Würzburg

Alte Orden werden eine wichtige Rolle spielen

Eine Geschichte des Benediktinerordens von den Anfängen bis zur Gegenwart beleuchtet die Bedeutung des kontemplativen Lebens.
Mönch in München
Foto: Ken_Liu (dpa) | Der Benediktinerorden hat 1500 Jahre überdauert, weil er sich ständig reformierte. Alte Orden würden in der Zukunft eine große Rolle spielen, meint der Autor des Buches "Sub Regula S.

Wie wird es sein, wenn das Netz der pfarrlichen Seelsorge noch dünner ausfällt, wenn das Christentum sich weiter aus dem öffentlichen Raum zurückziehen muss? Niemand kann diese Frage, die die Zukunftsfrage sein wird, im Detail beantworten. Doch Teil der Antwort wird sein, dass die neuen geistlichen Gemeinschaften und die alten Orden eine wichtige Rolle spielen und Vernetzungspunkte schaffen werden. Zu den alten Orden, zu den ältesten gehören die Gemeinschaften von Frauen und Männern, die nach der Benedikts-Regel leben und die etwas unscharf mit dem Wort „Benediktinerorden“ zusammengefasst werden. Ihnen hat der Kölner Mediävist Georg Jenal eine kenntnisreiche, umfängliche und doch auf das Wesentliche konzentrierte Monographie gewidmet.

Bestehen seit 1500 Jahren dank beständiger Erneuerung

Lesen Sie auch:

Ihn interessiert besonders die „Entwicklung der gelungenen und gescheiterten Reforminitiativen im langen Verlauf der Jahrhunderte“, kurz wie das Diktum von den „monasteria semper reformanda“ umgesetzt wurde. Denn dass die Benediktiner nach 1500 Jahren und diversen inneren und äußeren Krisen immer noch da sind, lässt sich sinnvoll nur mit der ständig geübten Fähigkeit zur Regeneration erklären.

Das durchaus spannende Thema, ob es den Mönchsvater Benedikt wirklich als reale Person gegeben hat und ob er auch der Verfasser der nach ihm benannten Regel ist, hat die Forschung lange beschäftigt. Dass die Originalfassung der Regel verloren gegangen ist, macht die Sache nicht leichter, auch ist mittlerweile geklärt, dass der Autor der Regula Benedicti in einer großartigen Kompilations-Leistung Elemente von Augustinus, Basilius, Cassian und anderen zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt hat, dass also nicht alles in diesem das ganze Leben sinnvoll ordnenden Rahmen rein „benediktinisch“ ist. Auch hätte diese Regel niemals ihre Kraft entfalten können, wenn nicht die Karolinger, besonders Karl der Große und sein Nachfolger Ludwig der Fromme, eine Version der Regel zum „Reichsreformtext“ für die Klöster des Abendlandes einsetzten – die ja im Denken der Herrscher eine Funktion im Staatsgefüge einnahmen. Dafür eignete sich die Regel auch deswegen gut, weil ihr als Zentral-Tugend der Gehorsam – dem Abt gegenüber, der Christus vertritt – eingeschrieben ist.

"Den" Benediktinerorden gibt es nicht

Autor Jenal verweist auch darauf, dass das lange sehr kritisch gesehenen System der Kommendataräbte – die Vergabe der Abteileitung an kirchliche oder mehr noch weltliche Würdenträger, die „häufig fernab von ihren Gemeinschaften, klosterfremden Verrichtungen nachgingen“ und so ihr Amt vornehmlich als Pfründe verstanden – nach neueren Forschungen nicht mehr ganz so kritisch bewertet wird, weil es in vielen Fällen auch Nutzen bewirkt hat.

Die klösterliche Existenz gelingt immer so gut, wie der Eifer und die Treue, die konkret gelebt werden. Phasen des Niedergangs und solche des Aufschwungs wechseln sich notwendig ab. Georg Jenal zeichnet präzise das Gesamtbild der diversen Reformzweige der Benediktiner durch die Jahrhunderte, die mal mehr auf das feierliche Gotteslob setzten, mal mehr auf wissenschaftliches Arbeiten oder missionarisches Wirken außerhalb des angestammten Hauses. Er macht den Unterschied zum Zisterzienserorden deutlich, der, viel zentralistischer organisiert als die „schwarzen Mönche“, einen einheitlichen Regeln gehorchenden Gesamtverband bildet. Denn den „Benediktinerorden“ gibt es in Wahrheit nicht, nur eine weltweite Konföderation rechtlich und wirtschaftlich selbstständiger Einzelklöster – mit ganz unterschiedlichen Eigenbräuchen –, die überhaupt erst 1893 ins Leben trat, unter sanftem Druck des Vatikans. Es war dies auch eine späte Antwort auf das, was Jenal das „alte benediktinische Dilemma“ nennt, die Autonomie von Gemeinschaft und Abt einerseits und das Fehlen einer verbindlichen, gemeinschaftsübergreifenden Verbandsstruktur andererseits.

Luther kritisierte "nutzloses Leben" der kontemplativen Orden

Ob etwa ein Kloster bereit war, sich einer Reformbewegung anzuschließen, ob die Mönche sich dann den Visitationen genannten Kontrollbesuchen durch fremde Mitbrüder stellen und auf Generalkapiteln die Weichen für die ganze Gruppe von Abteien stellen würden, blieb autonome Entscheidung des einzelnen Klosters. Nicht nur aus ehrenwerten Motiven, sondern auch, um nicht gestört zu werden, konnte man sich solchem Ansinnen verweigern, damit aber auch den Anschluss verpassen. Die Reihen zu schließen nutzte freilich nichts gegen die schlagkräftige Bewegung des Bettelmönches Luther, der auch mit erneuerten Konventen nichts anzufangen wusste. Ursprünglich gestartet als strenger Ordensmann schwenkte er über zu jenen, „die das asketische Lebensideal als Weg zu individueller Heilssicherung rigoros ablehnten“, als Form wirkungs-und sinnloser Werkgerechtigkeit sahen. Es ist letztlich der Vorwurf eines nutzlosen Lebens, der kontemplativen Orden noch weitere Male in ihrer Geschichte gemacht werden sollte.

Bayerische Benediktiner brachten den Orden nach Nordamerika

Die Reformation schlug erstmals schwere Wunden, löschte das Klosterleben in einigen Ländern komplett aus, ließ die schwarzen Mönche aber nicht untergehen. Als erste verschwanden übrigens die Klöster, „die spirituell und organisatorisch in den alten Strukturen gebunden, sich keiner Reform angeschlossen, sich nicht in einem Verband organisiert hatten, und so den Angriffen von außen umso schutzloser ausgesetzt waren“.
Die Geschichte der Alten Orden ist am Ende aber eine Erzählung nicht versiegender Lebenskraft. Heute gibt es Benediktiner, noch oder wieder, in allen Ecken der Erde. Die Ausbreitung nach Nordamerika geschah im Übrigen unter maßgeblicher Beteiligung deutscher, insbesondere bayerischer Ordensleute. Als wichtige Aufgabe der Jetzt-Zeit sieht Georg Jenal die volle Gleichberechtigung der Nonnen, die allzu lange als bloßer Annex des männlichen Ordens gesehen wurden.

 

Seit 2004 ist die „Communio Internationalis Benedictinarum“ als alleinige Körperschaft benediktinischer Frauengemeinschaften anerkannt, wenngleich noch nicht auf gleicher rechtlicher Augenhöhe zur Konföderation der Männer. Das wird sich wohl ändern, wie auch die Weltoblaten der Benediktiner einen neuen Stellenwert innerhalb des Gesamtgefüges erhalten dürften. Man kann darauf vertrauen, dass es den Frauen und Männern im schwarzen Habit auch künftig gelingen wird, ihr Erbe so weiterzutragen, dass die Botschaft von einem geglückten Leben im Miteinander von Beten und Arbeiten attraktiv bleibt.

______________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Georg Jenal, Sub Regula S. Benedicti – Eine Geschichte der Söhne und Töchter Benedikts von den Anfängen bis zur Gegenwart, Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar, 444 Seiten, ISBN 978-3-412-51442-6, EUR 39,99

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Kreuzgang im Germanischen Nationalmuseum
Ordensspiritualität
Aus den Quellen des Heils Premium Inhalt
Geistliche Formkraft neu entdecken: Die Hochschule der Deutschen Kapuzinerprovinz in Münster bietet im Internet eine Ringvorlesung zur Ordensspiritualität.
17.05.2021, 15  Uhr
Barbara Stühlmeyer
Themen & Autoren
Urs Buhlmann Abteien Benediktinerinnen und Benediktiner Benediktinerorden Carolus Magnus Frauen Jesus Christus Kaiser Ludwig I. Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Klöster Mönche Reformation der christlichen Kirchen Religiöse Orden Äbtissinen und Äbte

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer