Münster/ Dinklage

Clemens August von Galen: Ein Fels in dunkler Zeit 

Vor 75 Jahren starb Kardinal Clemens August von Galen. Sein legendärer Widerstand gegen die Nazis gewinnt heute neue Aktualität.
Clemens August Graf von Galen
Foto: KNA-Bild (KNA) | Clemens August Graf von Galen, Kardinal und Bischof von Münster. (Exaktes Aufnahmedatum unbekannt)

Rom, 16. Februar 1946. Unter den 32 von Pius XII. ernannten neuen Kardinälen befinden sich überraschenderweise drei deutsche Bischöfe: Der Kölner Erzbischof Josef Frings, der Berliner Bischof Konrad von Preysing sowie Clemens August von Galen, Bischof von Münster. Beim Einzug der neuen Kardinäle in den Petersdom heißt es: „Das ist der ,Löwe von Münster‘“. 

Der Name, unter dem der neue Kardinal offensichtlich weit über die Grenzen Deutschlands bekannt ist, spielt auf seinen Widerstand gegenüber dem Nationalsozialismus an. Dies ist denn auch der Grund dafür, dass in der 1100-jährigen Geschichte des Bistums erstmals ein Münsterer Bischof ins Kardinalskollegium berufen wird. 

Berühmte Predigten

Besonders bekannt ist von Galens Opposition gegen die nationalsozialistischen Euthanasie-Gesetze, die er in einer Predigt am 3. August 1941 in der Münsteraner Kirche St. Lamberti hielt. Der Bischof sprach von der Kanzel offen aus, was verschwiegen von Mund zu Mund weitergegeben wurde: „Seit Monaten hören wir Berichte, dass aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben.“ 

Clemens August von Galen bezog sich dabei auf die sogenannte „Aktion T4“ (der Namen stammte von der Euthanasie-Koordinierungsstelle in der Berliner Tiergartenstraße 4, wo heute einige Vitrinen unter freiem Himmel die „Aktion“ dokumentieren). In deren Rahmen wurden 1940 und 1941 mehr als 70 000 Frauen, Männer und Kinder aus Anstalten in Deutschland, Österreich und den angeschlossenen Gebieten Polens und Tschechiens ermordet. 

Euthanasie angeprangert

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Von Galen prangerte an, der Staat meinte „sogenanntes lebensunwertes Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten“ zu dürfen, „wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert“. Damit verband er eine Warnung, die heute – nachdem im Februar 2020 das Bundesverfassungsgericht den §217 Strafgesetzbuch („Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“) für verfassungswidrig erklärt hat – wieder aktuell geworden ist: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ,unproduktiven‘ Mitmenschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden.“ 

Die Predigt zeitigte sofort Wirkung: Adolf Hitler stoppte offiziell die „Aktion T4“ am 24. August 1941. Zwar ging die Tötung von Anstaltspatienten weiter, aber nicht in dem Maße und auch nicht mehr zentral organisiert in den Gasmordanstalten, sondern dezentral in verschiedenen Heil- und Pflegeanstalten im Reichsgebiet. Allerdings stellte sich das ärztliche Töten im Rahmen der „Euthanasie“-Aktion als Vorbild für die Vernichtung der europäischen Juden. So wurde etwa 1942 Irmfried Eberl, Leiter der Euthanasie-Anstalt Bernburg, der erste Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka. 

Angriffe auf Christen

Der „Euthanasie“-Rede vom 3. August waren zwei Predigten vorangegangen: Am 13. Juli prangerte der Bischof den Klostersturm der Machthaber an, die Beschlagnahmung von Ordenshäusern und Ausweisung von Ordenschristen. Eine Woche später kam er wieder auf die Angriffe der Staatsgewalt gegen Christen zu sprechen, die durchhalten sollen: „Wir sind Amboss und nicht Hammer! Aber seht einmal zu in der Schmiede! Fragt den Schmiedemeister und lasst es euch von ihm sagen: Was auf dem Amboss geschmiedet wird, erhält seine Form nicht nur vom Hammer, sondern auch vom Amboss. Der Amboss kann nicht und braucht nicht zurückzuschlagen; er muss nur fest, nur hart sein. Wenn er hinreichend zäh, fest, hart ist, dann hält meistens der Amboss länger als der Hammer.“ 

Als mittelbare Folge der Predigten von Clemens August von Galen kann auch die Entstehung der berühmten „Flugblätter“ der Weißen Rose bezeichnet werden. Die Predigten des „Löwen von Münster“ wurden in ganz Deutschland heimlich verteilt. Im Frühjahr 1942 fand sie auch die Familie Scholl in ihrem Briefkasten. Laut der ältesten Schwester Inge Aicher-Scholl habe Hans seine Bewunderung gegenüber dem Mut des Bischofs geäußert, und hinzugefügt: „Man sollte unbedingt einen Vervielfältigungsapparat haben.“ 

 Früher Angriff auf das Neuheidentum

Der seit Oktober 1933 amtierende Bischof von Münster – der erste, der nach Inkrafttreten des „Reichskonkordats“ sein Amt antrat – griff bereits in seinem ersten Osterhirtenbrief 1934 das Neuheidentum der NS-Ideologie an. Gegen die Rassenideologie A. Rosenbergs ließ er die anonyme Schrift „Studien zum Mythus des 20. Jahrhunderts“ als amtliche Beilage zum kirchlichen Amtsblatt seiner Diözese veröffentlichen. Im November 1936 kämpfte von Galen gegen die Verordnung des Kultusministers des Freistaates Oldenburg, Julius Pauly, in den Schulen die Kreuze abzuhängen. Nach einem Hirtenbrief von Galens und allgemeiner Proteste musste Pauly die Anordnung zurücknehmen. Für die Katholiken wurde Kardinal von Galen ein Fels in dunkler Zeit. 

Möglicherweise nahm Bischof von Galen an den Beratungen zur Enzyklika „Mit brennender Sorge“ teil, deren endgültiger Entwurf vom Münchener Kardinal Faulhaber stammte – noch mit dem Titel „Mit großer Sorge“, den Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli änderte, ehe Pius XI. das Apostolische Schreiben im März 1937 veröffentlichte. Es war der größte flächendeckende Protest in der gesamten NS-Zeit. Jedenfalls ließ von Galen die Enzyklika durch Sonderdrucke in der ganzen Diözese verbreiten. 

Kaplan in Berlin

Clemens August von Galen, der am 16. März 1878 als elftes von dreizehn Kindern des Grafen Ferdinand Heribert (1831 –1906) und der Gräfin Elisabeth von Spee geboren wurde, wurde in seiner Berufung bei einer Romreise bestärkt, während der er zusammen mit seinem Bruder Franz von Papst Leo XIII. empfangen wurde. Zum Priester geweiht wurde von Galen am 28. Mai 1904. Nach zwei Jahren als Sekretär von Weihbischof Maximilian Gereon von Galen (1832–1908), seinem Onkel, wurde er im April 1906 Kaplan in St. Matthias, in Berlin-Schöneberg. In Berlin blieb er 23 Jahre, die letzten zehn als Pfarrer von St. Matthias. Damit erlebte er die sogenannten „goldenen Zwanziger“, die er wegen der Verbreitung unmoralischer Sitten gar nicht als „golden“ begriff. 

  Pfarrer in St. Lamberti

Seit seiner Einführung als Diözesanbischof  von Münster im Oktober 1933 – in die westfälische Metropole kehrt er 1929 zunächst als Pfarrer von St. Lamberti – stößt von Galen immer wieder mit den NS-Chargen zusammen – so verwahrt er sich dagegen, dass Theologiestudenten eine paramilitärische Ausbildung absolvieren müssen, oder dass die NS-Jugendorganisationen den Sonntag mit Veranstaltungen so planen, dass katholische Jugendliche den Gottesdienst nicht besuchen können. Clemens August von Galen betraut mit der Diözesanleitung der katholischen Jugend, der etwa 30 000 Jugendliche angehören, den späteren Priester und Seligen Karl Leisner. 

 

 

Nach seiner Erhebung zum Kardinal kehrt er am 16. März 1946, seinem 68. Geburtstag, nach Münster zurück, wo ihm ein großer Empfang bereitet wurde. Nur drei Tage später wird von Galen mit starken Bauchschmerzen in das St.-Franziskus-Hospital in Münster eingeliefert. Dort stirbt er vor 75 Jahren, am 22. März 1946, an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs. 

Seligsprechung 

Am 9. Oktober 2005 wird Kardinal Clemens August von Galen im Petersdom seliggesprochen. Papst Benedikt XVI. beauftragte mit der Seligsprechungsliturgie den Präfekten der Kongregation für die Heilig- und Seligsprechungen, Kardinal José Saraive Martins, aber er kam selber, um die Reliquien des neuen Seligen zu verehren. In einem Schreiben würdigte Benedikt XVI. den „Löwen von Münster“ mit den Worten: „Unter der großen Schar der Zeugen für Christus im 20. Jahrhundert tritt diese Persönlichkeit eines eifrigen Priesters und eines großmütigen Bischofs klar hervor.“ 

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier