Von Flüchtlingen lernen

CampusAsyl in Regensburg: Studenten der katholischen Hochschulgemeinde gehen erste Schritte der Integration. Von Benedikt Bögle

Er bringt die großen Musikboxen auf den weitläufigen, geteerten Platz. Aus der Anlage kommen laute Beats, innerhalb weniger Sekunden stehen mehrere Kinder vor den Boxen, beginnen zu tanzen. Sie lachen. Johannes Stettner freut sich, wenn er den Flüchtlingskindern in der Regensburger Erstaufnahmeeinrichtung eine Freude machen kann. Zweimal die Woche kommt er mit seinem Team von CampusAsyl hierher. Mit Sportbällen, einem kleinen Trampolin, bunten Gymnastikbändern und einem Federball macht er zwei Stunden lang mit den Flüchtlingen Sport: „Hier in der Erstaufnahmeeinrichtung müssen die Leute bangen, ob sie wieder nach Hause müssen. Wir wollen ihnen die Wartezeit versüßen und ihnen ein Lächeln in das Gesicht zaubern“, sagt Johannes Stettner.

CampusAsyl ist ein Netzwerk von Studenten aus Regensburg, die seit einem guten Jahr ein besonderes Konzept der Flüchtlingshilfe praktizieren: Sie wollen nicht nur den Asylbewerbern helfen, sie wollen auch von ihnen lernen. Der katholische Studentenpfarrer Hermann Josef Eckl rief die Initiative Ende 2014 ins Leben. Er wollte genau dort helfen, wo Studenten besonders gut helfen können: Mit Musik, mit Sport, mit Deutschkursen. Innerhalb kürzester Zeit engagierten sich immer mehr: „Mittlerweile helfen mehrere hundert Studenten bei unseren Projekten mit“, sagt Eckl.

Johannes Stettner ist begeisterter Fußballer. Wenn er mit den Flüchtlingen spielt, hat auch er Spaß – das ist das Erfolgskonzept von CampusAsyl: Alle profitieren persönlich von ihrer Arbeit. „Das Ziel von CampusAsyl ist es nicht nur, für die Flüchtlinge etwas zu machen, sondern gerade mit ihnen“, sagt Stettner. Das gelingt der kleinen Gruppe von begeisterten Studenten, die jedes Mal hierher kommen. Unterhalten können sie sich meist nicht mit den Flüchtlingen. Englisch sprechen die wenigsten, Deutsch gar niemand – sie sind ja erst seit kurzer Zeit in Deutschland, bald werden sie die Erstaufnahmeeinrichtung wieder verlassen müssen. Das Fußballteam sieht fast jede Woche anders aus. Ihre gemeinsame Sprache aber ist der Fußball. Sobald die jungen Asylbewerber Johannes Stettner mit seinem Ball sehen, kommen sie, schnell sind die Trikots verteilt, der Ball rollt. „Man muss erst mal gemeinsame Anknüpfungspunkte finden. Fußball ist da super“, sagt Joannes Stettner

Neben dem Sport bietet CampusAsyl viele weitere Aktionen: Die Studenten machen mit den Asylbewerbern Musik, geben ihnen in ihrer Freizeit Deutschunterricht, sie bieten eine Kinderbetreuung an und kümmern sich um die Kleiderkammer in der Erstaufnahmeeinrichtung. Aus der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe der Stadt Regensburg war die Aktion schon nach wenigen Monaten nicht mehr wegzudenken. Auch die Deutsche Bischofskonferenz hat dieses Engagement mittlerweile ausgezeichnet: Im Oktober belegte die Initiative den zweiten Platz beim Katholischen Preis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. „Die Flüchtlingshilfe der Katholischen Hochschulgemeinde Regensburg ist ein herausragendes Beispiel für den Enthusiasmus und die Kreativität junger Christinnen und Christen“, sagte Bischof Norbert Trelle bei der Preisbegründung.

Ein Lob, das den Studierenden aus Regensburg gutgetan hat. Eine von ihnen ist Lisa Singer. Sie promoviert an der Katholischen Fakultät im Bereich der christlichen Sozialethik und organisiert die unterschiedlichen Veranstaltungen und Aktionen von CampusAsyl. Bei den vielen Projekten fällt da auch viel Arbeit an – zumal die Studenten ihr Angebot noch weiter ausbauen wollen. „Man muss sich von dem Gedanken trennen, dass die Flüchtlingsproblematik eine Frage des Jahres 2015 ist“, sagt Lisa Singer. So ist auch das Engagement der Studenten langfristig. Dabei ist das Engagement nicht immer einfach. Gerade in den Erstaufnahmeeinrichtungen wechselt die Belegung praktisch täglich, auch die Deutschkurse werden mal besser, mal schlechter besucht. „Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Es kommt kein Trott in die Arbeit“, sagt Lisa Singer.

„In Regensburg ist die Hilfsbereitschaft groß“, sagt Lisa Singer. Fremdenfeindlichkeit sei kaum zu spüren, eher Unterstützung und Wertschätzung der Arbeit. Das sieht man auch den Spenden, die CampusAsyl erreichen. Trotz der ehrenamtlichen Arbeit braucht die Studenteninitiative Geld. Geld für neue Fußbälle oder Musikinstrumente. Im September etwa wollten sie das muslimische Opferfest in der Erstaufnahmeeinrichtung feiern – mit etwa sechshundert Gästen. Traditionell wird zu diesem Fest Hammelfleisch gegessen, das kostet. Eine Portion rund elf Euro, innerhalb weniger Tage waren alle Portionen bezahlt. Auch einige Studenten hatten gespendet. Nicht viel – aber wenigstens die elf Euro für eine Portion. Was die Hochschulgemeinde selbst nicht finanzieren kann, steuern Spender bei. „Wir müssen selten betteln“, freut sich Lisa Singer.

Der Initiative ist es wichtig, sich mit den Flüchtlingen zu beschäftigen. Das bedeutet: Sie wollen nicht nur helfen, wo dringend Hilfe gebraucht wird. Sie gehen auch den ersten Schritt der Integration, indem sie den Asylbewerbern zeigen, wie Deutschland funktioniert. Nicht auf die platte Art – pünktlich sein, ordentlich sein, sauber sein. Sie wollen verstehen, wer die Flüchtlinge sind, woher sie kommen, wie sie ihre Kultur und Religion leben. „Man muss das Thema der kulturellen Unterschiede schon thematisieren. Aber gerade auch für die Kirche ist es wichtig, sich mit anderen Kulturen zu beschäftigen“, sagt Johannes Stettner von der Sportaktion, der sich im Neuen Testament promovieren möchte.

Für den Initiator Hermann Josef Eckl ist es selbstverständlich, dass sich die Kirche für Flüchtlinge einsetzen muss: „Diese Hilfe geht auf das Prinzip der Nächstenliebe zurück. Das bedeutet, dass wir uns als Menschheitsfamilie verstehen. Wir als Christen sollten diese unbedingte Solidarität üben“, sagt der Studentenpfarrer.

Die Flüchtlingsproblematik hat sich noch nicht erledigt. Und solange das so ist, werden sich die Regensburger Studenten bei CampusAsyl engagieren. Sie wollen ihre Angebote weiter ausbauen und verbessern – bald sollen die Flüchtlinge nicht nur Fußball spielen können, sondern mit den Studenten auch schwimmen und laufen. Diese ersten Schritte auf dem Weg zur Integration in einem neuen Land sind klein. Aber sie sind wichtig.

www.campus-asyl.de

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