Warteschlangen für die Taufe

Wie das Pontifikat Johannes Pauls II. den Katholizismus in Kuba geprägt hat – Ein Reisebericht. Von Juan BOSCO Amores
Foto: dpa | Als Johannes Paul II. 2005 starb, gingen trauernde Kubaner in Havanna auf die Straße.
Foto: dpa | Als Johannes Paul II. 2005 starb, gingen trauernde Kubaner in Havanna auf die Straße.

Anfang 1993 reiste ich aus beruflichen Gründen – ich arbeitete damals an meiner Doktorarbeit über die Geschichte Kubas – erstmals nach Havanna. Damals wusste ich noch nicht, dass sich das Land mitten in der „besonderen Zeit“ befand, wie auf der Insel die schwierige Zeit des Mangels nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion offiziell genannt wurde. Ich selbst erlebte tagtäglich deren Folgen, bewunderte aber die Art und Weise, wie die Kubaner die unzähligen damit verbundenen Probleme bewältigten.

Ich war im alten Inglaterra-Hotel neben dem Capitolio-Gebäude und der Prado-Promenade untergebracht, und hatte keine Ahnung, wo ich meiner Gewohnheit gemäß täglich die Messe besuchen könnte. Eine junge Frau aus dem Nationalarchiv, in dem ich arbeitete, begleitete mich jedoch freundlicherweise zur Kirche vom Heiligen Engel. Fünf Minuten vor Beginn der Messe, an der dann sehr wenige Menschen teilnahmen, wurden die Tore geöffnet, die unmittelbar nach der Messfeier sofort wieder geschlossen wurden. Während der etwa zwanzig Minuten tönte in voller Lautstärke Musik aus dem Radiogerät, das Soldaten aus einem neben der Kirche gelegenen Militärposten auf die Straße gestellt hatten, in der eindeutigen Absicht, die wenigen Menschen in der Kirche zu stören. Auf meinen Gängen durch die Stadt konnte ich sehen, dass alle Kirchen geschlossen waren. Dies und die Gespräche mit meinen ersten kubanischen Freunden verstärkten den in der Kirche vom Heiligen Engel gewonnenen Eindruck: Dort war es weiterhin schlecht angesehen, „religiös“ zu sein. War das Leben schon für alle schwierig genug, so musste derjenige, der seinen Glauben offen praktizierte, mit noch weiteren Nachteilen rechnen.

Stromausfälle und Gespräche in der Dunkelheit

Zwei Jahre später kehrte ich nach Kuba wieder, wo ich einige Änderungen feststellen konnte. Die materielle Lage war zwar weiterhin schwierig, aber sie hatte sich etwas gebessert. Ich wohnte bei einem Ehepaar, die beiden hatten Wirtschaftswissenschaften studiert und vor der „besonderen Zeit“ eine gute Stellung innegehabt. Ich erinnere mich noch an unsere Gespräche nach dem Abendessen, die manchmal wegen der sprichwörtlichen Stromausfälle in der Dunkelheit stattfanden. Wir sprachen über alle möglichen Dinge, auch über Gott und die Kirche, mit respektvoller und herzlicher Haltung. Nun ging ich zur Messe in eine einem Nonnenkloster angeschlossene Kirche, aber jetzt konnte ich dort eine halbe Stunde vor der Messe beten und auch ein paar Minuten danach bleiben, um die Danksagung zu halten. Es kamen auch deutlich mehr Gläubige in die Kirche und sie nahmen mit Begeisterung an der Liturgie teil. Nach der Messe saßen sogar die wenigen Ordensschwestern mit einer Katechetengruppe zusammen.

Dort lernte ich Pedro kennen. Mit dem jungen Ingenieur freundete ich mich schnell an. Bei unserem ersten Gespräch gegenüber dem Kai erzählte er mir nach nicht einmal einer halben Stunde mit typisch kubanischer Offenheit von seiner Bekehrung und seiner Annäherung an die Kirche. Er sah sehr froh aus und hatte Interesse, mehr über den Glauben zu erfahren. Ich lieh ihm ein kleines Betrachtungsbuch aus. Am nächsten Tag hatte er es bereits „verschlungen“. Gastfreundlich wie alle Kubaner lud er mich zum Abendessen zu sich nach Hause ein. Ich war darüber erstaunt, wie eine kubanische Hausfrau es schaffte, trotz des Mangels den Gast zu bewirten. Ich werde diesen Tag nie vergessen, auch wegen der Freude, die ich empfand, als mir der Vater meines Freundes beim Genuss eines selbstgebrannten Rums von seiner eigenen Bekehrung nach vielen Jahren Kirchenferne erzählte.

Als ich ein Jahr später wiederkam, lud Pedro etliche Freunde zu sich nach Hause ein, die einen ähnlichen Prozess wie er und sein Vater durchgemacht hatten. Meistens waren sie zwischen 18 und 30 Jahre alt und besuchten die Messe fast täglich. Sie wünschten geistliche Bildung, brauchten aber auch Hilfe, um trotz der ungünstigen Umgebung an ihrem Glauben festzuhalten. Da dieses Treffen sozusagen politisch inkorrekt war – zu viele Menschen in einem Privathaus, zusammen mit einem Ausländer und bis tief in die Nacht hinein – wurde mein Freund später von der Polizei verhört. Es geschah jedoch nichts Unangenehmes.

Jedes Jahr konnte ich beobachten, dass mehr Leute in die Kirchen gingen, die nun fast den ganzen Tag offen standen, und sei es, um das einfache Pfarrblatt abzuholen. Auch dies stellte eine regelrechte Neuigkeit in einem Land dar, in dem es so gut wie keine Presse gab. Noch etwas Neues geschah: Vor den Kirchen standen Mütter Schlange, die ihre Kinder für die Taufe anmelden wollten. Als ich einmal eins der Dörfer nahe der Hauptstadt besuchte, konnte ich sehen, wie eine ältere Frau in ein altes Heft die Namen eintrug, die ihr ein Dutzend Mütter diktierten: Es handelte sich um die Täuflinge, die jeden Mittwoch und jeden Samstag in den Wochen nach Ostern die Taufe empfangen sollten. Eine ältere Frau erzählte mir, sie sei wie ihr Mann bereits Rentner: Von den etwa zehn Dollar ihrer monatlichen Rente legte sie zunächst „etwas für die Armen“ zur Seite, für andere ältere Menschen, die so extrem arm waren, dass sie nicht einmal ins Dorf kommen konnten und in ihren Behausungen auf dem Land lebten. Über die Lehre hinaus, die ich dabei erhielt, berührte mich festzustellen, dass auch in Kuba viele einfache Menschen leben, die verborgen ein heiligmäßiges Leben führen.

Zu dieser Zeit wurde der Besuch Johannes Pauls II. nach Kuba bekannt. Ein Jahr vorher, als die Vorbereitungen für den Besuch begannen, besuchte ich einen ehemaligen Seminaristen. Es verblüffte mich, dass zu dieser Zeit mehr als vierzig Seminaristen dort lebten, die nach einem anspruchsvollen Lehrplan studierten und über eine Bibliothek mit guten Philosophie- und Theologiebüchern verfügten. Sie alle gingen in kleinen Gruppen wenigstens zwei Nachmittage pro Woche in die Gemeinden sowohl der Hauptstadt als auch der Diözese, um dort Veranstaltungen zur Vorbereitung auf den Papstbesuch zu organisieren. Ähnliche Veranstaltungen fanden in den anderen Diözesen der Insel statt. In den Monaten vor dem Papstbesuch wurde die „Barmherzige Muttergottes“ durch alle Diözesen getragen: Jeden Tag stand sie in einer anderen Kirche. Wer wollte, konnte vor dem Pilgerbild beten. Millionen Menschen besuchten die Mutter Gottes und erhielten Informationen über den Heiligen Vater. Der apostolische Antrieb dieser auf die Initiative der Hierarchie zurückgehenden Vorbereitung gehörte ohne Zweifel zu den vorweggenommenen Früchten des Papstbesuchs.

Die Gegenwart und das Wort des Heiligen Vaters zeitigten eine außerordentliche Wirkung auf Menschen verschiedenster Lebensumstände, ob sie nun katholisch waren oder nicht. Über die vielen persönlichen Geschichten zu berichten, würde den hiesigen Rahmen sprengen. Mit einigen Berufskollegen, die sich mehr oder weniger in der offiziellen Ideologie eingerichtet hatten, konnte ich erstmals über den Glauben und über den Sinn des Lebens reden. Die Eltern einiger jüngerer Freunde kamen nach jahrzehntelanger Ferne wieder zur Kirche. Ein anderer entschied sich, zusammen mit seiner Frau die Taufe zu empfangen, kirchlich zu heiraten und die Kinder zur Katechese anzumelden. Die Kirchen waren besonders am Sonntag voll, fast wie in längst vergangenen Zeiten.

Selbstverständlich änderte sich nicht alles. Auch wurden nicht alle gewünschten Ziele erreicht. Beispielsweise gab das Regime der Bitte Johannes Pauls II. nicht nach, im Bereich der Erziehung der Kirche einen freien Raum zu gewähren. Für den ausländischen Klerus blieb die Einreise weiterhin eingeschränkt. Weitere Einschränkungen und Kontrollen blieben ebenfalls, zum Beispiel wurden engagierte Katholiken weiterhin beobachtet, insbesondere wenn sie mit Ausländern Kontakt hatten.

Es wäre jedoch ein Fehler, diese weniger positiven Aspekte übermäßig zu betonen oder die allgemeine Lage ausschließlich aus diesen Tatsachen heraus einzuschätzen. Schließlich finden sie diejenigen, die unter solchen Einschränkungen leiden, nicht so schwerwiegend, ja sie meinen, dies sei bis zu einem gewissen Grad folgerichtig. Ein bekannter Priester aus Havanna sagte mir damals: Wenn die Regierung im Erziehungsbereich der Kirche wichtige Zugeständnisse gemacht hätte, wäre sie auf eine starrte Opposition innerhalb des Regimes gestoßen, was wiederum der Kirche geschadet hätte.

Wichtig ist aber, dass sich in den Jahren nach dem Pastoralbesuch Johannes Pauls II. die seelsorglichen und sozialen Tätigkeiten der Kirche vervielfältigt haben. Über die kirchliche Arbeit im strengen Sinne, etwa die Katechese, hinaus gibt es Einrichtungen für die Pastoralausbildung von Laien sowie für Gesellschafts- und Religionsfragen, die eigene Monatsschriften veröffentlichen. Es wurden Bruderschaften wiederbelebt, Ausbildungsprogramme in Malerei, Computertechnik und audiovisuellen Medien sowie Nachhilfekurse und Bibliotheken ins Leben gerufen. In vielen Diözesen gibt es Betreuungsprogramme für Kinder mit Down-Syndrom sowie für Behinderte und Senioren (Wäscherei, Näh-Werkstätten, Gesellschafts- und Kultur-Veranstaltungen für ältere Menschen), Hilfeprogramme für AIDS-Kranke und für die Opfer von Naturkatastrophen etcetera.

Hinzu kommt die gewaltige Arbeit der Caritas, in der tausende Katholiken und Nicht-Katholiken mitarbeiten. In den wichtigsten Diözesen gibt es Schulen, die Theologie-, Kirchengeschichts- sowie Liturgiekurse anbieten – mit großen Teilnehmerzahlen, wie ich in Havanna feststellen konnte. All das bedeutet unter anderem, dass die starke Tradition der katholischen Vereinigungen, die es ja in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf Kuba gab, in eindrucksvollem Tempo nachgeholt wird. Allerdings mit einem Unterschied: Früher gehörten dazu vor allem die Angehörigen der städtischen Mittelschicht, nun sind es einfache Menschen, die über wenige Mittel verfügen. Außerdem leben sie heute in einem Umfeld, das nicht so günstig ist wie damals.

Dramatischer Rückgang der katholischen Bevölkerung

Obwohl der Anteil der Bevölkerung, die sich als katholisch bekennt, in fünfzig Jahren um die Hälfte (von 90 Prozent auf 45 Prozent) gesunken ist, der Priestermangel als dramatisch bezeichnet werden muss, und die regelmäßige religiöse Praxis sehr niedrige Werte aufweist, hat sich in wenigen Jahren eine Wende in der aktiven Präsenz der Kirche in der kubanischen Gesellschaft vollzogen. Die meisten Menschen merken es auch. Zwar befinden sich die Engagierten in der Minderheit, aber es gibt viele Getaufte, die sich als katholisch bezeichnen, die für Verstorbene Totenmessen lesen lassen und dafür sorgen, dass ihre Kinder getauft werden. In den letzten Jahren konnte eine Zunahme des Interesses seitens vieler Menschen für den Glauben und die religiöse Kultur festgestellt werden. Ein eindeutiges Anzeichen besteht darin, dass umgekehrt wenigstens unter gebildeten Menschen abergläubische Praktiken an Ansehen verloren haben.

Meiner Meinung nach ist unter dem Gesichtspunkt der kirchlichen Sendung gerade dies relevant und nicht so sehr (obwohl dies natürlich auch wichtig ist), die positive und in den Medien häufiger angesprochene Rolle, die in der Frage der Freilassung politischer Gefangener der Kirche von der Regierung eingeräumt wurde. Diese Rolle wurde insbesondere von Kardinal Ortega übernommen, der sowohl auf der Insel als auch außerhalb auf das Unverständnis derjenigen stieß, die alles mit politischen Maßstäben deuten.

Natürlich liegt noch ein weiter Weg vor der Kirche in Kuba. Einer der Untergrundchristen, die es auch in härtesten Jahrzehnten des Regimes gab, sagte mir betroffen, es bedürfe mindestens zweier Generationen, damit die Gesellschaft die moralischen und christlichen Werte wiedergewinnt. Aber: Sieht es im alten Europa anders aus? Erheben sich hier immer mehr Stimmen, um aus dem öffentlichen Raum jede Glaubensäußerung zu verbannen, so macht sich auf Kuba die Landespatronin, die „Barmherzige Jungfrau von Cobre“ auf den Weg, um den 400. Jahrestag ihrer Entdeckung auf den Straßen und Plätzen kubanischer Städte mit tausenden Gläubigen zu feiern.

Mir ist es bekannt, dass wichtige Persönlichkeiten des Regimes die Arbeit der Kirche sowie die Art und Weise, wie sie sie zum Wohle des Volkes und zu seiner umfassenden Entwicklung macht, sehr schätzen. Ich bin mir sicher, dass Benedikt XVI. vom Volk und von den Verantwortlichen noch besser aufgenommen werden wird als sein geliebter Vorgänger. Als Frucht dieser Entwicklungen wird bald die Kirche den 1998 von Johannes Paul II. beanspruchten „freien Raum“ erhalten, den sie braucht, um zum Wohl des kubanischen Volkes ihre Arbeit vollständig zu entfalten.

Der Verfasser lehrt Neue und Lateinamerikanische Geschichte an der Universität des Baskenlandes in Vitoria/Spanien

Übersetzung aus dem Spanischen

von José García

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