Verzeihung zeigt die Macht des Schöpfers

Betrachtungen zum Vaterunser (Teil X): Zuerst müssen wir vergeben. Von Klaus Berger

Nach dem alttestamentlichen Buch Jesus Sirach 27, 30–28, 5 war den Juden zur Zeit Jesu bekannt, dass man vor dem Gebet um Versöhnung selbst vergeben musste: „Vergib das Unrecht deinem Nächsten, dann werden, wenn du sündigst, deine Sünden auch vergeben. Der Mensch hält gegen einen andern fest am Zorn, und da will er Heilung suchen bei dem Herrn? Mit seinesgleichen kennt er kein Erbarmen, und wegen seiner Sünden bittet er? Er ist doch selbst nur Fleisch und hält am Zorne fest, wer wird da seine Sünden sühnen können?“

Jesus selbst bindet die Erhörung der Gebete an die Versöhnung der Christen untereinander. Deshalb sagt er in Markus 11, 25: „Und wenn ihr dasteht und betet, vergebt jedem, gegen den ihr etwas habt. Dann wird euer Vater im Himmel auch euch eure Verfehlungen vergeben.“

In der Matthäus-Fassung des Vaterunsers folgt auf das Vaterunser nach der Erlösungsbitte noch ein Kommentar Jesu zu gerade diesem Punkt“: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euch auch euer Vater im Himmel vergeben. Wenn ihr das nicht könnt, kann auch Gott euch nicht vergeben.“ (Mt 6,14f). Ähnlich denkt Paulus in 1 Tim 2, 8: „Wenn Männer die Hände zum Gebet ausstrecken, dürfen es nur heilige Hände sein, das heißt: Hände von Menschen, die frei sind von Zorn und frei von dummem Gerede.“

Der Apostel Petrus droht den Männern, all ihr Beten sei umsonst, wenn sie ihre Frauen nicht angemessen ehren. In der syrischen Apostellehre mahnen die Apostel: „Verzeih dem Bruder und wenn du es um des Bruders willen nicht tun magst, so tue es wenigstens um deiner selbst willen, damit du erhört wirst, wenn du betest und ein angenehmes Opfer dem Herrn darbringst.“ Der Leser wird sich erinnern: Schon in der Bergpredigt hält Jesus die Jünger dazu an, sich mit dem Bruder zu versöhnen, bevor einer zum Altar geht. Für Gebet und Opfer gelten daher dieselben Vorbedingungen. Das heißt: Gott kann mit einem Menschen nur dann etwas anfangen, wenn der Mensch zuvor mit seinem Nächsten eins geworden ist. Denn in allen diesen Texten geht es um dasselbe Denken: Wo Menschen das einfache Einssein mit anderen Menschen nicht fertigbringen, können sie keinen Frieden, kein Einssein mit Gott, erwarten. Denn der Abstand zwischen Gott und Mensch ist doch viel größer als der zwischen Mensch und Mensch. Ein Mensch, der von Gott Vergebung erwartet, muss zuvor ein kleines Vorbild für das erwartete Handeln Gottes liefern. Nur auf diese Vorleistung von Vergebung und Einssein hin kann Gott reagieren.

Wenn wir daher im Vaterunser sagen: Vergib, wie auch wir vergeben haben, so liegt eine Art Selbstempfehlung zugrunde. Wenn wir so Gott (im vorhinein) auch nur andeutungsweise ähnlich werden, fühlt Gott sich durch dieses Beispiel menschlichen Miteinanders im positiven Sinne des Wortes „gereizt“ und zu entsprechendem Handeln herausgefordert. Jesus überrascht hier seine Jünger durch seine Rede, weil anders als sonst nicht Gott mit seinem Handeln das Vorbild der Menschen ist, sondern Menschen in bestimmter und begrenzter Hinsicht das Vorbild für Gott. Denn Gott kann und wird das Tun dieser Menschen überbieten.

Wenn aber jemandem dieses Einssein mit seinem Bruder oder seiner Schwester gelingt, dann gilt ihm die Verheißung paradiesischer, schöpferischer Macht für den, der eins ist mit dem Bruder. Dieses hat große Bedeutung für das Verständnis der Eucharistie, denn sie ist das Sakrament der Einheit, und da diese Einheit als Einheit der Kirche durch die apostolische Sukzession über die Völker und die Jahrhunderte hin gegeben ist.

Gott bindet seine Amnestie an unser vorgängiges Friedenschließen unter Menschen. Denn Gott ist kein Amnestie-Automat. Wahrscheinlich ist der Sinn dieser strengen Regel, dass wir selbst spüren, wie schwer schon Vergebung unter Menschen ist. In der Tat: Vergebung ist das Schwerste. Wenn wir das ahnen, dann können wir dankbar sein.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier