?

Damit wir einkaufen gehen können, muss jemand anderer arbeiten. Für einen Einkaufstag an meinem freien Sonntag hat jemand anderer keinen freien Sonntag. Oft höre ich, dass auch Sonntage für viele Menschen Arbeitstage sind: in der Pflege, in Blaulichtorganisationen, in systemerhaltenden Berufen, in der Gastronomie. Die breite Allianz für den freien Sonntag kämpft jedoch dafür, dass dies kein gewöhnlicher Arbeitstag ist, dass es ein   auch arbeitsrechtlich   besonderer Tag bleibt. Mit dem Sonntag beginnt eine neue Woche. Aus dieser Sonntagsruhe heraus gehen wir an die Arbeit. Unser Verständnis sagt uns: Mensch, du darfst zuerst leben. Du musst nicht etwas leisten, damit du dich dann, wenn du erschöpft bist, ausruhen darfst. Du darfst da sein, weil du als Mensch so kostbar bist. Lebe zuerst einmal und dann wirst du etwas leisten. 

Wie geht es Ihnen als Bischof damit, dass 90 Prozent der Katholiken das Sonntagsgebot weithin ignorieren? Und wer ist daran "schuld", dass auch die Mehrheit der Katholiken den Sonntag nur mehr als Tag der Erholung, der Ruhe und der Familie sieht?

Der Mensch muss mehr erinnert als belehrt werden. Im Leben vieler Menschen gibt es ein Auf und Ab von Nähe und Distanz. In dieser Fastenzeit erinnere ich daran, dass Jesus mit uns gehen möchte, dass ER uns nähren möchte und dass wir aus SEINER Fülle Leben zu uns nehmen. Ich sehe, wie in der Zeit des oft schmerzlichen Verzichts das Nährende, der Reichtum und die Fülle unseres Glaubens in den Blick rückt. Die Einladung an den Tisch unseres Herrn gilt jeden Tag aufs Neue und wir sind eingeladen, die Sehnsucht nach der Feier der Eucharistie wieder zu entdecken. Gerade, wenn im Außen Verzicht, Einschränkung, Distanz uns bedrängen, haben wir als Christinnen und Christen die Möglichkeit, aus der Fülle der Nahrung unseres Herzens leben zu können. Unser Auftrag ist es, das Leben aus der Fülle wieder neu zu entdecken. 

In der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass auch viele bisherige Kirchgänger auf den sonntäglichen Messbesuch leichter verzichten, als etwa auf Friseur und Gastronomie   ganz zu schweigen von Amazon & Co, die boomten. Ist die Kirche im Zeitalter des Relativismus mit ihren Ritualen und Liturgien nicht mehr lebensprägend?

Die Corona-Pandemie hat uns als Menschheitsfamilie vor große Herausforderungen gestellt. Dass das Miteinander stark ist, dass Familien, Nachbarn, oft auch bislang Fremde sich um einander kümmern, da sind, das stimmt mich als Bischof voll Hoffnung und Zuversicht, dass die Menschen mit Jesus Christus in ihrer Mitte leben. Es ist auch eine Zeit, wo es um die kleinen guten Taten im großen Ungewissen geht. Für jemanden ein Licht anzuzünden, ist ein kleines Ritual, wenn das Herz für die großen Rituale vielleicht gerade Zeit braucht. Papst Benedikt XVI. sagte: "Wer sich vom Nächsten abwendet, wird blind für Gott." Ich sehe keine Blindheit für Gott in der Corona-Pandemie, im Gegenteil. Wer am Krankenbett um das Leben eines lieben Menschen zittert, wer um sein eigenes Leben fürchtet, dem ist Gott unendlich nahe. 

Durch lange Corona-Einschränkungen dürften sich viele Kirchgänger den sonntäglichen Messbesuch abgewöhnt haben. Wie lautet Ihre Prognose für die Zeit nach der Pandemie: Wie stark wird der sonntägliche Messbesuch einbrechen?

Lesen Sie auch:

Ich bin von ganzem Herzen Seelsorger. Die oft bemühte "Zählsorge" verstellt den Blick auf den Einzelnen, auf den konkreten Menschen. Ist die Gemeinschaft im Gottesdienst wirklich nur Gewohnheit, die sich Menschen "abgewöhnen"? Ist die Feier der heiligen Messe, die Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus ein "Messbesuch"? Meine Gegenfrage ist dann auch: Wie können wir so leben, dass andere Menschen wissen wollen, was uns trägt und hält? Wo sind außerhalb der Gottesdienste Zeuginnen und Zeugen unseres menschgewordenen Gottes, die von ihrer Christusbeziehung offen und mutig sprechen und von der Kirche als lebendigem Körper unseres Herrn? Wir sind alle aufgerufen und eingeladen, von unserem Gott zu erzählen und zur Gemeinschaft mit und in Jesus Christus einzuladen. Jeder und jede von uns. 


Der Sonntag sei ein Protest gegen die
Versklavung des Menschen und die Ausbeutung der Schöpfung,
sagt St. Pöltens Bischof Alois Schwarz als
Sprecher der österreichischen "Allianz für den freien Sonntag"  

 

Mehr über den Sonntag in der Tagespost 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Hoffnungsvolles Zeichen: Der Bildstock mit der Kölner Madonna.
Volkerode
Maria vom „Grünen Band“ Premium Inhalt
Ein Bildstock mit einer Kölner Madonna steht neben dem ehemaligen Todesstreifen an der Grenze von Hessen und Thüringen.
16.08.2021, 11  Uhr
Constantin von Hoensbroech Ulrike von Hoensbroech
Themen & Autoren
Stephan Baier Amazon Benedikt XVI Bischöfe Covid-19-Pandemie Eucharistie Fastenzeit Gottesdienste Jesus Christus Katholikinnen und Katholiken Katholizismus Liturgie Pandemien Prediger

Kirche