Unter Unverdrossenen

Die Herde ist kleiner geworden, der Wille zum Bekenntnis aber ungebrochen. Der Kongress „Freude am Glauben“ bot ein Alternativprogramm zu geschwätzigen Diskussionen innerhalb der Kirche. Von Regina Einig
Der hohe Dom zu Fulda: St. Salvator
Foto: (62425449)

Grell dringt der Gongschlag durch das Erdgeschoss des Fuldaer Kongresszentrums Esperanto. Im Vortragsraum warten dicht bestuhlte Reihen auf die Teilnehmer des Kongresses „Freude am Glauben“. Vorfreude liegt auf den Gesichtern, auch wenn etliche Stühle frei bleiben. Die Besucher tauchen ein in die Atmosphäre eines gelösten Familientreffens. Und wie in der Familie begegnen sich verschiedene Generationen und Temperamente. Elegant gestylte Damen, bodenständige Mannsbilder mit Hosenträgern über karierten Hemden, Senioren, junge Paare mit Kindern, betagte Geistliche, junge Ordensfrauen und beschwingte Pfadfinder verwandeln die Räume des Kongresszentrums für drei Tage in ein katholisches Mehrgenerationenhaus. Seit der Eröffnungsmesse im Dom herrscht Hochstimmung: Bischof Heinz Josef Algermissen, emeritierter Oberhirte von Fulda, hat den Ton bei der Predigt genau getroffen, als er davor warnte, sich dem Zeitgeiszu beugen. „Selbstmitleid und Indifferenz schaffen keinen missionarischen Impuls. Nur das selbstbewusste Bekennen und Leben des Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn.“ Mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für das Kreuz rückt der Bischof das Leitwort der Veranstaltung ins Blickfeld: „Selbstbewusst mit Christus“. Diese Haltung fliegt kirchentreuen Katholiken heute nicht selbstverständlich zu. Die Herde ist kleiner geworden – auch der Kongress zeigt das. 600 Teilnehmer zählt der Veranstalter. Doch unter Wahlverwandten verlässt keiner ungetröstet den Saal. Wohltuend empfinden die Besucher Bischof Algermissens mitfühlende Hirtensorge. Seine Einschätzung des Kommunionstreits um konfessionsverschiedene Ehepaare paart sich mit dem klaren Bekenntnis: Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft gehören unlösbar zusammen. Die Zustimmung im Saal fällt eindeutig aus. Daran zweifelt hier keiner. „Die Kirche in Deutschland weiß gar nicht, was sie an Ihnen hat“, stellt Algermissen fest. Dass die Deutsche Bischofskonferenz trotz sprudelnder Kirchensteuereinnahmen den Antrag des Forums Deutscher Katholiken auf Förderung unbeantwortet ließ, nimmt man achselzuckend zur Kenntnis.

Für Schirmherr Werner Münch kein Grund zur Resignation. „Wir haben für unsere Wahrheit auch zu kämpfen“, ruft der vormalige Ministerpräsident. Tosender Applaus begleitet seine Warnung, wer das Anbringen von Kreuzen in Behörden als Spaltung und Ausgrenzung bezeichne, dokumentiere einen Kuschelkurs gegenüber der Bundesregierung und dem Islam. Nüchtern schätzt Münch die Situation Europas ein. Die EU hat aus seiner Sicht kein gemeinsames christliches Wertefundament – und wolle es auch nicht. Sorgen bereitet ihm die Ausbreitung des Gender-Mainstreaming und der Schutz des Lebens.

Leidenschaft für ein christliches Europa zeigt auch der emeritierte Salzburger Weihbischof Andreas Laun. Demonstrieren lernen von den Amerikanern, lautet seine Empfehlung. Dort sei es selbstverständlich, dass sich Bischöfe an den großen Pro-Life-Kundgebungen beteiligten. „Es ist eine Schande, dass das in Europa noch völlig am Boden liegt“, erklärt Laun und erinnert an den Marsch für das Leben 2015 in Berlin. Am selben Tag wurde in der Hedwigskathedrale der neue Oberhirte eingeführt. Mit keiner Silbe seien die fünftausend für das Leben Demonstrierenden bei der Feier erwähnt worden. „Wie verschlafen ist unser Bewusstsein?“ fragt Laun unter Beifallsstürmen und schließt mit einer Würdigung des im Jahr 2000 verstorbenen Fuldaer Erzbischofs Johannes Dyba.

Die Wahlverwandtschaften begegnen sich in den Pausen im Foyer. Viele kennen sich und tauschen bei einem Kaffee Anregungen aus. Die Bücherauswahl an den Ständen ist exzellent. Rechtzeitig zur Ferienzeit bieten etliche Aussteller Wallfahrten und Freizeittipps an. Wem nicht klar ist, was er für die Kirche tun kann, dem wird hier geholfen. Mit strahlendem Lächeln wirbt Pater Regamy Thillainathan aus dem Erzbistum Köln für das Gebet um geistliche Berufe. Kurzweilig fällt die Vorstellung des neuen Gesprächsbandes von Werner Münch und Stefan Meetschen (Seite 13) aus. Eine Medienakademie für Jugendliche ergänzt das Programm.

Wissensvermittlung und geistliche Stärkung halten sich beim Kongress die Waage. Wie eine Verheißung von oben leuchtet ein Regenbogen über der abendlichen Lichterprozession zwischen Schlossgarten und Stadtpfarrkirche.

Weltkirchliche Gewissensbildung leistet Berthold Pelster von „Kirche in Not“ mit seinem Vortrag über die Situation verfolgter Christen. Demgegenüber erläutert der Sozialwissenschaftler Manfred Spieker detailliert die Risiken der Reproduktionsmedizin. Deren Arsenal sei in den letzten Jahren stetig ausgeweitet worden. Spieker warnt davor, den Standpunkt des Kindes auszublenden. Dies sei allerdings die Regel, wenn Reproduktionsmediziner und Personen mit unerfülltem Kinderwunsch das technisch Machbare bei Interventionen an erste Stelle setzten. Die Erfolgsquote der künstlichen Befruchtung lägen zudem nur bei gut zwanzig Prozent. Dass die Fehlbildungsrate bei Retortenbabys sowie die Mehrlingsraten mit entsprechendem Frühgeburtsrisiko deutlich höher liege als bei natürlich gezeugten Kindern. Als Hauptbelastung für die Mutter-Kind-Beziehung während der Schwangerschaft nennt Spieker als die falsche Grundhaltung einer Schwangerschaft auf Probe: Durch die vorgeburtliche Diagnostik verwandele sich die Schwangerschaft in einen Produktionsprozess. In dessen Mittelpunkt steht nicht mehr eine geliebte ungeborene Person, sondern ein Produkt und seine Qualität.

Praktischen Nutzwert für Familien bietet Jürgens Liminskis humorvoller Vortrag. Der zehnfache Familienvater spielt anhand alltäglicher Situationen durch, wie christliche Erziehung gelingen kann. Durchaus unkonventionell berät auch Pfarrer Christof Anselmann das Publikum: Selbstbewusst in Räte und Gremien gehen und auf diese Weise die Pfarrer unterstützen. Der Churer Bischofsvikar Christoph Casetti appelliert mit Nachdruck an die Eigenverantwortung der Gläubigen. Die Neuordnung der Pfarreien in größere Verbünde verlangt vor allem Gläubigen auf dem Land Mobilität und Flexibilität ab – Opfer, die sich lohnen, insbesondere, wenn es um den Besuch der heiligen Messe geht.

Weihbischof Athanasius Schneider aus Kasachstan setzt das geistliche Glanzlicht des Kongresses. Ohne Namen zu nennen und den Kommunionstreit ausdrücklich zu erwähnen, spricht er das Thema an, das vielen Kongressteilnehmern auf der Seele lastet: Die Spaltung im deutschen Katholizismus und die Geringschätzung der katholischen Eucharistielehre. Sorge bereiten Weihbischof Schneider „ökumenische Initiativen, die zwar gut gemeint sind, aber zu eucharistischen Praktiken verleiten, die der Disziplin der Kirche widersprechen und den Glauben der Kirche nicht zum Ausdruck bringen“. Mit Verweis auf Johannes Paul II. tritt er für Klarheit in der Verkündigung ein: Die Eucharistie sei ein zu großes Gut, um Zweideutigkeiten und Verkürzungen zu dulden. Begeisterter Applaus zeigt, dass Schneider ins Schwarze getroffen hat.

Es fällt Hubert Gindert, dem Initiator des Forums Deutscher Katholiken, nach diesem zündenden Funken nicht schwer, das Publikum zu ermuntern, sich nicht der Frustration zu überlassen. 2019 trifft man sich wieder, dann in Ingolstadt. Im Geist der Resolutionen des Kongresses werden die Linien klar ausgezogen: Bekenntnis statt Diskussion.

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24.09.2021, 10 Uhr
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