Köln

Blutzeugen Christi

Der Kölner Weihbischof Dominik Schwaderlapp rezensiert „Fabiola“ von Kardinal Wiseman. Ein Roman, der das Drama der Menschheit spiegelt.
Nicholas Patrick Stephen Wiseman 1802 1865 Cardinal Archbishop of Westminster 1850 First Cardinal
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Nicholas Patrick Stephen Kardinal Wiseman (1802-1865)Erzbischof von Westminster 1850. Er war der erste Kardinal Englands nach der Reformation und übte großen Einfluss auf die Oxford-Bewegung aus.

Rom, Ende des dritten Jahrhunderts. Unter den Kaisern Diokletian im Osten und Maximian im Westen beginnt die letzte und grausamste aller Christenverfolgungen. In diese Zeit führt uns der Roman von Nicholas Patrick Stephen Wiseman (1802–1865) „Fabiola oder die Kirche der Katakomben“. Der Autor erzählt, dass die Christen nun gezwungen sind, ihre Gottesdienste in den Katakomben zu halten. Diese Grabstätten sind zwar gesetzlich geschützt, doch diesmal machen die Soldaten des Kaisers davor nicht Halt. Sie dringen mit Fackeln ein, um die sich dort versammelnden Christen in ihre Gewalt zu bringen, aber – zumindest diesmal – vergeblich. Im Labyrinth der Gänge, in denen unzählige Märtyrer bestattet sind, verirren sich die Soldaten und finden nur mühsam den Ausgang. „Die Fackeln, die zum Zweck der Vernichtung herbeigebracht, dienten nun dazu, um die Denkmale jener Tugenden mit Glanz zu umkleiden, durch welche die Kirche stets Rettung erlangt hat.“ So kommentiert Wiseman in der wohlklingenden Sprache des neunzehnten Jahrhunderts: die Märtyrer – Retter der Kirche! So seine Botschaft.

„Der Tyrann ahnte wohl nicht, dass die Halle,
wo er jetzt die Ausrottung des Christentums beschloss,
in nicht ferner Zeit zur Hauptkirche dieser Religion umgewandelt,
… den glorreicheren Titel führen würde:
„Haupt und Mutter aller Kirchen der Stadt und der Welt.“

Das Buch gehört für mich zu den inspirierenden Entdeckungen dieses Jahres. Der Autor, Kardinal und Erzbischof von London im neunzehnten Jahrhundert – der erste nach der Reformation – schildert in diesem historischen Roman den Weg der vornehmen Fabiola zum Christentum. Die Geschichte ist fiktiv, doch der Hintergrund real. Leben und Sterben historisch bezeugter Märtyrer, wie das der Heiligen Agnes und Sebastian, werden zu einer packenden Geschichte verknüpft.

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In mehreren Exkursen schildert der Gelehrte und Kenner altchristlicher Literatur die Anlage der Katakomben, die historischen Ereignisse und geschichtlichen Hintergründe mit Quellenangaben. So erfährt der Leser, dass dort, wo heute die Lateranbasilika ihren Platz hat, früher einer der Kaiserpaläste stand. In diesem Palast lokalisiert Wiseman den endgültigen Beschluss Kaiser Maximians zu einer umfassenden Verfolgung der Christen. „Der Tyrann ahnte wohl nicht, dass die Halle, wo er jetzt die Ausrottung des Christentums beschloss, in nicht ferner Zeit zur Hauptkirche dieser Religion umgewandelt, … den glorreicheren Titel führen würde: „Haupt und Mutter aller Kirchen der Stadt und der Welt“, so kommentiert Wiseman. Wem kommt da nicht der Vers aus dem Magnifikat in den Sinn: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ (Lukas 1, 52)? Wiseman ging es nicht einfach darum, einen historischen Roman zu verfassen. Er war Zeitgenosse des heiligen John Henry Newman. Auch wenn er nicht wie Newman Konvertit war, so wollte er doch wie er deutlich machen: Die katholische Kirche von heute und die Kirche der Apostel und Märtyrer ist ein und dieselbe.

Drama des Kampfes zwischen Heiligkeit und Sünde

Doch „Fabiola“ ist keine Apologie gegen die anglikanische Kirche. Vielmehr geht es dem Autor um das Drama des Kampfes zwischen Heiligkeit und Sünde. Menschliche Größe findet sich in diesem Buch ebenso wie Sünde und Bosheit. Doch bei allem klingt immer wieder die Botschaft durch: Gottes Barmherzigkeit ist größer!

Ergreifend wird dies am Weg eines der Protagonisten des Buches deutlich: Torquatus, ein junger Mann, der erst jüngst zum Christentum gefunden hat und vor Enthusiasmus sprüht. Durch widrige Umstände fällt er allerdings wieder vom Glauben ab und gerät in die Hände eines skrupellosen Vasallen des Kaisers. Unter dessen Einfluss verrät Torquatus die Christen. Als er – wiederum durch verworrene Umstände – in große Not gerät, erkennt er sein Versagen und gerät in Verzweiflung. Gott werde ihm das niemals verzeihen. Doch die Christen, die er verraten hat, finden ihn und nehmen ihn liebevoll auf. Sie erweisen sich als echte Zeugen der göttlichen Barmherzigkeit.

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"Und so sind es jene, die sich Christus verschenken,
'durch welche die Kirche stets Rettung erlangt'."

Welche Inspirationen habe ich aus der Lektüre dieses Buches gewonnen? Die Kirche ist nicht erst heute in existenzieller Bedrängnis, sondern war es schon oft und zwar so weitgehend, dass – menschlich gesehen – ihr Schicksal besiegelt schien. Aber sie lebt eben von Gottes Zuwendung, die größer ist als menschliches Versagen. Allerdings, der Herr ruft eben auch Menschen in seine Nachfolge, die seine Werkzeuge sein sollen. Und so sind es jene, die sich Christus verschenken, „durch welche die Kirche stets Rettung erlangt“. Die Heiligen sind die Antwort Gottes auf die Nöte jeder Zeit!

Ein Weiteres wurde mir klar: Die Kirche wurde in den ersten Jahrhunderten zwar nicht immer verfolgt, aber nie begünstigt. Weder verfügte sie über Institutionen, noch fand sie öffentlich gesellschaftliche Anerkennung oder genoss gar Privilegien. Und dennoch gelang es der Kirche der Katakomben, die Gesellschaft mit dem Evangelium zu durchdringen, so dass das Christentum wenige Jahrzehnte nach dem „Toleranzedikt“ des Kaisers Konstantin Staatsreligion wurde.

Das Beispiel der Liebe öffnet Herzen für Christus

Wie konnte das gelingen? Im Roman bedienen die vornehme Fabiola diverse Sklavinnen. Eine davon – Syra – ist Christin. Fabiola behandelt sie ungerecht und erniedrigend. Doch Syra antwortet mit aufrichtiger Liebenswürdigkeit. Als ihr eine Möglichkeit eröffnet wird, Fabiola zu verlassen, schlägt sie diese aus. Dieses Beispiel der Liebe ist es, die Fabiola dazu führt, ihr Herz für Christus zu öffnen.

Die Christen setzten der „Lebenswirklichkeit“ der heidnisch-römischen Welt der Spätantike die Lebenswirklichkeit Christi entgegen, die sich in der Bergpredigt findet. „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.“ (Lukas 6, 27). Dabei kommt Wiseman nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Die Dankbarkeit für das Geschenk der Gotteskindschaft drängt die Gläubigen, Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi zu sein!

Die Herausforderungen von heute sind anders als die am Ende des dritten Jahrhunderts. Doch damals wie heute sind wir zur Heiligkeit berufen, durch die „die Kirche immer Rettung erlangt hat“. Wiseman mit seiner „Fabiola“ hat mir diese einfache Wahrheit packend vor Augen geführt. Und noch etwas: Die Gedenktage der altkirchlichen Märtyrer, deren Viten uns nur bruchstückhaft überliefert sind, werde ich von nun an mit größerer Ehrfurcht und Dankbarkeit feiern, denn ihr Zeugnis und ihre Haltung sind buchstäblich Maß gebend und nicht, was eine öffentliche – oder veröffentlichte – Meinung von uns erwartet.

Der Verfasser ist Weihbischof in Köln.

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