Warten auf Lösungen von oben

Operation gelungen. Patient tot. Mit diesem uralten Witz aus der Chirurgie könnte ein mephistophelischer Geist die gute Nachricht vom gelungenen Schuldenabbau im Erzbistum Berlin kommentieren. Denn zwar ist es Erzbischof Kardinal Sterzinsky gelungen, seinen Schuldenberg von 114, 5 Millionen Euro auf derzeit 31 Millionen zu reduzieren, doch eine aus der Reduktion geborene Aufbruchsstimmung ist im deutschen Nordosten immer noch nicht in Sicht. Einer der Gründe dafür sind sicherlich die Entlassungen. In den Pfarrgemeinden ist der Personalstand um mehr als vierzig Prozent reduziert worden. Betroffen sind der Katholischen Nachrichten-Agentur zufolge Geistliche, Gemeinde- und Pastoralreferenten, Kirchenmusiker, Pfarrsekretärinnen, Hausmeister, Küster und Reinigungskräfte. Auch im Erzbischöflichen Ordinariat sollen gut vierzig Prozent der Stellen reduziert worden sein.

Wer, der Not gehorchend, so hart rangeht und nimmt, der muss gleichzeitig einen Ersatz für das Verlorene geben. In einer katholischen Kirche kann dieser Ersatz nur geistiger Natur sein. Doch an dieser spirituellen Essenz hat es in der Berliner Bistumsfinanzkrise von Anfang an gemangelt.

Erstens, weil man die Probleme viel zu lange defensiv anging und zweitens, weil es sich – naturgemäß – um deutsche Gemeinden handelt. Und deutsch sein heißt nun leider einmal, Problemlösungen von „denen da oben“ zu erwarten, statt selbst aktiv zu werden. Wo der Bundesbürger alles Erdenkliche vom „Staat“ einklagt, da fordert das normale Gemeindemitglied das Seine von der Bistumsleitung. Was es in Berlin nicht gibt sind geistige Aufbrüche, die auch außerhalb der Kirchenmauern zu spüren sind.

Was in Berlin allerdings auch fehlt, sind charismatische Oberhirten, die Kraft ihrer Persönlichkeit einen geistlichen Sog erzeugen. Dominant ist die Mentalität von Pastoralreferenten, Kirchenvorständlern und übereifrigen Kommunionhelfern, die selbst dann noch neben dem Priester mit der Hostienschale am Altar stehen, wenn in einer ganz gewöhnlichen Werktagsabendmesse nur dreißig Kommunionwillige anwesend sind.

Selbst in geistig anspruchsvollen Hauptstadtgemeinden kreist das Denken neuerdings um die Fragen: Wer putzt die Kirche, und wer übernimmt den Küsterdienst? Natürlich ist dagegen nichts einzuwenden. Jeder möchte die Sonntagsmesse pannenfrei und in einer sauberen Kirche feiern. Doch all dies Kleinteilige erinnert fatal an jenen Knecht aus dem Evangelium, der seinen Schatz vergräbt, anstatt mit ihm zu wuchern. Oder um es in zwei Sätzen zu sagen: Die Berliner Finanzoperation ist gelungen. Doch eine Neuevangelisierung sieht anders aus.

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