Krakau

An der Vatikan-Angel

In Polen bleibt derzeit bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen kein Stein auf dem anderen. Doch der ganz große Fisch ist dem Vatikan noch nicht ins Netz gegangen. Ein Kommentar.
Nebliger Morgen in Polen
Foto: Darek Delmanowicz (PAP) | Der Vatikan greift durch in Polen - so wirkt die Botschaft in Wort und Tat. Doch dabei sollte man nicht vergessen, dass allzu lang nur zugeguckt oder auf polnische Selbstreinigungseffekte vertraut wurde.

Seit einigen Wochen hat sich in der katholischen Kirche in Polen ein neues Ritual eingespielt: jeweils um zwölf Uhr mittags gibt die Apostolische Nuntiatur bekannt, welcher polnische Bischof sich Versäumnissen beim Umgang mit Missbrauchsfällen schuldig gemacht hat. Der Vatikan greift durch   so wirkt die Botschaft in Wort und Tat. Doch dabei sollte man nicht vergessen, dass allzu lang nur zugeguckt oder auf polnische Selbstreinigungseffekte vertraut wurde. Fünf Bischöfen, darunter der Danziger Alt-Erzbischof Slawoj Leszek Glodz (75), wurde inzwischen untersagt, an öffentlichen Messfeiern teilzunehmen, und ein Bußgeld verordnet, das in die Missbrauchsprävention fließen soll. Damit nicht genug: das Gesuch des Bischofs von Liegnitz, Zbigniew Kiernikowski (74), um vorzeitigen Rücktritt wurde nun vom Papst angenommen; so wie auch schon im Mai das Rücktrittsgesuch des Hirten von Bromberg, Jan Tyrawa (72).

Mit massiven Vertuschungsvorwürfen konfrontiert

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Doch der ganz große Fisch an der Vatikan-Angel bleibt der frühere Papst-Sekretär und Alt-Metropolit von Krakau, Kardinal Stanislaw Dziwisz (82), der sich in Medien und Kirche mit massiven Vertuschungsvorwürfen konfrontiert sieht. Ein echtes Schwergewicht der Vatikan-Diplomatie, Kardinal Angelo Bagnasco, Vorsitzender des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE), verbrachte mehr als eine Woche persönlich in Polen, um den Vorwürfen gegen Dziwisz nachzugehen. Bisher streitet der Langzeit-Sekretär alles ab. 

Dabei gibt es im kirchlichen Polen auch Bestrebungen, Transparenz in den Sumpf zu bringen. Aktuelles Beispiel: am Montag wurde von der Polnischen Bischofskonferenz ein Bericht über den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in den Jahren 1958-2020 vorgestellt. Demnach gingen zwischen dem 1. Juli 2018 und dem 31. Dezember 2020 bei den Diözesen und männlichen Orden in Polen 368 Anzeigen zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen bezüglich der bis 1958 zurückliegenden Zeit ein. Insgesamt 292 Priester und Ordensleute wurden angeklagt, in dieser Zeit sexuelle Verbrechen an Minderjährigen begangen zu haben. Zahlen, die schmerzen, aber so ist die Wahrheit nun einmal. Manchmal.

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Stefan Meetschen

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