Ehe Vorbereitung

Betriebsanleitung für die Ehe

Praxisnahe Vorbereitung auf die Ehe wird einem in der Kirche nicht hinterhergetragen. Auf Eigeninitiative fand ich aber hilfreiche Programme, die mich die Bedeutung des Ehe-Sakraments entdecken ließen.
Hochzeitspaar
Foto: Arne Dedert (dpa) | Ein Brautpaar fährt nach der Trauung im Frankfurter Römer auf Fahrrädern über den Römerberg.

Das praktische Handwerkszeug des Beziehungslebens ist etwas, was junge Menschen in einer Zeit explodierender Scheidungsraten, medienwirksam scheiternder Hollywood-Ehen und unverbindlicher Austauschbarkeit der Partner in der Regel von Grund auf lernen müssen. Wenige entstammen heutzutage noch einem heilen, behüteten Elternhaus und selbst wenn die Ehe der Eltern gehalten hat und nach außen alles vorbildlich scheint, heißt das noch lange nicht, dass man von seinen Eltern gelernt hat, wie man eine gesunde, glückliche und erfüllte Ehe lebt.

Schaue ich mir die Ehen nicht nur meiner Eltern, sondern auch meiner Großeltern und Urgroßeltern-Generation an, so habe ich dort nicht ein einziges Beispiel erlebt, das mich ermutigt hätte zu glauben, dass Ehe etwas Schönes und Großes ist. Ganz im Gegenteil! Am Anfang liebt man sich vielleicht noch, doch irgendwann kommt man halt nurmehr zurecht, kämpft sich durch den Alltag und hält es, wenn es gut läuft, bis zum Tod miteinander aus. Hat man kirchlich geheiratet gibt es keine Escape-Taste mehr, aber wenn man am Ende nur noch aus Gewohnheit und Pflichtbewusstsein zusammen bleibt, dann ist das nichts für mich, so dachte ich mir lange Zeit.

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Paare praktisch auf Ehe vorbereiten

Es kam anders und nach meiner Verlobung wollte ich gern genauer wissen, wie das mit der Ehevorbereitung denn bei meinen Eltern so lief, deren Ehe leider nicht gehalten hat. Ehevorbereitung? – Hatten wir nicht. Meine Großeltern? – Nicht dass ich wüsste. Angesichts dessen habe ich mich dann durchaus gefragt, wie es sein kann, dass die katholische Kirche an derart strengen Auflagen für den Bund der Ehe festhält, ohne konsequent sicherzustellen, dass die Paare überhaupt wissen, worauf sie sich einlassen. Selbst ein Ikea-Regal wird schließlich mit mehrseitigen, gut lesbaren und für jeden verständlichen Instruktionen verkauft, um sicherzugehen, dass man es sachgemäß aufbaut. Und die werden auch mit wenigen Ausnahmen dankbar gelesen und befolgt. Man will ja ein schönes Ergebnis.

Ebenso sollte auch die Kirche als Voraussetzung für eine kirchliche Trauung nicht nur die theologische Dimension des Ehesakraments vermitteln, sondern die Paare auch darauf vorbereiten, wie man Liebe lebt und zwar ganz konkret im Alltag. Das beginnt bei den Grundlagen guter Kommunikation und psychologischem Basiswissen, beispielsweise über die unterschiedlichen Sprachen der Liebe, umfasst Wege gesunder Konfliktlösung und Versöhnung, Anleitungen für eine sinnvolle Planung des alltäglichen Lebens, besonders beim Thema Finanzen, und sollte last but not least natürlich auch ein lebensnahes „how-to“ für erfüllende Sexualität beinhalten.

 

Liebe funktioniert nicht von selbst

Auch das Thema Pornographie sowie anderweitiges Suchtverhalten muss heutzutage Teil der Seelsorge während der Ehevorbereitung sein. Dringend notwendig ist meiner Erfahrung nach auch eine Aufklärung über psychische Dispositionen und Persönlichkeitsstörungen, die eine gelingende Ehe in der Regel unmöglich machen. Das Thema toxische Beziehungen ist aktuell in aller Munde und darf in der Vorbereitung auf eine kirchliche Eheschließung nicht außer Acht gelassen werden.

Liebe funktioniert nicht von selbst, das habe ich bereits nach wenigen Monaten Beziehung festgestellt. Erst recht nicht, wenn man es von Anfang an ernst meint und die voreheliche Beziehung nicht als Pseudo-Ehe lebt, sondern als Zeit der Prüfung und Vorbereitung auf die Ehe. Ich hatte das Glück bereits mit neunzehn per Zufall mit der Initiative „Liebe Leben“ vom Regnum Christi in Kontakt zu kommen. Das Gründer-Ehepaar war zu diesem Zeitpunkt das erste Ehepaar, dem ich jemals begegnet bin, dessen Beziehung eine Strahlkraft besitzt, die mich neugierig werden ließ: Was wenn Ehe doch schön sein kann?

Praxistipps erst auf Eigeninitative gefunden

Bei „Liebe Leben“ habe ich erstmals eine Vision von Liebe kennengelernt, die eine Sehnsucht in mir geweckt hat. Genau das wollte ich auch. Einen Partner hatte ich damals noch nicht, aber mir war klar, dass ich mit meinem Zukünftigen auf jeden Fall das Paarseminar „Grenzenlos Liebe“ besuchen würde. So kam es dann auch. Die Seminarinhalte haben uns gleich am Anfang der Beziehung angeleitet, die Weichen richtig zu stellen. Das Programm lebt vom authentischen Beispiel der Paare im Team und ist eines der besten Angebote, das ich kenne. Trotzdem lief auch danach bei uns nicht alles glatt. Wir hatten zwar Basiswissen über gute Kommunikation, Mannsein & Frausein, Kindheitsprägungen, Konfliktlösung und Theologie des Leibes im Gepäck, aber eine gute Beziehung ist harte Arbeit und es gibt genügend Fallstricke.

Praktische, lebensnahe Begleitung für den Beziehungsalltag wurde uns von Seiten der Kirche auf unserem Weg nicht gerade hinterhergetragen. Im Gegenteil. Wir suchten uns daher privat Rat und Hilfe bei anderen christlichen Paaren, lasen viele Bücher und hielten stets die Augen nach guten Inhalten offen. Besonders lohnende und hilfreiche Angebote entdeckten wir beim „Alpha Premarriage Course“ der anglikanischen HTB-Church und beim Programm „Prepare & Enrich“ von Life Innovations Inc.. Während der Alpha-Kurs eine konkrete und praxisnahe Anleitung für Kommunikation und Wachstum in den verschiedenen Bereichen des Beziehungsalltags bietet, ist „Prepare & Enrich“ ein vom Sozialwissenschaftler David H. Olson entwickeltes Beratungsprogramm. Nach einem ausführlichen Persönlichkeitstest werden mit einem ausgebildeten Berater-Ehepaar die Lebensbereiche analysiert und besprochen, wo Konfliktpotenzial besteht oder in Zukunft bestehen könnte und wo im Gegenzug die gemeinsamen Stärken liegen.

Paare zum Nachdenken über Bedeutung der Ehe anregen

Bis vor Kurzem war ich der Meinung, durch die vielen Kurse über den praktischen Beziehungsalltag, die wir schon gemacht hatten, ausreichend auf die Ehe vorbereitet zu sein. Die theologische Dimension des Ehesakraments hatte ich jedoch noch nicht erfasst. Durch einen glücklichen Zufall wurden mein Verlobter und ich Anfang des Jahres zu einem Zoom-Ehevorbereitungs-Seminar bei einem Priester der Legionäre Christi eingeladen und das hat bei uns beiden eingeschlagen. Ausgestattet mit einem gehörigen Respekt vor der Größe des Eheversprechens und mit einer Vision für die Schönheit der Berufung zur Ehe im Herzen fühlen wir uns erst jetzt wirklich bereit für die kirchliche Trauung.

Ich glaube, diese Welt wartet auf Ehepaare, die das Sakrament der Ehe in Fülle leben, Licht sind und mit ihrer Liebe die heilende Gegenwart Gottes hinaus tragen. Dafür brauchen wir eine bessere Begleitung – vor und nach der Hochzeit.
Ich bin dankbar dafür, dass uns der Kirchenrektor unserer Hochzeitskirche bei der Vereinbarung des Termins für die kirchliche Trauung liebevoll aber bestimmt in die Zange nahm und um Erklärung bat, warum wir denn eigentlich sakramental heiraten möchten und ob uns die Ernsthaftigkeit dessen bewusst sei. Das brachte uns beide zum Nachdenken.

Von erfahrenen Paaren lernen

Das Ehesakrament ist kein harmloses Give-Away mit Segen und ein paar netten Worten, sondern ein Leuchtfeuer, das dafür gemacht ist, Licht der Welt und ein sichtbarer Ausdruck der Gegenwart Gottes zu sein. Das ist etwas Großes, eine Berufung, die man bewusst wählen sollte, ein Schritt hinein in eine neue Existenz. Von Seiten der Paare kann ich nur sagen: Der Wille und die Sehnsucht sind da. Wenn man sich liebt und beschließt zu heiraten, will man es wirklich schaffen und gut machen, weiß aber oft noch gar nicht, wie Liebe langfristig funktioniert und welches die Herausforderungen sind, die einen erwarten, spätestens wenn Kinder ins Spiel kommen.

Manchmal kommt mir das Sakrament der Ehe vor wie ein Schatz ohne Schatzkarte. Wir brauchen eine Anleitung und Vorbilder, um nicht im Dunkeln zu tappen. Und wir brauchen das Zeugnis von älteren Paaren, die schon eine Weile gemeinsam unterwegs sind. Zu dominant ist heutzutage der Eindruck, Liebe sei nur am Anfang aufregend und schön, dabei sind die wahren Profis der Liebe diejenigen Paare, die schon lange verheiratet sind und deren Liebe durch gute und schlechte Zeiten hindurch immer tiefer und schöner geworden ist. Junge Menschen sehnen sich so sehr nach dem Großen, nach einer Vision, die einen gemeinsam durchs Leben trägt. Die Kirche hat eine Antwort auf diese Sehnsucht, macht was draus.

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