Vom Glauben erzählen verbindet

Der Bund Katholischer Unternehmer thematisiert die Rolle der Religion in der Wirtschaft mit Christen und Muslimen. Von Heinrich Wullhorst
Foto: Underberg AG | Hubertine Underberg-Ruder.
Foto: Underberg AG | Hubertine Underberg-Ruder.

Sankt Augustin (DT) Eine neue Form des Austausches zwischen christlichen und muslimischen Akteuren in der Wirtschaft sucht der Bund Katholischer Unternehmer (BKU). Eine Veranstaltungsreihe, die kürzlich gemeinsam mit dem Katholisch-Sozialen Institut, der Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Referat Dialog und Verkündigung des Erzbistums Köln in der Hochschule der Steyler Missionare in Sankt Augustin bei Bonn startete, soll den Dialog in Gang bringen.

Bei der Auftaktveranstaltung unter dem Titel „Die Rolle von Religion in Wirtschaft und Gesellschaft“ rief der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki Christen und Muslime dazu auf, im Alltag und im Beruf stärker zusammenzuarbeiten. Zur Rolle der Wirtschaft stellte er fest, Papst Franziskus habe immer wieder unterstrichen, dass Geld dienen müsse und nicht regieren. Der Heilige Vater warne zu Recht vor der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht. Um Wirtschaft und Gesellschaft ein menschliches Antlitz zu geben, sei es, so Woelki, erforderlich, neue Formen des Austausches zwischen christlichen und muslimischen Unternehmern zu entwickeln. Nur so könne man die Herausforderungen der Zeit bewältigen. Eine der großen Aufgaben, die nur gemeinsam zu schultern sei, ist nach der Auffassung des Kardinals die Bewahrung der Schöpfung. Zentral ist für den Kölner Oberhirten dabei die Wertschätzung, die man der jeweils anderen Seite entgegenbringen müsse.

„Die Auswirkungen der Globalisierung sind nicht allein wirtschaftlicher Natur“, betonte Woelki. „Sie betreffen auch die religiöse DNA unserer Gesellschaft.“ Als Christen agiere man heute auf einem Feld mit vielen Anhängern anderer Religionsgemeinschaften. Dazu kämen viele Menschen, die keine religiöse Bindung mehr haben oder sie sogar niemals hatten. Diese Ausgangslage erfordere die Bereitschaft zu Dialog und Austausch, wie sie im Konzilstext „Nostra aetate“ festgeschrieben sei. Von besonderer Bedeutung sei dabei der Islam, der inzwischen zur drittgrößten Religionsgemeinschaft in Deutschland geworden sei. „Die vier Millionen Muslime in Deutschland stellten aber auch eine wirtschaftliche relevante Größe dar“, betonte Woelki. Für Unternehmen stelle sich zunehmend die Frage nach der Zusammenarbeit mit muslimischen Unternehmen. Im Betrieb selbst könne man für die Angehörigen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften ein Lebensumfeld schaffen, „das Religion positiv aufgreift“. Das Ermöglichen des Fastens eines muslimischen Mitarbeiters im Ramadan könne in einem Betrieb zwar zunächst irritieren. Es könne aber auch zu etwas werden, was man wertschätzen könne, erklärte Woelki. Von zentraler Bedeutung sei auch der interreligiöse Dialog im Alltag. Bereits heute finde er an vielen Stellen statt. Hierzu gehören nach Meinung des Kardinals Kindergärten und Schulen als Orte des interreligiösen Lernens. Hier könne Religion zum Thema werden, in dem man „den anderen nach seiner Religion befragt und von dem eigenen Glauben erzählt“. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen sei es wichtig, Werte und spirituelle Erfahrungen zum Gegenstand des Austausches machen.

Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen

Ein sicheres Fundament wie der Glaube sei für Menschen, die in Verantwortung in Politik und Wirtschaft ständen, eine wichtige Voraussetzung, betonte der Kardinal: „Wir sind Teil eines Gemeinwesens, die Gemeinschaften, denen wir angehören tragen uns und wir werden von ihnen getragen.“ Der freiheitliche Staat könne nur dann bestehen, wenn sich seine Freiheit von innen her, aus der moralischen Substanz des Einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft reguliere, zitierte der Kardinal den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde. Der Staat habe dabei die weltanschauliche Freiheit seiner Bürgerinnen und Bürger zu achten.

„Die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und nicht nur dem unternehmerischen Profit“, betonte der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein die zentrale Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft. Bedenklich findet er es allerdings, dass die jüngsten Vorfälle rund um die Deutsche Bank, Siemens oder Volkswagen oftmals ein anderes Bild in der Öffentlichkeit präsentierten. Deshalb sei er froh, dass es Unternehmer gebe, „die aus christlicher Verantwortung heraus handeln und das auch deutlich nach außen betonen“. Als Protestant beneide er die katholische Kirche um einen so starken Verband wie den Bund Katholischer Unternehmer. Beckstein forderte für alle Bereiche der Gesellschaft wieder eine stärkere Bedeutung der Religion. Dadurch ließen sich auch Ängste abbauen. „Unsere leeren Kirchen machen mir mehr Sorgen als volle Moscheen“, stellte Beckstein fest.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, freute sich über die Aufnahme des Dialogs zwischen katholischen und muslimischen Unternehmern. Im Koran sei die Gemeinpflicht des Eigentums ebenso festgeschrieben wie der Einsatz für die Gesellschaft als Teil der Lebensführung. Auch fordere das Buch der Muslime ein gemeinnütziges Engagement, das sich in der Abgabe für die Armen und Bedürftigen manifestiere. Sie sei eine der fünf Säulen des Islam. 2, 5 Prozent des Eigentums, das ein Moslem „auf der hohen Kante“ habe, müsse er für wohltätige Zwecke einsetzen.

Muslimen fehlt professionelle Wohlfahrtsstruktur

Allerdings werde dieses Gebot zu seinem Bedauern gerade auch in den superreichen Golfstaaten nicht immer umgesetzt, kritisierte Mayzek. Besonders dort könne man deutlich mehr für das Gemeinwohl tun. „Wenn jeder Reiche in (diesen Ländern 2, 5 Prozent seines Vermögens einsetzen würde, würden wir auf der Welt keine Armut mehr haben“, betonte Mayzek unter dem Beifall des Publikums. Auch die Bewahrung der Schöpfung sieht der Verbandsvorsitzende als Auftrag an, der sich sowohl an Christen als auch an Muslime richtet.

Günther Beckstein kritisierte ein herabgesetztes Engagement der Moscheevereine, wenn es um die Betreuung der Flüchtlinge gehe, die ja zum größten Teil Muslime seien. Dem trat der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime allerdings entgegen. Vor Ort gebe es durchaus eine große Bereitschaft zum Einsatz in der Flüchtlingshilfe. Allerdings fehle es den muslimischen Verbänden an einer professionellen Wohlfahrtsstruktur, wie sie bei Caritas oder Diakonie vorhanden sei. Das gehe einher mit zu wenig hauptamtlicher Begleitung der ehrenamtlichen Strukturen.

Die katholische Unternehmerin Hubertine Underberg-Ruder machte deutlich, was aus ihrer Sicht die Rolle des Unternehmers in der heutigen Zeit prägt: „Wir wollen etwas unternehmen und nicht etwas unterlassen.“ So stehe das Handeln im Mittelpunkt. „Unser Tun ist wichtig für die Glaubwürdigkeit.“ Wenn dies nicht stimme, nutze alles Reden nichts. Sprachfähig müssten Unternehmer allerdings auch im Hinblick auf das Thema Religion sein. Hierzu sei im übrigen jeder einzelne Christ aufgerufen. Das Reden über Religion und Glaube dürfe man nicht den theologischen Experten überlassen. Aus ihrer langjährigen unternehmerischen Erfahrung heraus kann ein Dialog übrigens nur dann funktionieren, wenn beide Seiten einen klaren und deutlichen Standpunkt haben. Wenn dieser nicht vorhanden sei, scheitere jeder Versuch eines Austausches. Dazu gehöre für einen katholischen Unternehmer das Bekenntnis zur Katholischen Soziallehre und zum Auftrag der Bewahrung der Schöpfung. Als großes Hemmnis in der Dialogfähigkeit benannte Underberg-Ruder die Unkenntnis vieler Menschen über das, was die andere Religion ausmache. Oft fehle die Kenntnis über theologische und historische Zusammenhänge. Dazu komme, dass es innerhalb der verschiedenen Religionen vielfach eine inhaltliche Zersplitterung gebe. Dies verstelle oftmals den klaren Blick auf das, was die Religion wolle. Um einen Dialog ehrlich anzugehen, sei es nach ihrer Auffassung allerdings auch erforderlich, zunächst einmal „die Probleme vor der eigenen Haustür zu lösen“. Dazu gehört für die Unternehmerin vom Niederrhein die Aufgabe, die ökumenische Zersplitterung innerhalb der eigenen Religion zu überwinden.

Zum unternehmerischen Selbstverständnis merkte Underberg-Ruder an, dass auch ein christlicher Unternehmer wirtschaftlichen Realitäten nicht ausweichen könne. Wichtig sei es allerdings gerade in für das Unternehmen schwierigen Situationen, das Zwiegespräch mit Gott zu suchen. Bei schmerzhaften Einschnitten im Unternehmen dürfe man die menschliche Komponente nicht aus den Augen verlieren. Derartige Situationen gebe es auch in der Politik, beschrieb Beckstein. Er betonte in den vielen Jahren seines politischen Handelns vor wichtigen Entscheidungen immer mal wieder ein Stoßgebet zum Himmel geschickt zu haben; dabei solle man es allerdings nicht belassen, sondern auch nach dem Überstehen einer schwierigen Situation „den Dank an den lieben Gott nicht vergessen“.

Die Veranstaltungsreihe zum christlich-muslimischen Unternehmerdialog wird mit sechs weiteren Veranstaltungen in diesem Jahr fortgeführt. Am 6. April 2016 geht es in der Yunus-Emre-Moschee in Aachen um Fragen der Unternehmensethik.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer