Verkündigung und Verantwortung

Theologie für Anfänger von Frank Sheed. Von Barbara Stühlmeyer

Frank Sheeds Leben erzählt eine ganz besondere Geschichte. Denn der am 20. November 1897 in Sydney, Australien, geborene Schriftsteller und Verleger trat in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Laientheologe in Erscheinung, als es dieses Berufsbild noch gar nicht gab. Katholik war Sheed, der auf Drängen seines Vaters protestantisch erzogen worden war, aber mit sechzehn Jahren zur katholischen Kirche konvertierte, aus tiefster Überzeugung. Und deshalb fühlte er sich verantwortlich für die Weitergabe des Glaubens. Gemeinsam mit seiner Frau Maisie gründete er, nach London übergesiedelt, einen Verlag, in dem so renommierte Autoren wie Karl Adam, Gilbert Keith Chesterton, Hilaire Belloc, Evelyn Waugh, Christopher Dawson, Ronald Knox und Hugh Pope ein Zuhause fanden. Und auch Sheed selbst publizierte unablässig. Immer stand dabei das Leben aus dem Glauben im Fokus, egal ob er in „A Map of Life“ Wegweiser zum Leben gab, in „Theology and Sanity“ den Zusammenhang zwischen geistlichem Leben und ganzheitlichem Wohlbefinden herstellte, in „What Difference Does Jesus Make“ den entscheidenden Unterschied herausarbeitete, den ein Leben mit Jesus macht oder in „Marriage and the Family“ in das Geheimnis einer christlichen Ehe einführte – Sheeds Bücher sind immer Fundgruben, in denen sich eine Fülle nützlicher und weiterführender Ratschläge für ein geistliches Leben finden und zugleich ein Füllhorn gut durchdachter theologischer Grundgedanken.

Das gilt auch für „Theologie für Anfänger“, das in der gut lesbaren Übersetzung von Vilma Sturm genauso begeistert wie im prägnanten englischen Original. Wer Sheed liest, hört gleichsam die Stimme dieses für den Glauben glühenden Schriftstellers, der nicht nur ein begeisternder Autor, sondern auch ein mitreißender Redner war. In England gab und gibt es bis heute Orte, an denen jeder, der möchte, zu den Dingen, die ihn bewegen, das Wort ergreifen kann. Frank Sheed war einer, der diese Orte nutzte, um etwas zu tun, was damals und mitunter auch heute noch als alleinige Aufgabe der Priester galt und gilt. Eigentlich ist aber, davon war Sheed überzeugt und das strahlt auch sein Buch „Theologie für Anfänger“ aus, jeder Christ berufen, über die Hoffnung Auskunft zu geben, die ihn erfüllt.

Sheed war schon in jungen Jahren von dem Wunsch beseelt, mehr über seinen Glauben zu erfahren. Er bedauerte damals, dass das Studium der Theologie nur Priesteramtskandidaten offenstand. Auch später, als er schon ein renommierter Autor und vielgefragter Redner war, staunte er oft darüber, wie wenig interessiert selbst gläubige Katholiken daran sind, mehr über die Dreifaltigkeit, die Natur des Menschen, das übernatürliche Leben, den Sündenfall, den Erlöser und die Erlösung, die sichtbare Kirche, den mystischen Leib Christi, die Sakramente oder die Gnade zu erfahren. Die Lösung, die er für das Problem des Desinteresses anbietet, ist in seinem einem spirituellen Springquell gleichenden Buch zu finden. Sein Ansatz ist im Kern philosophisch oder besser fideisophisch. Denn Sheed liebt den Glauben so, dass er nicht aufhören kann, über dessen Geheimnisse nachzudenken. Dabei kommt er, ähnlich wie ein guter Erzähler, der eine spannende Geschichte zum Besten gibt, vom Hundertsten ins Tausendste. Scheinbar. Denn bei aller Detailverliebtheit und Gründlichkeit seiner Darstellung verfolgt der Autor einen klaren Plan. Und genau deshalb liest man sein Buch, obwohl es komplexe Inhalte behandelt, sehr gern. Denn er versteht es, die großen Themenblöcke so zu gliedern, dass zum einen die ihnen zugrundeliegenden Kernthemen gut beleuchtet, zum anderen erhellende Seitengedanken, die zum Nachsinnen und Weiterdenken einladen, ausgeführt werden. Sheed scheut sich nicht, prägnant zu sein, wenn er beispielsweise im Kapitel über die Mutter Gottes ein Unterkapitel „Der Sohn, der seine Mutter aussuchte“ nennt. Seine sprachliche Stärke liegt in jener Mischung aus unkonventionellem Ausdruck und komplexen Denkfiguren, in die er jedoch Schritt für Schritt einführt und sie so nachvollziehbar macht.

Für Frank Sheed ist, Theologie zu studieren und zwar nicht nur einmal für ein paar Semester, sondern sein Leben lang, eine Frage der Liebe. Weil er Jesus und seinen Leib, die Kirche, über alles liebt, will er so viel wie möglich darüber in Erfahrung bringen. Er ist davon überzeugt, dass zu viel Wissen zwar das Herz verhärten und zu unangemessenem Stolz führen kann, dass Wissen im Allgemeinen aber der Liebe dient.

Zugleich konstatiert er in seinem Vorwort lakonisch, dass diese seine Liebe zu Gott, zu Jesus Christus, seiner Kirche und zur Theologie ebenso unerklärlich ist wie jede andere Liebe auch. Sätze wie diese sind es, die den Autor des Buches so sympathisch erscheinen lassen. Er ist von glühendem Eifer beseelt, zugleich aber überaus höflich und zurückhaltend. Er bietet seine Botschaft an, drängt sie aber nicht auf. Er setzt aber alles daran, jene zu entflammen, die zunächst aus frommem Pflichtgefühl, aber mit wenig Begeisterung in seine Vorträge kamen. Und genau dies gelingt ihm. Denn das, was Sheed in seiner Theologie für Anfänger anbietet, ist kein trockenes Hochschulwissen, es ist Nahrung für die Seele. Ebenso wie der heilige Benedikt es in seiner Regel tut, weist auch Sheed immer wieder darauf hin, dass sein Buch wie alle guten theologischen Schriften letztlich eine dienende Funktion und deshalb die persönliche Begegnung mit Jesus Christus zum Ziel hat. Sein Ansatz ist nicht informativ, sondern performativ – wandelnd. Deshalb empfiehlt der Autor auch immer wieder, zur heiligen Schrift zu greifen, hier und da etwas nachzuschlagen, und auch sein Buch selbst steckt voller Querverweise. Spätere Kapitel beziehen sich oft auf Inhalte, die er in einem anderen Zusammenhang bereits angesprochen hat, und wie ein guter Pädagoge legt Sheed dem Leser dann nahe, das entsprechende Kapitel noch einmal zu vertiefen, um den Inhalt des neuen umso besser aufnehmen zu können. Sein theologischer Ansatz ist wohltuend konservativ. Er bewahrt das überlieferte Wissen. Sein Ziel ist es, den Glauben zu stärken, nicht den Zweifel zu säen. Letzteres kam in Sheeds letzten Lebensjahrzehnten sehr in Mode und er hielt wenig davon. Denn alte Bilder abzuhängen ist schön und gut. Aber was geschieht, wenn nichts die Leere füllt? Deshalb ist sein Ansatz ein anderer. Dort, wo er genau nachfragt, prüft und abwägt, weiß er im Vorhinein, dass er seine Leser nicht in die Wüste führt, um sie dort verhungern zu lassen, er hat vielmehr das gelobte Land fest im Blick. „Theologie für Anfänger“ ist eine überaus lohnende, geistreiche, gedankentiefe mitunter auch heitere Lektüre. Im Theologiestudium sollte sie eine gern gelesene Pflichtlektüre sein, allen anderen sei sie warm ans Herz gelegt.

Frank Sheed: Theologie für Anfänger. Lepanto Verlag, 2016, 243 Seiten, ISBN 978-3-942605-11-3, EUR 19,80

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