Ansbach

Begegnung mit Gott in der Sauna

Gott in der Sauna – ein lustiger Buchtitel? Nein, er ist ernst gemeint, denn dahinter stecken menschliche Schicksale.
Herstellung von Medikamenten zur Chemotherapie
Foto: Rolf Vennenbernd (dpa) | Seit drei Jahren leidet die Frau von Werner Schwanfelder unter einem Gehirntumor. Das erlebte Leid ruft Fragen an Gott hervor, Schwanfelder würde ihn am liebsten "treffen, ihn zur Rede stellen, ihn schütteln."

Meine Frau und ich sind Christen. Voll-Christen sozusagen: Kirchenvorstände, in der Gemeindearbeit aktiv, Bibeltreffen, Kinderarbeit. Meine Frau hatte zusätzlich eine psychotherapeutische Praxis mit christlicher Beratung. Wir waren eine normale Familie mit dem einen oder anderem Problem, aber gesegnet. Jeden Sonntag in der Kirche. Vor drei Jahren wurde bei meiner Frau ein Glioblastom diagnostiziert. Das ist ein heimtückischer Gehirntumor. Meine Kinder – Ärztin und Apothekerin – haben die Tragweite sofort erkannt. Bei mir hat es einige Zeit gedauert. Seit drei Jahren sind wir konfrontiert mit Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, Rezidiv, Bestrahlung, Chemotherapie, Öffnen der Naht am Kopf, Rezidiv, Transplantation, vielen Klinikaufenthalten, etcetera.

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Das Leid löst Fragen aus

Es gibt natürlich auch gute Zeiten mit Hoffnung, aber bald gefolgt von einem neuen Schicksalsschlag. Ich weiß, dass unser Schicksal rein statistisch gesehen keine Ausnahme ist. Im Krankenhaus lernt man viele Menschenschicksale kennen und ich will gar nicht an Verfolgte, Geschlagene, Flüchtlinge aus Syrien denken, an Corona-Geschädigte, an Terroropfer und andere. Es gibt viele, viele Menschen, denen es schlechter geht als uns.

Meine Frau erträgt ihre Krankheit in der Zuversicht auf Gott. Das macht sie stark. Das ist zu bewundern. Wir bedanken uns bei Gott, wenn es nach einer Operation wieder besser geht. Ich aber zürne Gott. Wenn ich mich bei Gott bedanke, will ich mich bei ihm auch für das Schlechte beschweren. Ich möchte Gott treffen, ihn zur Rede stellen, ihn schütteln. Da traf ich Gott in der Sauna. Nein. Ja doch. Ich bin Schriftsteller. Bisher habe ich immer geschrieben, um an Menschen Wissen weiterzugeben, zum Beispiel über Geldanlage, über Managen oder um ihnen meine fränkische Heimat zu präsentieren. Irgendwie Leben weitergeben.

Was Gott gut gemacht hat, hat der Mensch verkommen lassen

Nun habe ich über Gott geschrieben, mich mit Gott auseinandergesetzt. Mein Held hat Gott in der Sauna getroffen und konnte ihm dann all meine Fragen stellen. Aber Gott hat auch gegengehalten. Er hat sich unsere Welt angesehen und dann sehr kritisch gefragt, warum wir die Welt so verkommen lassen. Das hatte nun nichts mehr mit der Krankheit meiner Frau zu tun, mit meinem Aufbegehren. Gott hat mir eindeutig mitgeteilt, dass er die Welt zwar geschaffen hat, aber dass die Menschen die Verantwortung für die Entwicklung haben. Was Gott gut gemacht hat, hat der Mensch verkommen lassen. Gott hat sich verteidigt. Er habe die Krankheiten nicht geschaffen. Viele Krankheiten entspringen einer beschädigten Umwelt. Kürzlich stand in der Zeitung, dass jedes Jahr in Deutschland 400.000 Menschen an Umweltschäden sterben. Vielleicht gehört auch das Glioblastom dazu. Ich weiß es nicht.

Aber Gott habe den Menschen die Weisheit gegeben, so dass die Menschen nicht nur Kriegswaffen erfinden können, sondern auch Therapien. Gott hat dafür gesorgt, dass es Ärzte, Apotheker, Forscher, Berater gibt, die allen Menschen Hilfe bringen. Ich habe das in dem Buch so geschrieben. Es war meine Therapie in schweren Zeiten. Ich habe dadurch Gott kennengelernt, besser als vorher. Ich glaube noch an Gott. Ich kommuniziere mit Gott, bitte und danke. Aber ich verstehe ihn nicht. Aber er versteht die Menschen anscheinend auch nicht richtig. Sie haben sich weit von ihm entfernt.

Neue „Menschwerdung“ Gottes

Für uns hat sich die Situation etwas entspannt, allerdings auf niedrigem Niveau. Meine Frau bekommt eine Dauerchemo, die natürlich nicht folgenlos ist. Stellt sich für mich immer noch, wieder und immer wieder die Frage, was Gott uns damit sagen will. Ich würde gerne Gott in der Sauna treffen, um noch einmal mit ihm zu sprechen und ihm diese Fragen zu stellen. Mit meinem Buch „Gott in der Sauna“ wollte ich eine neue „Menschwerdung“ Gottes beschreiben. Natürlich ist es ein Roman. Ich nenne die Gattung „Relifiction“. Aber um ganz ehrlich zu sein, ich finde die Vorstellung gut, wenn man Gott irgendwo auf der Welt im Supermarkt, auf der Straße, in der Sauna treffen könnte.

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