Allgäu

Michael Vogler: "Ich bin ein lebendiges Wunder"

Der Bildhauer Michael Vogler aus dem Allgäu hat Kardinäle als Kunden. Seine Werke werden international ausgestellt. Durch einen Autounfall erlebte der Künstler einen Perspektivenwechsel.
Michael Vogler
Foto: nelli tröber

Wer ihm begegnet, vergisst ihn nicht. In seinem linken Ohr trägt er einen goldenen Ohrring, der einen Hirsch in einem Kreis darstellt. Ein grauer Schnurrbart ziert seine Oberlippe. Seine starken Hände zeugen von jahrelanger harter Arbeit. Das rechte Bein ist immer leicht abgewinkelt. Außerdem trägt er Holzschuhe, die mit Kuhfell überzogen sind. Spätestens wenn er seinen Mund aufmacht, ist seine Herkunft unverkennbar: Die Zeit wird zu „Zit“, „immer“ zu „allat“. Michael Vogler ist so, wie man sich einen Allgäuer vorstellt. Auch die Werkstatt des Künstlers spricht von seiner Liebe zur Heimat und seinem festen Glauben an Gott: ur-allgäurische Werte.

In der rechten oberen Ecke der lichtdurchfluteten Werkstatt, wo der schwere Geruch von Holzstaub und die warme Raumtemperatur den Besucher einhüllen, hängt der Korpus des gekreuzigten Jesus. Daneben ein Gemälde der Mutter Gottes, die ihren Kopf demütig zum Gekreuzigten neigt. Auf einem kleinen Rolltisch liegen Zeichenpläne, daneben ein Tisch, auf dem ein Holzmodell steht.   

Auto von LkW-Anhänger erfasst

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 Gegenüber der Tür, die in die Werkstatt führt, befindet sich eine weitere Tür, hinter der sich ein Reich ungezügelter Kreativität entfaltet: Reliefskulpturen aus Holz, teilweise mit Farbe besprüht, teilweise durch Feuer an einigen Stellen angedunkelt, füllen den ganzen Raum. Vor dem Fenster, das einen einzigartigen Blick auf das Bergpanorama außerhalb des Ateliers ermöglicht, sticht ein Kunstwerk besonders ins Auge: Ein Holunderast, der grün angemalt ist, stellt einen Hügel dar, den ein Mensch mit einer Krücke hinaufgeht. Am Fuß des Hügels ein zerknautschtes Auto. 

Ein Bild von Michaels eigenem Schicksal: „Eigentlich kasch des ja gar it macha. Aber des bin I.“ Im Jahr 2006 krachte ein Anhänger von einem LkW in Michaels Auto. „Innerhalb von vierzig Sekunda bisch du auf oin Schlag weg, bisch du im Rollstuhl, bisch a viertel Jahr weg von der Familie.“ Viele Ärzte rechneten gar nicht damit, dass er überleben würde, keiner ging davon aus, dass er je wieder gehen können würde. Der Unfall scheint ihn heute noch zu bewegen: Als er davon erzählt, werden seine Augen feucht, er schaut betroffen zur Seite. Dann runzelt er seine Stirn als würde er die Schmerzen heute noch fühlen, als wäre er wieder im Jahr 2006. 

Durch den Autounfall war der 59-Jährige insgesamt zwei Jahre im Krankenhaus und in der Rehabilitationsklinik, trotz der andauernden Schmerzen blieb Michael aber ausgeglichen: „Es komma halt au mal Phasen, wo es heißt Kreuz traga und des han i versucht und viel Gnade au kriet in der Zeit.“ Mit seinem Glauben, der seine Spuren in Michaels Umgang mit seinem Unfall hinterließ, zog er in den Kliniken auch Aufmerksamkeit auf sich. So habe ein Pfleger in einer Reha einmal gegenüber Michael bemerkt, dass bei ihm und seiner Mitbewohnerin, einer älteren Frau, die Reaktion auf die Schmerzen ganz anders sei. Während andere Patienten wütend schimpfen und zum Teil auch herumschreien würden, freue es ihn in das Zimmer der beiden Patienten zu kommen. „Obwohl i von der Verletzungen her, vom Heilprozess her eigentlich der mieseschte Patient da dinna war.“

Das plötzliche aus dem Leben gerissen sein gab Michael Raum, um über sein Leben neu nachzudenken. Im Krankenhaus seien plötzlich Fragen aufgetaucht wie: Wieviel Zeit bleibt dir noch? Wärst du zufrieden, wenn es jetzt schon vorbei wäre?  Bloß für die Kunst zu leben und zu versuchen, Preise zu ergattern habe dann für ihn keinen Sinn mehr ergeben. Entgegen der Prognosen wurde Michael wieder komplett gesund, nur sein rechtes Bein kann er nicht ganz durchdrücken. Als der Künstler von seinem Heilprozess erzählt, meint er ergriffen: „I bi a lebendigs Wunder.“ 

Auch wenn Michael den Leistungsdruck aus seiner Arbeit als Künstler nehmen wollte, habe die Bildhauerei ihm auch geholfen, seinen Unfall aufzuarbeiten und sich von seinen körperlichen Schmerzen abzulenken. Letztlich hat der Unfall ihn auch Gott näher gebracht: „Also des sich selber so wichtig nehma, dass ma denkt ohne mi goht's in ner Ausstellung it, des Denka hob i abglegtAu dass ma sich so auf seine eigene Projekte feschtbeißt ohne zum schaua, ob Gott des will, davon loszumkomma, da bin i glaub besser drin wora.“ Als Michael davon erzählt, was er durch seine Kunst bei anderen bewirken konnte, dass er anderen durch das Kunstwerk, das von seinem Unfall erzählt, Mut machen konnte, füllen sich seine Augen mit Tränen. An die Stelle von schmerzhaften Erinnerungen tritt Dankbarkeit. „Des isch der höchschte Kunschtpreis“, bringt der einfache Künstler es auf den Punkt. 

 Ausstellungen in New York und Kuba 

 Für seine Kunst, die vor allem durch die Verbindung aus Holz-Reliefskulpturen und Airbrush Malerei bekannt ist, gewann der Künstler aber auch tatsächliche Preise: seine Werke waren bei der „Art Expo“ in New York zu sehen, sowie in Kuba im „Casa de Alba-Museum“. Zu seinen Kunden gehören neben regionalen Kirchen und Gemeinden auch Bischöfe – zum Beispiel Weihbischof Florian Wörner oder Kardinal Joachim Meisner. „Dafür macht ma's“, meint der Künstler, als er begeistert davon erzählt, dass Kardinal Meisner bereits zu Beginn der Karriere des Künstlers eine Mutter Teresa Skulptur von ihm gekauft hatte.

 

Doch der Bildhauer hatte auch Zeiten, in denen er zwischen dem Wohl seiner Familie und seiner Kunst entscheiden musste: „Es gab Monate, wo i überlegen musst, ob i jetzt no an Bronzeguss mach oder ob i no was zum Essa kauf.“ Auch das letzte Jahr war für den Künstler nicht leicht: Zwei große Aufträge von einer Kirche und einer Gemeinde sind weggebrochen, da die Auftraggeber selbst finanzielle Probleme gehabt hätten. „Da überlegt ma dann vielleicht, ob ma no an Schneepflug hertut, aber it ob ma no a Kunschtwerk aschaffat.“ 

Aber nicht das Geld oder der Ruhm treiben den Künstler an, weiterzumachen. Als Künstler müsse man sich zwar auch selbst inszenieren, aber im Mittelpunkt zu stehen, liegt Michael nicht, wie er selbst feststellt. Genau solche Menschen sind selten geworden. Menschen wie Michael Vogler, die sich nicht selbst ins Zentrum rücken, sondern wissen, dass sie einem Höheren dienen. 

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