Weckruf an die Wächter der Schönheit

Die Distanz zwischen Kirche und Kunst verringern – Begegnungen der Päpste mit Künstlern im Zeichen christlicher Hoffnung

Rom (DT) Am Samstag ist Papst Benedikt in der Sixtinischen Kapelle Künstlern aus aller Welt begegnet. Etwa 260 Kunstschaffende aller Sparten waren in den Vatikan gekommen – Männer und Frauen aus Film, Fernsehen und Theater, aus dem Bereich der Musik, der bildenden Kunst, Kleinkünstler, Schriftsteller und Poeten, neben Unbekannten auch viele berühmte Künstler wie die Architekten Daniel Libeskind und Zaha Hadid, der Schauspieler Terence Hill, der Sänger Andrea Bocelli, der Schriftsteller Martin Mosebach, die Filmemacher Nanni Moretti und Philip Gröning sowie der Komponist Ennio Morricone.

Liturgisch feiert die Kirche am 21. November – Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem – den Tag Pro orantibus, der den kontemplativen Ordensgemeinschaften gewidmet ist. Er soll allen Menschen deutlich machen, wie wichtig es ist, Jesus Christus, das Gebet und den Bezug zur Transzendenz zum Mittelpunkt des Lebens zu machen.

Um die Transzendenz und ihre Wiederentdeckung und Weitergabe durch die Kunst ging es auch bei der Begegnung mit den Künstlern. Es war kein „Event“; es stiegen keine – metaphorischen – bunten Luftballons zur Decke auf, sondern vielmehr vermittelte die Begegnung den Eindruck der Strenge und Gesetztheit, wozu auch der Ort selbst beitrug. Das Deckenfresko, Michelangelos „Schöpfung“, konnte gleichsam als Mahnung verstanden werden, den göttlichen Ursprung des Menschen nicht zu vergessen; die Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament an den Wänden zeigen das Eingebundensein des Menschen in die Heilsgeschichte. Unter dem Applaus der anwesenden Künstler durchschritt Papst Benedikt XVI. den Mittelgang der Kapelle und nahm an der Stirnwand Platz, vor Michelangelos berühmtem Fresko vom Jüngsten Gericht.

Nach den Grußworten von Erzbischof Gianfranco Ravasi, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Kultur, der die Begegnung initiiert und organisiert hatte, hielt der Papst eine lange und beeindruckende Ansprache, die wohl als eine der schönsten seines bisherigen Pontifikats bezeichnet werden kann. Mit klaren Worten ermahnte er die Künstler, sich ihrer Verantwortung als „Wächter der Schönheit“ zu stellen. Dabei diente ihm Michelangelos Jüngstes Gericht zur Veranschaulichung: Die Welt strebe mit ihrem ganzen Sein auf Gott, auf die Erfüllung, die wahre Glückseligkeit hin. Diese sei ihr letztes Ziel. Gleichzeitig bestünde jedoch auch die Gefahr des endgültigen Falls des Menschen, verführt von den Kräften des Bösen. Christus jedoch sei die Tür, durch die der Mensch zu Gott und zur ewigen Glückseligkeit gelange. Er sei die Hoffnung für die gefallene Menschheit, und die Schönheit bringe diese Hoffnung zum Ausdruck. Als „Wächter der Schönheit“ sind die Künstler gleichzeitig Wächter der Hoffnung in einer Welt, die sich von dieser Hoffnung abzuwenden scheint und in der Aggressivität und Verzweiflung immer stärker werden.

Ein Talent, das in den Dienst der Menschheit gestellt werden soll

Die Kunst ist kein Selbstzweck und dient nicht der Selbstverherrlichung des Künstlers, sondern dieser hat sein „Talent“ – im wahrsten biblischen Sinne des Wortes – vom Schöpfer erhalten und muss es in den Dienst der ganzen Menschheit stellen, wie bereits Johannes Paul II. 1999 in seinem „Brief an die Künstler“ hervorgehoben hatte: „Wer in sich diesen göttlichen Funken der künstlerischen Berufung — zum Dichter, zum Schriftsteller, zum Maler, zum Bildhauer, zum Architekten, zum Musiker, zum Schauspieler... — spürt, nimmt gleichzeitig die Verpflichtung wahr, dieses Talent nicht zu vergeuden, sondern es zu entfalten, um es in den Dienst des Nächsten und der ganzen Menschheit zu stellen.“

Der 10. Jahrestag der Veröffentlichung dieses Briefes war der unmittelbare Anlass für die Begegnung, zusammen mit dem 45. Jahrestag der Begegnung Papst Pauls VI. mit dem Künstlern. Diese hatte – damals im Rahmen einer Messfeier – ebenfalls in der Sixtinischen Kapelle stattgefunden. Die diesjährige Begegnung lässt sich also einordnen in das Bemühen der Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil um eine Heilung des gestörten Verhältnisses zwischen Kirche und Kunst, mit dem Ziel, eine solide Grundlage zu schaffen, auf der Glauben und künstlerisches Schaffen einander wieder fruchtbringend begegnen können.

Von ihren Anfängen an machte sich die Kirche die Kunst in ihren verschiedenen Formen zunutze, um ihre Heilsbotschaft zu verkündigen. So sind die Evangelien selbst ein literarischer Ausdruck des menschlichen und göttlichen Seins Jesu Christi. Gottes Wort ist gleichzeitig Literatur. Gesänge gehörten von Anfang an zur christlichen Liturgie. Sie dienten nicht nur dazu, Glaubensinhalte zu verinnerlichen und zum Ausdruck zu bringen, sondern die Musik sollte vor allem das Herz zu Gott erheben. Die Entwicklung der bildenden Kunst ist maßgeblich vom Christentum bestimmt, begonnen bei den einfachen christlichen Symbolen der Katakomben. Die Fresken der Sixtinischen Kapelle aus dem 16. Jahrhundert gehören zu den Höhepunkten der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Kirche. Im 17. Jahrhundert schuf Gian Lorenzo Bernini, der große Künstler des römischen Barock, neben anderen bedeutenden Werken den Petersplatz, den großen Ausdruck der Mutter Kirche, die all ihre Kinder umarmt – bildhauerisch dargestellt in den gewaltigen steinernen Kolonnaden, die den Platz umfangen. Aber nicht nur in Rom, sondern auch an vielen anderen Orten der Welt entstanden berühmte Kirchen und Kunstwerke als Ausdruck des christlichen Glaubens.

In der Moderne und Postmoderne wandte der Mensch sich immer mehr vom Christentum ab und suchte nach Selbstbestimmung. So hat sich, wie Johannes Paul II. in seinem „Brief an die Künstler“ schrieb, neben den weiterhin bestehenden Ausdrücken christlicher Kunst und Kultur „zunehmend auch eine Form von Humanismus durchgesetzt, für den die Abwesenheit Gottes und häufig der Widerstand gegen ihn charakteristisch ist. Dieses Klima hat bisweilen, zumindest im Sinn eines verminderten Interesses vieler Künstler für religiöse Themen, zu einer gewissen Distanz zwischen der Welt der Kunst und jener des Glaubens geführt“. Diese Distanz schlägt sich nicht nur in einer zunehmenden Banalisierung der Kunst nieder, sondern auch in der weit verbreiteten Behauptung, Schönheit sei nur subjektiv erfassbar, und der damit verbundenen Relativierung des Kunstschaffens.

Um die Überwindung der Distanz zwischen Kirche und Kunst bemühte sich Paul VI. ebenso wie Johannes Paul II. und jetzt Benedikt XVI. Papst Paul VI. bat die Künstler um Verzeihung dafür, dass die Kirche ihnen zu viele Vorgaben gemacht und zu wenige Freiheiten gelassen habe. Er hob jedoch gleichzeitig das Bedürfnis einer soliden Katechese hervor, durch die die Künstler die Grundwahrheiten des Glaubens besser erkennen sollten. Johannes Paul II. schrieb, dass die Kirche die Künstler brauche, um die Transzendenz zu vermitteln. Gleichzeitig aber bräuchte die Kunst auch die Kirche, denn wahre Kunst sei zu allen Zeiten, nicht nur im Christentum, religiös geprägt gewesen, da sie über die weltliche Realität hinausweisen müsse. Die Fleischwerdung des Wortes Gottes biete hierfür einen besonders reichen Horizont, der nicht in Vergessenheit geraten dürfe. Benedikt XVI. stellt diese Forderung in den Kontext einer theologischen via pulchritudinis und zitiert in diesem Zusammenhang Hans Urs von Balthasar, Simone Weil und Hermann Hesse. Die Schönheit sei die Grundlage der Hoffnung für die Welt, und die Künstler trügen „die große Verantwortung, die Schönheit weiterzugeben“ – auch in der Schönheit und durch die Schönheit. Seine Ansprache an diesem Samstag war ein Appell gegen jede Art von Banalität in der Kunst. Kunst ist Schönheit und damit Wahrheit und muss Schönheit und Wahrheit vermitteln. So nimmt sie ihre Verantwortung wahr, Trägerin der Hoffnung für die Welt zu sein.

Abschied zu den Klängen Palestrinas

„Arrivederci“ – auf Wiedersehen! Mit diesem ebenso einfachen wie hoffnungsvollen Gruß verabschiedete sich Benedikt XVI., ebenso wie vor ihm Paul VI., von den Künstlern, die seine Ansprache mit Applaus quittierten, während der Chor der Sixtinischen Kapelle „Vox dilecti mei“ sang jene Motette Giovanni Pierluigi da Palestrinas, zu der sich der „Fürst der Kirchenmusik“ in der Renaissance durch Worte des alttestamentlichen Hohenliedes hatte inspirieren lassen.

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