Was nun?

Erik Flügges und David Holtes pragmatische Sicht auf die Zukunft des Christentums. Von Hinrich Bues
Kloster St. Märgen im Abendrot
Foto: Symbolbild: dpa

Erik Flügge leitet eine Agentur für Politikberatung, bezeichnet sich als Bestsellerautor („Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“) und ist Mitglied in der katholischen Kirche. Der Autor bekennt sich offen zu den 90 Prozent der Katholiken, die sonntags nicht zur Kirche gehen und fragt sich deswegen, warum nur zehn Prozent der aktiven Kirchenmitglieder die sechs Milliarden Kirchensteuereinnahmen sozusagen allein verkonsumieren. Das sei doch irgendwie ungerecht. Die Option „aus der Kirche auszutreten“ verneint Flügge noch, aber die guten Erinnerungen würden immer schwächer werden. Er gehört zu der immer noch großen Gruppe der katholischen Kirchenmitglieder, die eine positive kirchliche Sozialisation, aber eben keinen festen Glauben erfahren haben.

Sein evangelischer Mitautor David Holte ist in diesem Punkt weiter, hat seinen Kirchenaustritt schon vollzogen und schildert ihn auf mehreren Seiten. Warum sollte man auch für etwas bezahlen, was einem nichts bedeutet, scheint die einfache Kosten-Nutzen-Rechnung den Autoren zu diktieren.

Nun fließen sicherlich nicht hundert Prozent der Kirchensteuern in die Pfarrgemeinden, wie Flügge annimmt, sondern eher 45 Prozent, wie eine Beispielrechnung aus dem Erzbistum Hamburg zeigt. 55 Prozent kommen übergemeindlichen Aufgaben in Verwaltungen, Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Medien und sozialen Einrichtungen zugute, wovon bekanntlich viele profitieren. Die Polemik „heiliger Rest“, die Flügge betreibt, ist abgesehen von solchen Zahlen dennoch interessant, denn so denken ja viele in der Kirche. Das Modell ist einfach: Wenn man irgendwo etwas „einzahlt“, möchte man auch eine Leistung, genauer eine Dienstleistung sehen. Junge Leute zwischen 20 und 35 Jahren, die weder verheiratet sind noch Kinder haben, nutzen fast keine Dienstleistungen der Kirche wie Hochzeit, Taufe, Kindergärten oder Schulen. Warum also zahlen?

Mit dieser Frage kommt ein Bumerang zurück, der im Firmunterricht ängstlich in die Luft und vermeintlich weggeworfen wurde. Keiner sprach dort über das fünfte katholische Kirchengebot, das dazu auffordert, die heilige Kirche auch materiell zu unterstützen. Diese Forderung resultiert ja nicht aus dem Empfang einer bestimmten Dienstleistung wie bei einer Firma, sondern aus dem Empfang der Sakramente der Taufe, Eucharistie und Firmung. Wenn der Glaube „fest“ geworden ist und das Firmsakrament empfangen wurde, wäre auch die Zahlung von finanziellen Beiträgen kein Problem. Dann hätte man verstanden und würde „glauben“, dass die katholische Kirche nicht zuerst Dienstleister, sondern vielmehr ein „Sakrament des Heils“ ist.

In einem gemeinnützigen Verein, einer politischen Partei, mit der Flügge als Politikberater zu tun hat, mag man so denken; auch in einer evangelikalen Freikirche, wo die Mitglieder ihre monatlichen Beiträge, bis zu zehn Prozent ihres Einkommens, einzahlen. Die örtliche Gemeinde gibt dann einen kleineren Teil an die übergeordnete Organisation ab, aber 70 oder 80 Prozent der Einnahmen verbleiben in der Gemeinde, die umfangreiche Aufgaben damit ausführen kann. Wer besonders viel zahlt, hat in diesen Gemeinden dann ein besonders großes Mitspracherecht. Solche Mitglieder müssen durch Besuche gepflegt werden.

Dieses Modell der Mitgliederpflege durch Besuche, Briefe, Informationen et cetera möchte Flügge auch auf die katholische Pfarrgemeinde übertragen, die dies schon aufgrund der nur sehr eingeschränkten Finanzmittel gar nicht leisten kann. Der Autor fordert deswegen indirekt eine radikale Neuverteilung der Kirchensteuermittel zugunsten der Gemeinden, was automatisch zur Schließung von Schulen, caritativen Einrichtungen, Verwaltungen und so weiter führen würde.

Warum in diesem Modell nur die Mitglieder besucht werden sollen, bleibt unerfindlich, denn der Missionsauftrag („Gehet hin zu allen Völkern der Welt …) greift doch wesentlich weiter. Genauer gesagt fordert der „katholische“ und „apostolische“ Auftrag dazu auf, das Evangelium zu jedem Menschen und Volk auf der Erde zu bringen und nicht nur Mitgliederpflege zu betreiben – dass weder das eine noch das andere in deutschsprachigen Landen oft passiert, sei zugestanden. Flügge propagiert letztlich die gute, alte Haustür- oder Klingelmission. Warum wagt sich der Autor aber nicht an die vielen ungetauften Zeitgenossen heran? In einem Gedankenspiel versucht sich der Autor vorzustellen, was er denn an der Haustür sagen würde, wenn er vom besuchenden Pfarrer nach seinem Glauben gefragt würde? Da hätte er nicht viel zu sagen, bekennt er, würde eher nach dem Glauben seines Gegenübers fragen. Immerhin. Sucht der Autor also doch noch nach Antworten auf die Fragen nach den Letzten Dingen?

Die „Schreibe“ von Erik Flügge ist angenehm zu lesen; sie ist kommunikativ, reflektiert die eigenen Gedanken, ist nicht besserwisserisch oder belehrend. Der Autor bringt immer wieder gute Pointen darüber, was alles in der katholischen Kirche falsch läuft und wie es möglicherweise besser laufen könnte. So etwa, wenn er schreibt, dass kein Weg an der „Neumissionierung der Kirchenmitglieder“ vorbeiführe, weil man sie für den Glauben gewinnen müsse, was gewöhnlich Neuevangelisierung genannt wird. So gut er um die menschliche Kommunikation weiß, ihre Chancen und praktischen Möglichkeiten vermittelt, so unmöglich scheint ihm das gegenüber dem lebendigen Gott zu sein. Das Gebet nennt er nur einen Ort der Selbstreflektion. Seine Ablehnung oder auch Unwissenheit über weite Strecken der kirchlichen Lehre kann man ihm als theologischem Laien kaum zum Vorwurf machen. Schwieriger wird es an dem Punkt, wo er meint, die christliche Glaubens- und Gottesvorstellung in einem kommunikativen Prozess, wie auf einem politischen Parteitag neu definieren zu können.

Doch die Kirche ist keine Partei, wo man wie bei der Demokratischen Union das „C“ einfach neu füllen könnte; sie ist eine Stiftung Christi und lebt von der Quelle des sich offenbarenden einen Gottes, der in der Person Jesu den verlorenen Menschen sucht und ihn für die Ewigkeit „retten“ will. Wer diese Quelle nicht kennenlernt oder sie verlässt, droht zu verdursten und wie ein trockener, abgefallener Ast ins ewige Feuer geworfen zu werden, so der „Herr“ und Stifter dieser Kirche.

Erik Flügge/David Holte: Kirche für viele statt heiligem Rest, Herder Verlag, Freiburg 2018, ISBN 978-3-451-38327-4, EUR 8,-

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Bestsellerautoren Erinnerungen Evangelische Kirche Glaube Jesus Christus Katholische Kirche Katholizismus Modelle Politikberatung Sozialisation

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann