Welchen Dialog braucht die Kirche?

Der Berliner Diözesanverband des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend im Gesprächsprozess. Von Claudia Kock
Foto: Kock | Die Liste der Wünsche der Teilnehmer beim Dialogprozess in Berlin ist lang und reicht von der Erprobung neuer Gemeindemodelle auch ohne Priester bis hin zur Gleichstellung homosexueller Partnerschaften.
Foto: Kock | Die Liste der Wünsche der Teilnehmer beim Dialogprozess in Berlin ist lang und reicht von der Erprobung neuer Gemeindemodelle auch ohne Priester bis hin zur Gleichstellung homosexueller Partnerschaften.

Berlin (DT) Auftakt zum Dialogprozess im Erzbistum Berlin: Im Pfarrzentrum der Kirche „Sankt Matthias“ in Berlin-Schöneberg fand vorige Woche die erste „Impulsveranstaltung“ des „Bundes der Deutschen Katholischen Jugend“ (BDKJ) im Rahmen des von der Deutschen Bischofskonferenz anberaumten Dialogprozesses statt. Dieser soll in den kommenden Jahren „eine besondere Klärung und Vergewisserung in Bezug auf das Zeugnis der Kirche in der Welt und ihre Sendung zu den Menschen“ herbeiführen. Der BDKJ vertritt nach Aussage seiner Vorsitzenden Andrea Köhler rund 90 000 Kinder und Jugendliche im Erzbistum Berlin. An der Impulsveranstaltung nahmen etwa 40 Personen teil, von denen jedoch etwa ein Drittel der mittleren und älteren Generation angehörte. Jugendliche unter 20 Jahren waren nicht oder höchstens sehr vereinzelt vertreten.

Das Erzbistum wurde vertreten durch den Vorsitzenden des Diözesanrats, Wolfgang Klose, der eine kurze Zusammenfassung der Auftaktveranstaltung gab, die im Juli auf Bundesebene in Mannheim stattgefunden hatte. Positiv hob Klose die Rücksichtnahme auf die Frauenquote hervor, negativ die Tatsache, dass schwierige Themen wie der priesterliche Zölibat und das Weiheamt für Frauen nicht diskutiert worden seien. Für den weiteren Verlauf des Prozesses wünschte Klose, dass dieser nicht nur ein Gespräch sein möge, sondern ein echter Dialog. Der Unterschied zwischen Gespräch und Dialog läge darin, dass das Gespräch einen Austausch bedeute, der Dialog aber zu Veränderungen führe.

In kleineren Gesprächskreisen konnten die einzelnen Teilnehmer ihre persönlichen Anliegen in Bezug auf die Kirche formulieren. Sofort stand die Frage im Raum: „Wie kann Gemeinde auch ohne Pfarrer funktionieren?“. Man müsse „neue Gemeindemodelle denken und ausprobieren – auch ohne Priester“. Die „Befähigung von Laien“ sei wichtig, ebenso wie „mehr Raum für Experimente“. Die „Zugangsbedingungen zum Priestertum“ sollten überdacht werden. Priester lebten schon als Seminaristen in einem „abgeschlossenen Biotop“ und würden den Alltag der Menschen nicht wirklich verstehen. Das Ziel von Kirche, so eine Teilnehmerin, sei „das Reich Gottes, Gerechtigkeit in dieser Welt“. Schlagworte wie „konfessionelle Gebundenheit“, „Glaubwürdigkeit der Kirche“, „Machtinteressen unter das Evangelium stellen“ wurden laut, der Aufruf, „lustvoll zu streiten“ und „Fragen unabhängig von Rom zu entscheiden“. Der Wunsch nach einer Gleichstellung homosexueller Partnerschaften kam ebenso zur Sprache wie die Forderung nach mehr Geschlechtergerechtigkeit, Mitbestimmung, Transparenz.

Gespräche fern der kirchlichen Lehre

Der Dialogprozess, so das offizielle Schreiben der Bischofskonferenz, „verlangt von allen Teilnehmenden eine geistlich geprägte Offenheit. Er findet statt auf dem Boden der kirchlichen Glaubens-, Lehr- und Liturgietradition und ihrer Festlegungen und Entwicklungsmöglichkeiten“. Bei den Gesprächen der Impulsveranstaltung in Berlin war von dem Boden der kirchlichen Lehre wenig zu spüren. Dokumente der Kirche, wie sie zum Beispiel im Priesterjahr 2009/2010 entstanden, wurden für die Diskussion ebenso wenig herangezogen wie Konzilsdokumente, der Katechismus oder die ausführliche Lehre Johannes Pauls II. zu Ehe und Familie oder zur Stellung der Frau in der Kirche. Diskutiert wurde aus dem Bauch heraus, aus der persönlichen Erfahrung, nach gängigen gesellschaftlichen Maßstäben. Auf die Frage nach der Bedeutung der Dogmatik für die Gespräche sagte die Vorsitzende des Bundes, Andrea Köhler: „Natürlich gibt es Dinge, die als Dogma gehalten werden, die als Stein des Lehrgebäudes dargestellt werden, die eigentlich nicht herausgerissen werden können. Und doch gibt es Menschen, die sich vielleicht wünschen, dass ein Stein ausgetauscht wird oder ein Stein bemalt wird, einfach verändert wird. Ich glaube, dass es für manche Menschen nötig ist, dass sie die Theorie der Kirche verstehen, dass sie sie kennen, aber da muss man ganz behutsam vorgehen. Und manche Menschen fragen sich auch, ob ein Dogma wirklich so ist oder ob das nicht von Menschen gemacht ist. Wer hat diese Dogmen gemacht?“ Wo das Lehramt der Kirche in dieser Form in Frage gestellt wird, da ist eine Diskussion „auf dem Boden der kirchlichen Lehre“, wie die Bischofskonferenz sie wünscht, kaum möglich.

Der neue Erzbischof von Berlin, Rainer Maria Woelki, war vom BDKJ zu dieser Veranstaltung eingeladen worden, hatte jedoch abgesagt mit der Begründung, sie liege zu nah an seiner Amtseinführung. Er begrüße jedoch den Dialogprozess, so Andrea Köhler. Von den Teilnehmern wurde mehrfach der Wunsch geäußert, der Dialog möge für den Erzbischof zum Herzensanliegen werden: „Ein Ja vom Bischof zum Prozess in Freiheit“. Man erwarte ein „klares Statement vom Bischof, was er bereit sei einzubringen“, erhoffe sich ein „Empowerment vom Bischof für den Prozess“. Es hieß jedoch auch, der Dialogprozess brauche „Zugpferde, zum Beispiel Woelki“. Soll der neue Erzbischof vor den eigenen Karren gespannt werden?

Das abschließende Wort der Veranstaltung kam vom Diözesanpräses Kaplan Claudius Teuscher. Wer erwartet hätte, dass er die Perspektive etwas zugunsten der kirchlichen Lehre zurechtrückt, wurde enttäuscht. Vielmehr sagte er in Anlehnung an Martin Luther Kings „I have a dream“: „Ich möchte von einer Kirche träumen, in der neben der Ehe auch andere Formen der Partnerschaft Wertschätzung erhalten. Ich träume von einer Kirche, in der die Menschen und nicht irgendwelche Dogmen den Vorrang haben.“

Ein innerkirchlicher Dialog kann nur auf der Grundlage des Glaubens der Kirche und der kirchlichen Lehre stattfinden, auf der Grundlage des Bewusstseins, dass es nicht um „unsere“ Kirche, sondern um die Kirche Jesu Christi geht und diese Kirche eine Botschaft zu verkündigen hat, die nicht die eigene Botschaft ist, sondern die Botschaft des Erlösers der gesamten Menschheit. Wo diese Grundlage fehlt oder als zweitrangig abgetan wird, kann es zwar ein Gespräch geben, aber keinen konstruktiven Dialog, der positive Früchte für die ganze Kirche, den ganzen Leib Christi trägt.

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