Rezension

Den Funken hüten und das Feuer neu entfachen

Jenseitsglaube, die Liebe Gottes, der auferstandene Christus: Kardinal Cordes analysiert in seinem neuen Buch "Glut unter der Asche" die Wurzeln der heutigen Gottvergessenheit.
Strickinstallation auf Basilika St. Clemens
Foto: Peter Steffen (dpa) | Das Bild der Kirche in unserer Zeit wirkt oft banal, wie diese Strickinstallation an einem Hannoveraner Gotteshaus zeigt. Kardinal Cordes will demgegenüber die Sinnhaftigkeit des Evangeliums hervorheben.

Kardinal Paul Josef Cordes ist dafür bekannt, dass er unzweifelhaft katholisch ist und Klartext sprechen kann. Beides ist heutzutage weder selbstverständlich noch allgemein verbreitet. Noch seltener ist es, wenn ein Kirchenfürst über den analytischen Tiefenblick verfügt, der die Analyse der jüngsten Irrwege und der verlässlichen Wege der Kirche ermöglicht. Ihn zeigt Cordes in bewährter Weise auch in seinem neuen Buch.

Das Heil kommt nicht aus Strukturen

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Sein gedanklicher Ausgangspunkt ist das Verständnis der Kirche als Anwältin Gottes. Geht man von ihm aus, wendet sich die Blickrichtung von der Nabelschau zum Lobpreis. Die so gewonnene Perspektive nutzt der Kardinal, um in seiner Hinführung die grundlegende Unterscheidung der beiden Sinnprovinzen des Diesseits und der Jenseits-Welt in Erinnerung zu rufen. Das ist notwendig, denn ihr Hintanstellen führte in den letzten Jahrzehnten zu jener Verengung der Wahrnehmung, die das Heil allein vom Wandel der Strukturen zu erwarten vermag.

Die Sinnprovinz Glaube aber ist ein Lern- und Lebensraum, der beleuchtet, wer wir in Wahrheit sind, wohin wir gehen und welche Wege zum Ziel führen. Anstelle der aktuellen Gottvergessenheit, die, wie Cordes im ersten Kapitel seines Buches darstellt, dazu führt, von der Kirche zu erwarten, was sie aus sich selbst heraus nicht zu schaffen oder gar zu schenken imstande ist, und sie für ihr fundamentales Versagen an den Pranger zu stellen, erinnert Cordes an das Wesen und die Grundfunktion der Kirche als Glaubens-Amme, Magd und die prophetische Lebensform, die aus diesen geistlichen Grundhaltungen entspringt.
Sie wurzeln im neutestamentlichen Maß für die Gemeinde, dem das zweite Kapitel gewidmet ist, in dem Jesu aus dem Lobpreis des Vaters gespeistes Wirken und seine Frömmigkeitspraxis zu einer Schule im Dienst des Herrn werden, die zeigt, worauf es beim Kirchesein wirklich ankommt.

Der Kern: Gott hat uns zuerst geliebt

Das dritte Kapitel fokussiert Israel als Wachstumsraum und Wurzelgrund des Christentums und zeigt die Unverzichtbarkeit des Bedenkens der Option Jahwes für Israel auf, die sich in Wesen und Werden der Kirche widerspiegelt.
Dass deren eigentlicher Sinn der Verweis auf Gott ist, thematisiert das vierte Kapitel und kommt an seinem Ende zu jenem Kern, der die Glut unter der Asche niemals erlöschen lässt: der Liebe, mit der Gott uns zuerst geliebt hat und die unsere Liebe zu ihm entfacht.

Cordes kritisiert Theologen, den der Papst sehr schätzt

Wohin es führt, wenn man von diesen das geistliche und weltliche Leben gleichermaßen heilsam formenden Gedanken abweicht, ist das Thema des Kapitels über den Jesuitentheologen Michel de Certeau. Dass die Arbeiten dieses Schülers von Henri de Lubac, der sich in bemerkenswerter Deutlichkeit von Michel de Certeau distanzierte, in den letzten Jahren wieder neu entdeckt und engagiert rezipiert werden, hängt auch damit zusammen, dass Papst Franziskus de Certeau sehr schätzt und sich – mehr noch – mit dessen Denken identifiziert. Grund genug für Kardinal Cordes, genauer hinzuschauen, was sich hinter dem so hoch gepriesenen Gedankengebäude verbirgt. Das erschreckende Ergebnis: Nichts. Nichts als ein leeres Grab. Denn das ist es, was nach de Certeau übrigbleibt, wenn man den Zeitgeist zur Quelle der Offenbarung erhebt und in der Sprache der heutigen Menschen spricht, die nur historische und wissenschaftliche Beweise gelten lässt. Diese Analyse ist korrekt und sie macht hoffnungslos. Michel de Certeau hat sie konsistent zur Grundlage seines Lebens gemacht, was dazu führte, dass an dessen Ende nicht das Loblied des lebendigen Gottes stand, sondern bei seinem Begräbnis Edith Piafs Chanson über das „Nichts“ erklang.

Der Glaube ist sinnlos, wenn Christus nicht auferstanden ist

Nun ist unser Glaube, wie schon der Apostel Paulus treffend formuliert, vollkommen sinnlos, wenn Christus nicht auferstanden ist. Der leere Ort, der den Ausgangspunkt jener Rupture, jenes tiefen Risses bildet, von dem de Certeau unermüdlich schreibt, wärmt das Herz nicht. Er entfacht nicht den liebenden Glauben. Deshalb ist das Ergebnis eines solchen, hochintellektuellen, zahllose Fakten präsentierenden, in sich verkrümmten Denkens für die Kirche nicht wegweisend. Es ist sogar dumm. Denn der Mensch lebt nicht von Fakten allein, weshalb ein Denken, wie de Certeau es nahelegt, in seiner geistlich arm machenden Verkürzung letztlich sogar die wissenschaftlich nachprüfbaren Fakten ad absurdum und jene, die daran glauben, in die Irre führt. Dass der Papst de Certeau, der mit großem Engagement den nicht nur in der katholischen Kirche gescheiterten, letztlich ortlos und allein seinem selbstbezogenen Denken folgenden Theologen Jean de Labadie (+1674) porträtiert, für ein ideenreiches Vorbild theologischen Denkens hält, wirkt gefährlich. Das schreibt Cordes in seinem Buch nicht, es ist aber trotzdem wahr und eine logische Folge der ebenso profunden wie brillanten Analyse, die der Kardinal hier vorlegt.

Verschwindet Gott aus der Wissenschaft, wird der Mensch selbst überflüssig

Sein Buch ist aufrüttelnd, bietet eine Fülle notwendiger Klarstellungen und bewirkt, was Menschen, die an der See leben, mit dem Begriff „Einnorden“ bezeichnen. Wer es liest, erfährt Orientierung, darf sich der Grundlagen des Glaubens versichern und wird dabei von jenem großartigen Satz begleitet, den der heilige Augustinus so treffend formuliert hat: „Gefühle sind die Füße auf unserem Glaubensweg. Je stärker deine Gefühle sind, umso größer ist deine Liebe; so kommst du Gott näher oder aber entfernst dich von ihm.“

Dieser Maßstab wird zum Hilfsmittel, die Glut unter der Asche zu entdecken, den Funken zu hüten und das Feuer neu zu entfachen. Dass man dies auch mithilfe eines brillanten Geistes tun kann und sollte, beweist der luzide Essay des Philosophen Rocco Buttiglione, der aufzeigt, dass der Mensch sich mit dem Verschwinden Gottes aus der Wissenschaft letztlich selbst überflüssig macht. Die Folgen dieses Denkens erleben wir jetzt. Umkehr ist jederzeit möglich.


Paul Josef Kardinal Cordes: Glut unter der Asche. Jüngste Irrwege und verlässliche Wege der Kirche. Mit einem philosophischen Essay von Rocco Buttiglione. Be&Be Verlag, Heiligenkreuz, 2021, 148 Seiten, ISBN 978-3-903602-24-3, EUR 19,90

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24.10.2021, 13 Uhr
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