Madrid

Das intellektuelle Minenfeld unter der Christenheit

Die gegenwärtigen Kontroversen zeigen, dass Positionen zwischen christlichen Akademikern sich unerbittlich verhärten. Marcos Cantos von der kirchlichen Universität San Dámaso in Madrid befasste sich kürzlich in einem Webinar mit Papst Benedikts XVI. Gedanken zur Universität. Dabei stellt er den Trend fest, dass eine überzogene Wissenschafts- und Technikgläubigkeit den technischen Fortschritt nahezu zur letzten Hoffnung des Menschen hochstilisiert.
Universität San Dámaso in Madrid
Foto: Wikipedia | In einem Webinar der Universität San Dámaso in Madrid befasste sich Marcos Cantos mit Papst Benedikts XVI. Gedanken zur Universität.

Fünfhundert Jahre nach der Exkommunikation Martin Luthers durch Papst Leo X. scheint die katholische Kirche im Mutterland der Reformation nicht zur Ruhe zu kommen. Die akademische Theologie nimmt in den gegenwärtigen Kontroversen zweifellos eine Schlüsselrolle ein. Zwischen den Konfessionen klafft aber darüber hinaus ein schier unüberbrückbarer bioethischer und familienpolitischer Graben.

Technischer Fortschritt wird als letzte Hoffnung des Menschen gesehen

Dass sich Positionen zwischen christlichen Akademikern unerbittlich verhärten, wirft grundsätzliche Fragen bezüglich intellektueller Prägungen und Denkmuster im 21. Jahrhundert auf. Die Kirchliche Universität San Dámaso in Madrid befasste sich kürzlich in einem Webinar mit Joseph Ratzingers/ Papst Benedikts XVI. Gedanken zur Universität. Dass der Campus heute Spaltpilze hervorbringen kann, hatte der Dogmatikprofessor bereits frühzeitig erkannt. Marcos Cantos von der Universität San Dámaso beleuchtete anhand der Schriften Ratzingers das intellektuelle Minenfeld, auf dem sich Akademiker und Studenten bewegen: Eine utilitaristisch und materialistisch ausgerichtete Universitätsausbildung sowie die Fragmentarisierung des Wissens, die zu einem falsch verstandenen Spezialistentum führt.

Goethes Faust, der wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, hätte sich mit Ratzinger wenigstens in einem Punkt blendend verstanden: Die Fähigkeit zur inneren Einheit des Wissens steht dem umfassend Gebildeten vor Augen – und erst recht dem Wissenschaftler. Denn die misslichen Konsequenzen dieses Verlustes lassen sich über den reinen Wissenschaftsbetrieb hin als gesellschaftspolitisches Querschnittsthema ausmachen: Cantos nannte sowohl eine positivistische Mentalität als auch die Gefahr von Ideologien, ferner eine überzogene Wissenschafts- und Technikgläubigkeit, die technischen Fortschritt nahezu zur letzten Hoffnung des Menschen hochstilisiere. Vor dem Dogma des Relativismus knicke die Wahrheitsfrage ein.

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"Wo Gott außen vor bleibt, begrenzt sich die Vernunft selbst"

Dem ursprünglichen Auftrag der  Universität entspricht diese Entwicklung nicht. Für Ratzinger steht außer Frage, dass Verkürzungen auf wissenschaftlicher, metaphysischer und anthropologischer Ebene ihre Wurzel in der absichtlichen oder unbewussten Ausgrenzung der Gottesfrage haben. Wo Gott außen vor bleibt, begrenzt sich die Vernunft selbst und lasse neben einem anthropologischen Defizit zu, dass empirische Wissenschaften und Technologie quasi ein Monopol an Vernunft beanspruchten.

Aus Ratzingers Sicht ist die Identität der Universität an das Christentum gekoppelt. Universitätsgründungen gaben der Suche nach Gott Ausdruck, wobei Theologie und Philosophie sich bei der Wahrheitssuche ergänzen. Das Gespür für die Wahrheit wider eine Selbstzurücknahme der Vernunft wachzuhalten, so Cantos, sei auch der Auftrag der Hochschulen heute. Eine Begriffsklärung sei notwendig: Was bedeuten Vernunft, Wirklichkeit, Wahrheit und Wissenschaft wirklich?

Verkürzter Vernunftbegriff wurzelt in Reformation

In der Debatte herrschte Einigkeit darüber, dass das Dokument „Fides et ratio“ das zeitlose aktuelle Grundsatzprogramm einer Universität bleibe – gerade angesichts der Tatsache, dass das akademische Milieu überdurchschnittlich säkularisiert sei. Den verkürzten Vernunftbegriff führte ein Teilnehmer auf die Reformation zurück: Luthers intellektuelle Entwicklung und theologisch-philosophische Ausbildung sei insgesamt an der nominalistischen Philosophie gescheitert.

Die überspitzte Formel „sola fide“ stehe für die Flucht vor belastenden Gedanken, beinhalte aber auch eine Engführung. Kritische Worte fielen über den in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit gepflegten Diskursstil: Die Rede über  die Autonomie der Wissenschaft komme mit Blick auf den Glauben nahezu einem Verzicht auf den Glauben selbst gleich.

Gottesfrage darf nicht zurückgestuft werden

Nicht nur in der Theologie sollten Wissenschaftler ihre Thesen klar auf den persönlichen Glauben beziehen. Dass dies etwa in der Philosophie auch unter Christen verpönt sei, stelle einen „Grundfehler mit schwerwiegenden Konsequenzen“ dar. Das Totschweigen Gottes an der Uni, das die Frage nach Gott durch die Frage nach der Faktizität ersetze und die Gottesfrage als vorwissenschaftliche Frage zurückstufe, verenge die Vernunft und betrüge Studenten um ihre Chance. Ihnen die Liebe zur Wahrheit einzupflanzen ist – mit Ratzinger gedacht – die eigentliche Chance der Universität. Nur so können sie ihre persönliche Freiheit gewinnen und beständige Werte entdecken.

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