Vom Sinn und Werden der Messfeier

Liturgische Gestalt und theologischer Gehalt der Eucharistie: Helmut Hoping zur Förderung der „Reform der Reform“. Von Manfred Hauke

Das neue Werk über die Geschichte und Theologie der Eucharistie von Helmut Hoping unternimmt „den Versuch, den theologischen Gehalt der Eucharistie soweit wie möglich ausgehend von ihrer historisch gewachsenen liturgischen Feiergestalt zu erschließen“. Dies entspricht dem Aufgabenbereich des Verfassers, der an der Universität Freiburg im Breisgau Dogmatik und Liturgiewissenschaft lehrt. Als „formale Perspektive“ erscheint „das dogmatische Frageinteresse“, wobei freilich die Geschichte ausführlicher entwickelt wird als die systematische Darstellung.

Das biblische Kapitel konzentriert sich auf das Letzte Abendmahl. Dessen Ursprung im Wirken und Willen Jesu wird herausgestellt gegen eine Ableitung aus den Mählern mit den Sündern, aus der Praxis der frühen Kirche (Bultmann) oder den hellenistischen Mysterien. Das „Blut des Bundes“ ist ein Zeichen der stellvertretenden Sühne Jesu und wird „denen gereicht, die mit Christus verbunden sind“. Von daher ist das „pro multis“ „sachlich nicht identisch mit ,für alle‘“ oder gar, wie ein Freiburger Kollege von Hoping behauptet, mit der Hoffnung auf die Allversöhnung. Zur umstrittenen Frage, ob das Letzte Abendmahl ein Paschamahl war, meint der Verfasser, im Sinne der johanneischen Chronologie, dass Jesus vor dem jüdischen Osterfest „sein eigenes Pascha stiftete“. Die johanneische Brotrede schreitet voran „von einem geistig-personalen zu einem ,sakramentalen‘ Verständnis des wahren Himmelsbrotes“. Der geschichtliche Befund setzt ein mit einem Kapitel über die frühchristliche Zeit. Zur Diskussion, ob die Einsetzungsworte Jesu („Verba Testamenti“) von Anfang an im Eucharistischen Hochgebet vorhanden waren, betont Hoping: Schon die Berichte der Evangelien über das Letzte Abendmahl sind von der liturgischen Tradition beeinflusst, auch wenn es offen bleibt, ob stets überall und von Anfang an die Herrenworte rezitiert worden sind. Zur Sprache kommen dabei auch die Diskussionen über die ostsyrische Anaphora von „Addai und Mari“ sowie über die eucharistische Prägung der Didache. Zu bedenken ist auch der Hinweis des heiligen Basilius auf die Bedeutung der nicht schriftlich festgehaltenen, aber verbindlichen liturgischen Praxis. Es folgt eine gut dokumentierte Synthese über die Zeit der Kirchenväter. Hoping schließt sich der (nach wie vor umstrittenen) These an, wonach die „Apostolische Überlieferung“ nicht von Hippolyt stammt, sondern aus dem vierten Jahrhundert in Westsyrien. Deren Anaphora bildet die – freilich sehr selektiv gebrauchte – Vorlage des heutigen zweiten Hochgebetes. Sie entspreche nicht, wie von der Liturgiereform Pauls VI. vorausgesetzt, der römischen Überlieferung. Für die mittelalterliche Entwicklung wird zu Recht auf die Bedeutung der eucharistischen Wunder hingewiesen (zum Beispiel Lanciano). Ausführliche Darlegungen finden sich über den Römischen Kanon sowie über die systematischen Aspekte der Wesensverwandlung. Weitere Kapitel befassen sich mit der Reformation und dem Konzil von Trient, der Geschichte der „tridentinischen“ Messe, dem Zweiten Vaticanum und der Messbuchreform sowie der konkreten Gestalt der Messfeier im römischen Ritus. Dabei kommen auch der „Ordo Missae“ von 1962 sowie die Anliegen des Motu proprio „Summorum Pontificum“ zur Geltung. Hoping empfiehlt eine Rückkehr zur gemeinsamen Gebetsausrichtung, wobei die Gläubigen „zusammen mit dem Priester in danksagender Anbetung das eucharistische Opfer darbringen“.

In dem Kapitel über die ökumenischen Aspekte überrascht die Aussage, wonach in Einzelfällen auch evangelische Christen bei der Trauung mit einem Katholiken die Kommunion empfangen dürfen und folglich auch in der Sonntagsmesse. Besteht bei der Trauung wirklich eine „schwere Notlage“ (oder eine Todesgefahr), die das kanonische Recht für einen solchen Fall verlangt? (CIC, can. 844 § 4) Zu erwähnen wäre hier auch die Enzyklika „Ecclesia de Eucharistia“ (2003, Nr. 46), wonach für den Empfang der Eucharistie der katholische Glaube bezüglich des Sakramentes vorauszusetzen ist: Wird beispielsweise die „Notwendigkeit des Weihepriestertums zur gültigen Spendung“ abgelehnt, dann folgt daraus, „dass der Bittsteller nicht für ihren rechtmäßigen Empfang disponiert ist“ (vgl. auch Instruktion „Redemptionis sacramentum“, 2004, Nr. 85).

Erklärungsbedürftig scheint auch die Meinung, bezüglich der eucharistischen Realpräsenz gäbe es keine „trennende Differenz“ mehr zwischen katholischer Kirche und dem protestantischen Abendmahlsverständnis gemäß der Orientierungshilfe der EKD aus dem Jahre 2003. Sind Transsub-stantiation und Konsubstantiation wirklich nur unterschiedliche „Modelle“ zum Verständnis der Realpräsenz? Sind die substanzielle Gegenwart Christi mit seinem verklärten Fleisch und Blut und seine Anbetung unter den heiligen Gestalten überhaupt denkbar ohne die Wesensverwandlung? Eine genauere Formulierung bräuchte es wohl auch bei der Aussage über „die konstitutive Bedeutung“ der Epiklese für das eucharistische Hochgebet; wäre damit die ausdrückliche Anrufung des Heiligen Geistes für die Verwandlung der Gaben gemeint, dann gäbe es bei der Verwendung des römischen Kanons keine Wandlung.

Das abschließende Kapitel skizziert den theologischen Sinngehalt der Eucharistie als „danksagende Darbringung“ und als „Sakrament der Gabe“. Klärungsbedürftig scheint hier die philosophische Grundlage, die Hoping von Bernhard Welte ausgehend als „relationale Ontologie“ beschreibt. Nach Welte werden die Dinge erst im menschlichen Denken „sie selbst“. So ändert sich bei einem Tuch nichts, wenn es als Nationalflagge benutzt wird, sondern nur sein Bezug zum Menschen. Es gehe hier um eine „personale“ im Unterschied zu einer „dinghaften“ Gegenwart. Nun spricht zwar Hoping von der „somatischen Realpräsenz“ Christi und will die Gegenwart des Herrn nicht an das Bewusstsein der Gläubigen binden.

Auf der anderen Seite stellt er die „personal-sakramentale“ Gegenwart Christi einem „substanzhaft-dinglichen“ Verständnis gegenüber. Die personale Gegenwart Christi ist aber durchaus substantial zu verstehen. Für die Annahme der Wesensverwandlung reicht eine „relationale Ontologie“ nicht aus, die den Eigenstand der materiellen Wirklichkeit (die verwandelt wird) philosophisch nicht ernst nimmt (was zum Beispiel Leo Scheffczyk bei Welte moniert).

Dieser Punkt wäre auch für die Deutung des Tridentinums wichtig, die Hoping mit Rahner und Schillebeeckx von dessen ontologischen Voraussetzungen trennen möchte. Nach Meinung des Rezensenten wäre hier eine systematische Abklärung der angedeuteten Spannungen sinnvoll.

Diese kritischen Bemerkungen sollen aber in gar keiner Weise den hohen Wert des Werkes Hopings über die Eucharistie mindern. Aufmerksame Leser finden hier eine Fülle von Anregungen, um das Werden und den Sinngehalt der Messfeier vollständiger zu erfassen. Sehr ausgewogen erscheint beispielsweise die Bewertung der Liturgiereform für die Feier der Eucharistie – mit ihren Errungenschaften und Schattenseiten. Erhellend ist die Beschreibung der Hintergründe für die Notwendigkeit, das Messbuch neu zu übersetzen. Die Lektüre des Werkes ist eine wertvolle Hilfe, um die von Papst Benedikt XVI. gewünschte „Reform der Liturgiereform“ besser zu verstehen.

Helmut Hoping: Mein Leib für euch gegeben. Geschichte und Theologie der Eucharistie, Herder-Verlag, Freiburg i.Br. 2011, 494 Seiten, EUR 32,–

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