Von Erzbischöfen und Landesherren

1 700 Jahre Erzbistum Köln (Teil I): Eine Geschichte um Machtkämpfe, Gebietsschlachten und unerschütterlichen Glauben VON HARM KLUETING
Foto: KNA | Seit 1191 zieht der Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige zahlreiche Pilger in den Kölner Dom.
Foto: KNA | Seit 1191 zieht der Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige zahlreiche Pilger in den Kölner Dom.

Kommt man nach Hospental am Gotthardpass, so findet man dort über dem Eingang der Kapelle St. Karl eine Inschrift: „Hier trennt der Weg, o Freund, wo gehst du hin? Willst du zum ew’gen Rom herunterziehn. Hinab zum heil’gen Köln, zum deutschen Rhein. Nach Westen weit in’s Frankenland hinein?“ Ewiges Rom und heiliges Köln, Roma aeterna und die „hillige Stat van Coellen“ – zwei Hauptorte katholischen Glaubens, der eine mit dem Grab des Apostelfürsten unter der Peterskirche, der andere mit dem seit 640 dem heiligen Petrus geweihten Dom. Köln führte seit dem 12. Jahrhundert – wie nur Jerusalem, Konstantinopel und Rom – das Prädikat „sancta“ im Stadtnamen: „Sancta Colonia Dei Gratia Romanae Ecclesiae Fidelis Filia“ oder „Heiliges Köln von Gottes Gnaden, der römischen Kirche getreue Tochter“, was mit der Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln 1164 zusammenhing. Bis heute ruhen sie in dem Dreikönigsschrein von 1191 im Hochchor des Domes.

Köln ist nicht das älteste Bistum Deutschlands. Das ist Trier. Doch sind die beiden ersten, für kurz vor und um 300 genannten Trierer Bischöfe Eucharius und Valerius nur durch ihre im 5. Jahrhundert einsetzende Verehrung und aus den im Mittelalter angelegten Bischofslisten bekannt. Eindeutig belegt ist erst Agricius, der 314 an der Synode von Arles teilnahm. Die Teilnehmerliste verzeichnet auch Maternus, den ersten Bischof von Köln. Maternus wird auch als Teilnehmer der Bischofsversammlung 313 in Rom genannt, neben 15 italienischen und drei gallischen Bischöfen. Optatus von Mileve nennt um 360/70 die drei gallischen Bischöfe mit ihren Bistümern: Reticius von Autun, Marinus von Arles und Maternus von Köln. Somit als Bischof für Köln bezeugt, wird er seit etwa 760 auch als Bischof von Trier genannt, wo er sein Grab fand. Hier hat sich manches mit der im 10. Jahrhundert aufgekommenen Maternuslegende vermischt, nach der Maternus ein Schüler des Apostels Petrus gewesen sein soll. Wahrscheinlich empfing Maternus in Trier die Bischofsweihe, um als Bischof nach Köln zu gehen, und wurde in Trier bestattet, ohne Bischof von Trier gewesen zu sein. Wann er starb, ist nicht bekannt, wie auch von seinem Nachfolger Euphrates nur bekannt ist, dass er 343/44 an der Synode von Serdica teilnahm. Von vielen Bischöfen des 4. bis 8. Jahrhunderts kennt man nur die Namen.

Kunibert brachte die Verbindung mit dem Merowingerkönig Dagobert I. 634 Utrecht ein, bis Utrecht 695 selbst Bistum wurde; 1559 schied es als Erzbistum auch aus dem Kölner Metropolitanbezirk aus. Wichtiger als manche Bischöfe mögen die Klerikergemeinschaften an den Kirchen St. Gereon, St. Ursula und St. Severin in Köln, aber auch an St. Cassius in Bonn, St. Quirin in Neuss und St. Viktor in Xanten gewesen sein, aus denen nach der karolingischen Reform Kanoniker- oder Kanonissenstifte hervorgingen. In St. Gereon wurden die um 300 in Köln hingerichteten christlichen Soldaten der Thebäischen Legion verehrt, in St. Ursula die hl. Ursula und ihre elf Gefährtinnen, woraus die Legende 11 000 Jungfrauen machte. Die Verehrung der Märtyrer machte Köln früh zu einem bedeutenden Pilgerziel. Die älteste Kölner Bischofskirche wurde wohl schon im 4. Jahrhundert errichtet, und zwar an der Stelle des Chores des heutigen Domes. Noch im 5. oder im frühen 6. Jahrhundert trat ein zweiter Bau an ihre Stelle, der im 6. Jahrhundert durch einen dritten ersetzt wurde. Diese Kirche war der Vorgängerbau des seit etwa 800 erbauten, 873 geweihten Alten Domes, der Vorgänger des heutigen.

Konnte Köln den Niederrhein trotz des Verlustes von Utrecht bis nach Nimwegen, das bis 1559 zum Erzbistum Köln gehörte, ebenso wie große Teile der Eifel kirchlich erschließen, so blieb es doch bis in die Karolingerzeit ein peripheres Bistum. Das änderte sich mit der Christianisierung in Westfalen, nördlich der Lippe, zunächst durch die angelsächsische Mission nach 690. Dann durch Zwangsmissionierung unter Karl dem Großen seit 772, südlich des Flusses. Nach den Sachsenkriegen wurde das Land zwischen Rhein und Weser Teil des Frankenreiches und systematisch missioniert. 799 vereinbarten Karl der Große und Papst Leo III. in Paderborn die Errichtung der Bistümer Osnabrück, Münster, Paderborn und Minden. Südlich der Lippe brauchte man kein Bistum: der Bischofssitz war Köln – Folge der allmählichen Christianisierung von Köln aus. Kölns Oberhirte Hildebald führte seit 794/95 den Titel „Archiepiscopus“, Erzbischof. Mit ihm begann der Aufstieg Kölns als Metropolitansitz mit den Suffranganbistümern Lüttich, Utrecht, Münster, Osnabrück und Minden und bis 864 Bremen. 866 ließ Erzbischof Gunthar den Güterbesitz aufzeichnen und teilte den Besitz zwischen der Kathedrale und den sechs Hauptkirchen St. Gereon, St. Severin, St. Kunibert und St. Ursula in Köln, St. Cassius in Bonn und St. Viktor in Xanten. In der Guntharschen Güterumschreibung wird erstmals das Domkapitel erwähnt. Erzbischof Brun I., Bruder Kaiser Ottos I., förderte Köln als Pilgerstätte durch Erwerb von Reliquien etwa des heiligen Pantaleon und des Stabes des heiligen Petrus. Er gründete in Köln die Abtei St. Pantaleon, das spätere Benediktinerkloster Groß Sankt Martin, das Stift St. Andreas und das Frauenkloster St. Maria im Kapitol und in Soest das Patroklistift. Die größte Kölner Bischofsgestalt des 11. Jahrhunderts war Anno II., ein mächtiger Reichspolitiker, der von 1056 bis 1075 regierte und die Abteien Siegburg und Grafschaft im Sauerland und in Köln die Stifte St. Mariengraden und St. Georg gründete. Friedrich I., Erzbischof von 1100 bis 1131, gründete das Zisterzienserkloster Kamp und das Frauenkloster auf der Rheininsel Nonnenwerth. Rainald von Dassel, 1159 als Kanzler Kaiser Friedrichs I. auf den Kölner Erzbischofsstuhl gelangt, ragt vor allem durch den Erwerb der Gebeine der Heiligen Drei Könige hervor, die Köln endgültig zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte machten. Deren Verehrung und der Pilgerstrom waren der Grund für den Bau des heutigen Domes, der 1248 unter Konrad von Hochstaden nach einem Plan des Meisters Gerhard von Rille begonnen wurde. Um 1530 wurde er fertiggestellt. Unter Otto I. setzte die Übertragung wichtiger Reichsämter auf die Bischöfe ein – Heribert, Gründer der Abtei Deutz und Erzbischof von Köln seit 999, erhielt schon 994 als Mitglied der Hofkapelle Ottos III. die Würde des Reichskanzlers für Italien, die später den Kölner Erzbischöfen zukam, beginnend mit Pilgrim, Hermann II. und Anno II. im 11. Jahrhundert –, was unter den Kaisern des salischen Hauses weiter zunahm. Otto I. begann auch mit Schenkungen von Königsgut und der Überlassung königlicher Rechte wie Münz-, Markt- und Zollrecht an die Bischöfe, was 1220 in der „Confoederatio cum principibus ecclesiasticis“ des späteren Kaisers Friedrich II. bestätigt und zur Grundlage der bischöflichen Landesherrschaft und der bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts bestehenden geistlichen Fürstentümer wurde. Erzbischof Friedrich I. nahm die mit Burgenbau verbundene Territorialpolitik auf und trug so wie später Rainald von Dassel zum Aufbau des rheinischen Erzstiftes Köln bei, das in der Frühen Neuzeit mit dem Herzogtum Westfalen und dem Vest Recklinghausen den Kölner Kurstaat – räumlich kleiner als das Erzbistum – bildete. In Westfalen knüpfte die durch Burgen und Städtegründungen abgesicherte Territorialbildung an Grundbesitz der Kölner Kirche um Soest, Werl und im Sauerland an. Die Übertragung der sächsischen Herzogswürde Heinrichs des Löwen auf Philipp von Heinsberg 1180 bestätigte bereits bestehende Machtverhältnisse, ähnlich wie die Übertragung der rheinischen Herzogswürde auf Arnold II. von Wied 1151 im Rheinland, bevor das kölnische Territorium in Westfalen durch die Grafschaft Arnsberg abgerundet wurde, die Graf Gottfried IV. dem Erzbistum 1368 übertrug. Die Territorialpolitik verstrickte die Erzbischöfe in politische Kämpfe mit den seit dem 12. Jahrhundert aufsteigenden weltlichen Dynasten, denen Erzbischof Engelbert I. von Berg zum Opfer fiel, als er 1225 von Leuten des Grafen Friedrich von Isenberg erschlagen wurde. Die Zeit von der Mitte des 13. bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts stand im Zeichen kriegerischer Konflikte mit den Grafen von der Mark und den Herzögen von Kleve. Der politische Machtaufstieg der Erzbischöfe wurde durch die Niederlage Siegfrieds von Westerburg in der Schlacht von Worringen 1288 gebrochen. Damit nahm die politische Autonomie der 1475 von Kaiser Friedrich III. zur Reichsstadt erhobenen Stadt Köln ihren Anfang, was die Erzbischöfe zur Verlegung ihrer Residenz nach Brühl und Bonn veranlasste; Kathedrale und Domkapitel verblieben in Köln. In der Soester Fehde, 1444 bis 1449, unterlag Dietrich von Moers dem Herzog von Kleve, wodurch Soest der Landesherrschaft der Erzbischöfe – nicht dem Erzbistum – verloren ging. Daran änderte ihr Status als Kurfürsten nichts. Seit 1198 hatte sich das in der Goldenen Bulle von 1356 festgelegte Privileg der Königs- und später Kaiserwahl durch die Kurfürsten herausgebildet.

Im 16. Jahrhundert sahen sich die Erzbischöfe mit der wachsenden Macht der Herzöge von Kleve – seit 1521 waren die Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg und die Grafschaften Mark und Ravensberg vereinigt – und mit dem Protestantismus konfrontiert. Viele Pfarreien gingen verloren, vor allem in der Grafschaft Mark und in und um Soest, wo nur das Patroklistift, das Dominikaner- und das Minoritenkloster katholisch blieben. 1542 richtete der Erzbischof selbst, Hermann V. von Wied, im Erzstift Köln und im Herzogtum Westfalen ein evangelisches Kirchenwesen ein. 1582 trat Erzbischof Gebhard Truchsess von Waldburg zum Protestantismus über und stellte Landständen und Städten der kölnischen Territorien die Wahl der Konfession frei. Über den Reformationsversuch Hermanns von Wied entschied die Niederlage der protestantischen Fürsten im Schmalkaldischen Krieg von 1546, über Gebhard Truchsess der Sieg der bayerischen Truppen im Kölnischen Krieg von 1583 bis 1585. Mit Ernst von Bayern begann 1583 die lange Reihe der bayerischen Prinzen auf dem Kölner Erzbischofsstuhl, die bis 1761 andauerte. Von ihnen verbreitete Clemens August, Schlossherr von Augustusburg in Brühl, den größten höfischen Glanz. Die größten Probleme brachte sein Vorgänger Joseph Clemens, dessen umstrittene Wahl gegen den Konkurrenten Wilhelm Egon von Fürstenberg 1688 in den Pfälzischen Krieg und zur Zerstörung von Bonn und Brühl führte und dessen Bündnis mit Ludwig XIV. im Spanischen Erbfolgekrieg, 1701 bis 1714, die Okkupation von Bonn, die Zerstörung von Kaiserswerth und das jahrelange Exil des Erzbischofs in Frankreich nach sich zog. Ferdinand, der 1612 Ernst als Erzbischof folgte, und sein Nachfolger Maximilian Heinrich sorgten für die Befestigung des katholischen Glaubens und die Umsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient, womit Köln zum Bollwerk des Katholizismus wurde. Nach 1761 folgten noch Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels und Maximilian Franz von Österreich. Das Ende des alten Erzbistums Köln kam mit den französischen Revolutionstruppen, die 1794 das linksrheinische Gebiet besetzten. Das Domkapitel wich nach Arnsberg aus, wohin auch der Dreikönigsschrein gebracht wurde. 1801 starb Maximilian Franz. Das Domkapitel wählte einen Nachfolger, doch fand die Wahl keine Anerkennung mehr. Durch das Konkordat Napoleons mit Pius VII. von 1801 wurde das Erzbistum Köln auf der linken Rheinseite aufgehoben und 1802 in Aachen ein Bistum errichtet. Nur auf der rechten Rheinseite bestand das Erzbistum Köln mit vakantem Bischofssitz formal bis 1821 fort.

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