Berlin

Berliner Missbrauchsgutachten: Wesentliche Teile nicht veröffentlicht

Das Erzbistum Berlin veröffentlichte vergangene Woche sein Missbrauchsgutachten. Der Großteil, in dem einzelne Taten und Täter benannt werden, ist jedoch nicht zugänglich. Rechtsanwälte beklagen, dass den Beschuldigten häufig eine größere Empathie entgegengebracht werde als den Opfern.
Gutachten zum sexuellen Missbrauch durch Kleriker
Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) | Erzbischof Heiner Koch, Bischof des Erzbistums Berlin, äußert sich bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Gutachtens zum sexuellen Missbrauch im Erzbistums Berlin.

Auch das am Freitag in Berlin veröffentlichte Gutachten zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich des Erzbistums Berlin seit 1946“ gibt nicht die Antworten, die die Öffentlichkeit erwartet. Mehr als 400 der 669 Seiten starken Ausarbeitung der Bonner Anwaltskanzlei Redeker Sellner Dahs blieben unveröffentlicht. Ihr brisanter Inhalt: Allein dort werden Verantwortliche und einzelne Taten benannt. Die Beschäftigung mit den fehlenden Seiten soll der innerkirchlichen Aufarbeitung durch eine sechsköpfige Kommission aus Priestern und Laien überlassen werden. „Ihre Aufgabe ist es, zu bewerten, wo vertuscht, vernachlässigt, verschleppt oder nicht ordnungsgemäß gehandelt wurde, und mögliche Konsequenzen zu benennen“, erläutert Generalvikar Pater Manfred Kollig.

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Vorwand für Zurückhaltung: Schutz der Persönlichkeitsrechte der Täter

Was nach der Arbeit der Kommission an die Öffentlichkeit dringen wird, bleibt spannend. Zwar erklärt Pater Kollig, er habe gegen die Nennung der Namen von Verantwortlichen, die sich Pflichtverletzungen schuldig gemacht haben, keine Bedenken. Doch das wird anscheinend auch nicht die Kommission entscheiden. Wenn der Erzbischof unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Sechsergruppe Entscheidungen getroffen habe, werde man sie gemeinsam kommunizieren. Ein kompliziertes Verfahren, das die Fragezeichen in der Öffentlichkeit nicht kleiner werden lässt.

Hier setzt die Kritik der bundesweiten Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ an. „Dieses Vorgehen führt das Bemühen um Aufklärung und Aufarbeitung ad absurdum“, erklärt der Geschäftsführer der Initiative, Matthias Katsch. Wieder berufe man sich auf den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Täter und die angebliche Gefahr der Retraumatisierung der Opfer. Tatsächlich werde aber auf diese Weise verhindert, dass Betroffene voneinander erfahren, sich austauschen und vernetzen können. Unter dem Deckmantel „Voyeurismus zu vermeiden“ werde die Öffentlichkeit daran gehindert, sich ein Bild von den empörenden Vorgängen machen zu können.

Nur einer der Beschuldigten aus dem Priesterstand ausgeschlossen

Die 226 veröffentlichten Seiten beschreiben das Ausmaß der an Kindern und Jugendlichen begangenen Taten in der Zeit von 1946 bis 2020. Die Bonner Rechtsanwälte konnten anhand der ihnen vorgelegten Akten 61 Beschuldigte identifizieren, denen 121 Opfer zugeordnet werden müssen. Nicht enthalten sind hier die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg. Dabei wurden dort im Jahr 2010 die ersten Missbrauchsfälle öffentlich gemacht. So begann in Deutschland die intensive Debatte über Sexualdelikte im kirchlichen Raum.

Die dortigen Akten werden allerdings nicht vom Erzbistum, sondern von den Betreibern der Einrichtung, dem Jesuiten-Orden geführt und waren nicht Gegenstand der gutachterlichen Bewertung. Lediglich im Hinblick auf 15 Beschuldigte wurden 17 kirchenrechtliche Voruntersuchungen oder kirchenrechtliche Strafverfahren durchgeführt, bei denen es um 31 Opfer ging. Sieben dieser Fälle führten zu kirchenrechtlichen Strafen. Nur einen der Beschuldigten hat man aus dem Priesterstand ausgeschlossen. „Warum in einer nicht unerheblichen Anzahl von Missbrauchsfällen die jeweiligen (Erz-)Bischöfe keine kirchlichen Strafverfahren eingeleitet haben, ist unverständlich und lässt sich den Akten nicht entnehmen“, stellen die Gutachter fest. Dies gelte insbesondere in den Fällen, in denen staatliche Strafverfahren zu Verurteilungen geführt hatten.

Strukturelle Probleme in der Katholischen Kirche seit 2002 verbessert

Selbst wenn in der Vergangenheit kirchliche Strafverfahren durchgeführt wurden, habe man  die Regelungen über die kirchenrechtlichen Voruntersuchungen im Erzbistum Berlin nur unzureichend angewandt. In einem festgestellten Fall sei eine von der Glaubenskongregation angeordnete Sanktion durch den Erzbischof und das Ordinariat „schlicht missachtet“ worden. In anderen Fällen habe man Dekrete des Erzbischofs nicht beachtet. „Die ,Großzügigkeit' bei der Beachtung innerkirchlicher Normen ist bemerkenswert“, konstatieren die Gutachter.

Die Durchsicht der Akten zeige, so die Bonner Rechtsanwälte, dass sich das Bewusstsein für systemische und strukturelle Probleme in der Katholischen Kirche seit 2002 verbessert habe. Vorher sei es allerdings das wesentliche Bemühen der Verantwortlichen im Ordinariat gewesen, Vorwürfe sexuellen Missbrauchs nicht öffentlich werden zu lassen, um Schaden von der Institution abzuwenden. Ausweislich der Akten habe man den Beschuldigten eine größere Empathie entgegengebracht als den Opfern.
Die Aktenführung und die interne Kommunikation im Erzbistum stehen im Zentrum der Kritik der Juristen Peter-Andreas Brand und Sabine Wildfeuer: „Die Akten sind unordentlich und uneinheitlich und folgen keiner erkennbaren Systematik.“

Hierarchische Strukturen im Bistum „Hemmschuh für Aufklärung, Intervention und Kommunikation“

So seien die Seiten nicht durchnummeriert. Damit könne nicht nachvollzogen werden, wenn Akteninhalte entnommen wurden. Dazu werden die Akten an verschiedenen Stellen geführt, so dass sich Vorgänge nicht einheitlich nachvollziehen lassen. Hinweise und Belege über sexuelle Missbrauchstaten befinden sich vielfach ausschließlich im sogenannten Geheimarchiv. Das verhindert, dass neue Verantwortliche Kenntnis über vergangene Taten erhalten können.

Die Gutachter benennen die hierarchischen Strukturen im Bistum als eines der zentralen Probleme und als „Hemmschuh für Aufklärung, Intervention und Kommunikation“. Die Organisation und die Kommunikation der Verantwortlichen bedürfe, so die Anwälte, einer dringenden Überarbeitung. So hätten sich die verschiedenen Hierarchieebenen nahezu kommunikationslos aufeinander verlassen, unabhängig davon, ob es sich um die Hierarchiestufe unter oder über der eigenen handelte. Das habe dazu geführt, dass eigene Prüfungen und Überlegungen nicht angestellt wurden.

Beschuldigte häufig schon im Priesterseminar auffällig

Auch die Auswahl der Priesteramtskandidaten stellt sich nach dem Studium der Akten als problembehaftet dar. So wurde eine Reihe der späteren Beschuldigten bereits während ihrer Zeit im Priesterseminar durch ihre Ausbilder kritisch bewertet. Sie bezweifelten mitunter die fachliche Eignung für die Seelsorge und das Priesteramt insgesamt. Die jeweils verantwortlichen Bischöfe und Erzbischöfe hätten sich allerdings regelmäßig über solche Zweifel hinweggesetzt.

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