Weimarer Republik

Als ein Kardinal gegen den Rechtsradikalismus aufstand

Die katholische Kirche gab in der Weimarer Republik schon früh eine Antwort auf den sich formierenden Rechtsradikalismus. Im Widerstand gegen "Vaterländische Wehrbünde" sticht vor allem ein Kardinal heraus.  
Adolf Kardinal Bertram
Foto: KNA-Bild (KNA)

Historische Ereignisse wiederholen sich nicht, aber zwischen ihnen kann eine Analogie bestehen, eine Übereinstimmung bei angezeigter Verschiedenheit. So erinnert der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten und CDU-Politiker Walter Lübcke durch den Rechtsradikalen Stefan E. am 2. Juni 2019 an die politischen Fememorde der rechtsextremistischen  Organisation Consul (O.C.) in der Frühzeit der Weimarer Republik, denen zwei Reichsminister, der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger und der liberale Politiker Walther Rathenau (DDP), zum Opfer fielen. Vorausgegangen war dem Mordkomplott eine grenzenlose Hetzpropaganda nationalistischer und völkischer Parteien und ihrer Medien.

In militärischen Kreisen zum Vaterlandsverräter gebrandmarkt

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Matthias Erzberger, dessen Todestag sich in diesem Jahr am 26. August zum hundertsten Mal jährt, hatte auf ausdrücklichen Wunsch der Obersten Heeresleitung in mehreren alternativlosen Akten politischer Vernunft das Massensterben des Ersten Weltkrieges beendet, was den Undank einbrachte, so dass der verletzte Nationalstolz militärischer Kreise ihn zum Vaterlandsverräter brandmarkte. Mit dem gleichen Odium belastet starb ein Jahr später am 24. Juni 1922 Walther Rathenau ebenfalls durch Mörderhand.

Am folgenden Tag hielt Reichskanzler Josef Wirth (Zentrum) im Reichstag seine berühmte Rede, in der er – nach rechts gewandt – ausrief: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden seines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber besteht kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“ Die politischen Morde der Anfangsjahre waren Signalhandlungen, die zu Bewusstsein brachten, dass die junge Republik von Weimar durch bürgerkriegsähnliche Erschütterungen, ausgelöst durch kommunistische Aufstände und deren Niederschlagung durch die von der Regierung zu Hilfe gerufenen militärischen Freiwilligenverbände, den Freikorps, einer unheilvollen Zukunft entgegensah.

Kirche musste Antworten auf neue Bewegungen finden

Mit den Freikorps und Einwohnerwehren, aus denen sich recht bald politische Kampfgemeinschaften entwickelten, betrat 1918/19 ein völlig neues Genus der Interessenvertretung die politische Bühne. Für Staat und Gesellschaft gleichermaßen waren sie eine Herausforderung, auf die, wie sich zeigen sollte, auch der Katholizismus eine Antwort geben musste.

Obwohl seit dem Jahr 1926 die Stellungnahmen der Bischofskonferenzen auf alle Wehrverbände abzielten, das heißt auch das republikanische „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ miteinbezogen, standen im Mittelpunkt des Konfliktgeschehens die sogenannten Vaterländischen Verbände, an erster Stelle der „Jungdeutsche Orden“ und der „Stahlhelm Bund der Frontsoldaten“. Als außerparlamentarische Sammlungsbewegungen, in denen sich die monarchistisch-restaurativen Kräfte ebenso wie die jungkonservativen Planer eines „Dritten Weges“, die Verfechter eines völkischen Obrigkeitsstaates wie die unentschlossenen Nichtrepublikaner beheimatet fühlten, waren sie die eigentlichen Träger der nationalen Opposition, die Avantgardisten eines „Dritten Reiches“, dessen Verwirklichung schließlich einer Partei, der NSDAP, zufiel, die das erntete, was jene anderen ideologisch und politisch gesät hatten.

1923 kam es zu einem Boom der Vaterländischen Verbände

Nach dem Katastrophenjahr von 1923, dem Jahr der kommunistischen Unruhen, der Besetzung des Ruhrgebietes durch die Alliierten, der separatistischen Gründungsversuche rheinischer Republiken, eines rapiden Währungsverfalls und des gescheiterten Hitlerputsches in München kam es in der Folgezeit zu einem Gründungsboom von Ortsgruppen Vaterländischer Verbände, die dazu übergingen, als deklarierte überparteiliche und überkonfessionelle Großorganisationen Jugendabteilungen aufzubauen, die sich zu einer äußerst gefährlichen Konkurrenz der katholischen Jugendarbeit entwickelten. Noch bevor das Fuldaer Bischofsgremium gewohnheitsgemäß im August zusammentrat, ergriffen die katholischen Verbände auf regionaler wie überregionaler Ebene die Initiative, um die Front nach „rechts“ zu klären.

Auf dem 3. Verbandstag der „Katholischen Jugend- und Jungmännervereine Deutschlands“ (vom 25. bis 29. Juni 1924 in Fulda) wurde gegenüber den völkischen Organisationen, insbesondere den Vaterländischen Verbänden und den Nationalsozialisten, ein klarer Trennungsstrich gezogen. Die Resolution ließ hier verlauten: „Ihren offensichtlichen Wirkungen nach sind die Verbände bewusste oder unbewusste Schrittmacher der unchristlichen und kirchenfeindlichen deutschvölkischen Bewegung. Sie führen zu Begriffsverwirrungen in der Wertung des Religiösen und Nationalen und entfremden durch ihre religiösen Unterströmungen interkonfessioneller Art die katholische Jugend dem katholischen Gemeinde- und Vereinsleben.“ Dem Völker- und Klassenhass setzte der Verbandstag den Anspruch des Christentums entgegen, „Frieden und Völkerversöhnung im eigenen Volk und unter den Nationen zu pflegen“. Aus heutiger Sicht ist dies mit der Stimme der katholischen Kirche die zeitlich früheste Warnung eines parteienunabhängigen Großverbandes vor dem Nationalsozialismus.

Der Breslauer Fürstbischof spricht ein Machtwort gegen die nationalen Wehrbünde

Als sich am 18. August 1924 die nichtbayrischen Bischöfe unter ihrem Vorsitzenden, dem Breslauer Fürstbischof Adolf Kardinal Bertram, zur Fuldaer Jahrestagung trafen, standen die stürmischen Umwerbungen der katholischen Kirche durch die nationalen Wehrbünde auf der Tagesordnung. Der Breslauer Vorsitzende war über den seelsorglichen Affront und die sich mehrenden Streitfälle bestens informiert, insofern ihn die wehrbündische Führung mit zahlreichen Beschwerdeschreiben über das sich verweigernde Verhalten des schlesischen Klerus zu einer Gegenmaßnahme drängten. Exemplarisch die Totengedenkfeier in Liegnitz (November 1923), an der die protestantische Geistlichkeit im Unterschied zu ihren katholischen Amtsträgern kontaktfreudig teilgenommen hatte.

Bertrams Nachforschungen bestätigten die längst erkannte deutschvölkische Gesinnung wehrbündischer Mitglieder und die damit eng verflochtene Feindlichkeit gegen Katholiken und ihre parteipolitische Interessenvertretung, die Zentrumspartei. So propagierte die Liegnitzer Versammlung die unbewältigten Feindbilder antisemitischer und kulturkämpferischer Provenienz mit der Forderung: „Juden, Schieber und Jesuiten müssen raus!“ Nicht weniger beunruhigte Bertram der chauvinistische Fremdenhass nationalistischer Bekenntnisträger gegen die ethnischen Minderheiten in der schlesischen Bevölkerung. Furchtlos hatte der Breslauer Hirte der Öffentlichkeit seine christliche Handlungsmaxime ins Gewissen geschrieben: „Gleiche Liebe, gleiche Gerechtigkeit und gleiche Rücksichtnahme für die verschiedenen Stämme und Sprachen in unserer zum Grenzland gehörenden Diözese“!

Als im Dezember 1923 die jungdeutsche Ordensleitung in einem Rundschreiben an alle Generalvikariate sich selbst die Unbedenklichkeit für Katholiken attestierte, hielt Bertram die Zeit für gekommen, in einem Zirkular das Meinungsbild seiner Mitbischöfe zu erfragen, um eine gemeinsame Strategie der Abwehr zu entwickeln. Anschließend übernahm er selbst mit zwei Pastoraldekreten an seinen Diözesanklerus die Rolle des Vorreiters, dergestalt, dass er im Umgang mit den Vaterländischen Verbänden Wachsamkeit und Zurückhaltung anmahnte und die Sorge um den Erhalt des katholischen Vereinslebens in den Vordergrund rückte.

Bischöfe lehnten Vaterländische Wehrbünde ab

Nicht anders gestaltete sich der Beschluss der Fuldaer Konferenz von 1924, der das ungestüme Begehren der Vaterländischen Wehrbünde nach einem Freibrief für katholische Mitglieder mit einer entschlossenen Ablehnung quittierte und der Förderung der katholischen Jugendseelsorge den absoluten Vorrang einräumte. Die anschließenden Agitationen der Wehrbundführungen, die eingehandelte Abfuhr der Bischöfe zu einer Neutralitätserklärung umzudeuten, verstärkte nur die Niederlage, insofern sich Bertram jetzt gezwungen sah, mit einem erneuten Konferenzbeschluss (1925) die angefochtene Absage in den Rang einer ausdrücklichen „Warnung“ zu erheben.

Vergeblich versuchten sich die nationalen Kampfverbände in den nachfolgenden Jahren durch die Vermittlungsbemühungen katholischer Adelsmitglieder vom Bannstrahl der Fuldaer Bischofskonferenz zu befreien. Der Breslauer Vorsitzende, nunmehr Führungsfigur der bischöflichen Aversionen gegen alle wehrbündischen Sammlungsbewegungen und Persona non grata der nationalistischen Opposition, ließ sich von den Lockrufen der indizierten Kampfvereinigungen nicht erweichen und parierte bis 1933 mit den jährlich wiederkehrenden, inzwischen obligatorisch gewordenen Warnungen der Fuldaer Bischofskonferenz vor den „sogenannten Vaterländischen Verbänden“.

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