Warten auf das Schlusswort des Papstes

Die Synode hat begonnen: Die Hauptarbeit leisten die Sprachzirkel – Zum Auftakt das Outing eines homosexuellen Vatikanprälaten. Von Guido Horst
Foto: dpa | Ernste Stimmung bei der Eröffnungsmesse der Bischofssynode: Vorfreude auf die kommenden Wochen ist angesichts der ideologisch aufgeladenen Stimmung nicht denkbar.
Foto: dpa | Ernste Stimmung bei der Eröffnungsmesse der Bischofssynode: Vorfreude auf die kommenden Wochen ist angesichts der ideologisch aufgeladenen Stimmung nicht denkbar.

Rom (DT) Bereits heute Nachmittag nehmen auf der Bischofssynode in Rom die dreizehn Sprachzirkel ihre Arbeit auf, um nach den Wortmeldungen im Plenum am gestrigen Montag und am heutigen Vormittag über den ersten Teil des Arbeitspapiers („Instrumentum laboris“) der Bischofsversammlung zu beraten.

Die vierzehnte ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode – offizieller Titel: „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ – hat im Vergleich zur außerordentlichen Familiensynode des Vorjahres ihre Arbeitsweise geändert. Es soll in kleinerer Runde intensiver um die Aussagen zu den drei Hauptteilen des „Instrumentum laboris“ gerungen werden, das sich, nach dem bekannten Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ – im ersten Kapitel mit dem Thema „Das Hören auf die Herausforderungen im Hinblick auf die Familien“ befasst.

Teil zwei des Arbeitspapiers „Die Unterscheidung der Geister im Hinblick auf die Berufung der Familie“ steht in der zweiten Synodenwoche auf der Tagesordnung, in der dritten und abschließenden geht es schließlich um „Die Sendung der Familie heute“. Dann werden auch die prominentesten Streitfragen wie die Kommunionzulassung der wiederverheirateten Geschiedenen und der Umgang mit Menschen homosexueller Orientierung die Debatte im Plenum wie in den Sprachzirkeln befeuern.

Bereits am Freitag vergangener Woche hat Kardinal Lorenzo Baldisseri als Chef des Generalsekretariats der Synode diese neue, in Absprache mit dem Papst gewählte Vorgehensweise der Öffentlichkeit vorgestellt. Da sich die Synode in drei inhaltliche Teile gliedert, entfällt der Zwischenbericht („Relatio post disceptationem“), der im Oktober 2014 für einen kleinen Aufstand in der Synodenaula gesorgt hatte. Dafür erstellt diesmal jeder Sprachzirkel nach jeder der drei Beratungen zu den Hauptkapiteln des Arbeitspapiers einen Zwischenbericht über die gefassten Empfehlungen. Diese Zwischenberichte – insgesamt also 39 – gehen jeweils an den Generalrelator der Synode, Kardinal Peter Erdö aus Budapest, der daraus mit einer insgesamt neunköpfigen Kommission den Abschlussbericht („Relatio finalis“) zu erstellen hat, der als Empfehlung an den Papst geht.

Während die Beratungen in der Synodenaula mit den maximal dreiminütigen Stellungnahmen der Teilnehmer nicht veröffentlicht werden – in regelmäßigen Presse-Briefings werden sie nur allgemein zusammengefasst –, erhalten die Berichterstatter die 39 Zwischenberichte aus den Sprachzirkeln zur Auswertung.

Wie Kardinal Baldisseri am Freitag im Pressesaal des Vatikans erklärte, entfällt bei dieser Synode eine Botschaft der Versammlung an das Volk Gottes. Stattdessen, davon geht man in Rom aus, wird Franziskus am letzten Tag der Bischofsversammlung eine richtungsweisende Ansprache zum Synodenthema halten. Ob dann noch ein postsynodales Schreiben des Papstes zu erwarten sein wird, ist offen. Ebenso offen ist, wie Baldisseri mitteilte, ob die „Relatio finalis“ wieder wie im Vorjahr mit dem Abstimmungsergebnis zu den einzelnen Paragrafen veröffentlicht wird. Eine Aufwertung also der Arbeit in den Sprachzirkeln, die das Synodensekretariat zusammengestellt hat: vier tagen auf Englisch, drei auf Spanisch, drei auf Französisch, zwei auf Italienisch und ein Sprachzirkel ist deutscher Zunge. Am Tisch sitzen jeweils an die zwanzig Synodenväter und eine Handvoll Berater, Delegierte anderer Kirchengemeinschaften und die fast nur aus Laien bestehenden „Uditori“.

Die neunköpfige, vom Papst einberufene Kommission, die unter Leitung von Kardinal Erdö das Abschlusspapier der Synode zu verfassen hat, soll laut Baldisseri die fünf Kontinente repräsentieren. Sie setzt sich, neben Erdö an der Spitze, zusammen aus dem Sonder-Sekretär der Synode, Erzbischof Bruno Forte von Chieti-Vasto, dem indischen Kardinal Oswald Gracias aus Mumbai, dem Erzbischof von Washington, Kardinal Donald William Wuerl, dem Erzbischof von Wellington in Neuseeland, Kardinal John Atcherley Dew, dem Rektor der Katholischen Universität Argentiniens, Erzbischof Victor Manuel Fernández aus Buenos Aires, Bischof Amathieu Madega Lebouakehan von Mouila im afrikanischen Gabon, dem Bischof von Albano bei Rom, Marcello Semeraro, und dem Jesuiten-General Pater Nicolás Pachón als Vertreter der Union der Ordensoberen.

So weit die graue Synoden-Bürokratie und die Beratungen der 270 Synodenväter, der neunzig Berater und Delegierten aus der Ökumene sowie die Arbeit des Hilfspersonals hätten gestern in aller Ruhe beginnen können, wenn diese Synode und der synodale Prozess zu Ehe und Familie nicht längst schon zu einem einmaligen Medienereignis geworden wäre. Am Ende der zweiten Synodenwoche, am 17. Oktober, wird die Synode sich selber feiern, das heißt des fünfzigsten Jahrestags der Errichtung der römischen Bischofssynode durch Papst Paul VI. gedenken. Den Festvortrag soll der Wiener Kardinal Christoph Schönborn halten. Aber noch nie hat sich seit ihrem Bestehen die mediale Aufmerksamkeit so sehr auf das römische Bischofstreffen fixiert wie in diesem Jahr. Zeitungen sprechen von der wichtigsten Kirchenversammlung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Es gab in der Vergangenheit Synoden, die waren so langweilig und inhaltsarm, dass die Empfehlungen der Synodenväter an den Papst noch nicht einmal für ein postsynodales Schreiben reichten. So geschehen etwa bei der Synode im Oktober 2012 über die Neuevangelisierung. Das ist seit der außerordentlichen Synode des Vorjahrs anders.

Stark sind die Kräfte, die die Synode von außen in eine ganz bestimmte Richtung drängen wollen. Obwohl in den Arbeitspapieren der Versammlung des vergangenen Jahres und dieses Jahres nur am Rande vermerkt – in einem Unterpunkt sollen sich die Synodenväter auch mit Familien befassen, zu denen Personen mit homosexuellen Neigung gehören –, nimmt die Frage der gleichgeschlechtlichen Paare einen hohen Rang bei der parallel zu den Beratungen in der Synodenaula stattfindenden Medien-Synode ein. Es waren vor einem Jahr einige Teilnehmer selbst wie Kardinal Christoph Schönborn aus Wien, die mit ihren Redebeiträge zur Bewertung der positiven Elemente in homosexuellen Verbindungen für ein starkes Echo sorgten. Diesmal war es der polnische Vatikanprälat Krzysztof Charamsa, der einen Tag vor Synodenbeginn mit seinem Lebenspartner in einem römischen Restaurant vor laufenden Kameras und einem starken Journalistenpulk sein „Coming out“ in Szene setzte – im Vatikan ein bekanntes Gesicht: Der 43 Jahre alte Priester arbeitet seit 2003 in der Glaubenskongregation und ist Beigeordneter Sekretär der Internationalen Theologenkommission des von Kardinal Gerhard Müller geleiteten Dikasteriums. Zudem lehrte er an der Jesuiten-Universität Gregoriana und an der Hochschule Regina Apostolorum der Legionäre Christi. Nicht der Papst oder Synodenteilnehmer waren auf Seite eins der italienischen Sonntagszeitungen zu sehen, sondern der Prälat mit Priesterkragen, der seinen Freund umarmt und sich an ihn schmiegt.

Vatikansprecher Federico Lombardi SJ hat diesen Versuch, die römische Synode für die Zwecke der Schwulen-Bewegung zu instrumentalisieren, sofort als „sehr schwerwiegenden und unverantwortlichen“ Schritt verurteilt. Damit wolle Charamsa die Synode unter medialen Druck setzen. Es sei klar, meinte Lombardi, dass der Geistliche seine Aufgaben im Vatikan und an den päpstlichen Hochschulen unter diesen Umständen nicht mehr wahrnehmen könne. Weitere kirchenrechtliche Schritte gegen den Geistlichen fielen in die Zuständigkeit von dessen Ortsbischof, so der Vatikansprecher.

Im Vorfeld der Synode hat es viele Versuche gegeben, das Feld zu bearbeiten, in berechtigter Sorge oder um Druck aufzubauen. Am vergangenen Mittwoch sprachen in der Hochschule der Dominikaner nochmals Autoren des „Buchs der fünf Kardinäle“, das vor der Synode des letzten Jahres herausgekommen war und den von Kardinal Walter Kasper in Sachen wiederverheiratete Geschiedene vorgezeichneten Kurs abbremsen wollte. Neben Kardinal Carlo Caffarra saß auf dem Podium auch sein Kollege Raymund Leo Burke, der die von einigen traditionell-katholischen Medien ausgerichtete Kurztagung auch dazu nutzte, dem von Papst Franziskus unterzeichneten Motu proprio zur Beschleunigung der Ehenichtigkeitsverfahren durchweg schlechte Noten auszustellen. Vor allem kritisierte der Kardinal, dass bei den nun einzuführenden Schnellverfahren bei Eheprozessen „mangelnder Glaube“ ein Grund sei, die Ungültigkeit einer Eheschließung festzustellen. Bisher habe es ausgereicht, eine gültige Ehe zu schließen, wenn beide Partner tun wollen, was die Kirche bei einer Trauung tut. Im Nachhinein den Glauben ohne gründliches Gerichtsverfahren „messen“ zu wollen, führt die neue Ordnung der Annullierungen für Kardinal Burke in die Nähe der „katholischen Scheidung“.

Zwei Tage später ging es wiederum im Angelicum der Dominikaner um Personen mit homosexuellen Neigungen, wobei Kardinal George Pell vom vatikanischen Wirtschaftssekretariat und der Präfekt der Liturgie-Kongregation, Kardinal Robert Sarah, praktizierter Homosexualität die Lehre der Kirche gegenüberstellten – einen Tag bevor dann Prälat Charamsa mit seiner Show an die Öffentlichkeit ging. Dem „Buch der fünf Kardinäle“ ist mittlerweile ein „Buch der elf Kardinäle“ gefolgt, es gab Appelle und Unterschriftenaktionen für die Unauflöslichkeit der Ehe – und es war dann am Sonntag fast ein Moment der Ruhe nach dem Sturm, als der Papst mit den Synodenvätern zum Eröffnungsgottesdienst in den Petersdom einzog. Die Stimmung war nicht gedrückt, aber doch sehr ernst. Kaum ein strahlendes Gesicht, obwohl am Vorabend die Kirche Italiens und geistliche Gemeinschaften dafür gesorgt hatten, dass der Petersplatz gut gefüllt war, als eine Gebetsvigil mit Franziskus auf die dreiwöchigen Beratungen zu Ehe und Familie einstimmen sollte.

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