Unsichtbar nah

Romano Guardinis Klassiker über Engel führt zur Heiligen Schrift. Von Barbara Stühlmeyer
Alter Friedhof in Bonn
Foto: KNA | Die Engel sind uns Wegweiser und Begleiter auf dem Weg zu Gott.

Ein um seine Kirche und die Welt besorgter Hirte stellte vor kurzem die Frage nach der Beschäftigung mit den Engeln. Sie scheinen überall gegenwärtig, zumindest in den Buchhandlungen, wo man sie in reicher Fülle im Esoterikregal und zumindest als Handschmeichler ganz unten, im Nonbooksegment der Religion findet. Aber werden sie auch wahrgenommen, die Engel? Das im Toposverlag wieder aufgelegte Buch von Romano Guardini „Engel. Theologische Betrachtungen“ könnte dazu beitragen.

Denn der Autor erinnert wieder daran, dass es nicht die menschenhafte, leicht erfassbare, niedliche, gar kitschige Form der Darstellung ist, die etwas von der Wirklichkeit und dem Wesen der Engel widerspiegelt, sondern das sie umgebende Geheimnis des Gottesgeistes. Ihre Relevanz können die Engel im Leben der Gläubigen ebenso wie in der theologischen Reflexion nur wiedererlangen, wenn wir die Engel in ihrer Freiheit und Gottbezogenheit wahrnehmen – denn beides fehlt heute vielen und könnte doch heilend sein. Als Heilmittel werden die Engel zumindest im Esoterikbereich deutlich wahrgenommen und vermittelt, jedoch in verwässerter und verundeutlichter Form.

Romano Guardini geht bei seiner Annäherung an das Thema und die lebendige Wirklichkeit der Engel an die Wurzeln, die Heilige Schrift. Ihre Erwähnung im Buch Genesis macht das Spannungsfeld deutlich, in dem die Begegnung mit Engeln und Menschen verläuft. Da ist auf der einen Seite Jakob, das Lieblingskind, der trickreich seinen Vorteil zu erlangen weiß und sich plötzlich auf einem Weg wiederfindet, der ihn ins Unbekannte führen wird, in eine Situation, in der er nicht mehr sofort bekommt, was immer er gerade möchte, sondern lernen muss, sehr lange zu warten, bis sich ihm der Sinn seines Lebens erschließt. Doch er ist – und das machen die Engel deutlich – dabei nie allein. Mitten auf dem Weg erscheinen sie ihm im Traum und zeigen ihm die Verbindung zum Himmel und sich als Boten, die auf- und niedersteigend Gott preisend für die Menschen da sind. Aber sie werden auch zur Herausforderung und tauchen gerade dann auf, wenn die Auseinandersetzung unvermeidlich geworden ist. Jakob stellt sich ihr, und als er mit dem geheimnisvollen Mann gekämpft hat, trägt er jene Wunde, die sich als Quelle des Lebens erweist, bekommt einen neuen Namen und sagt: „Ich habe Gott geschaut von Angesicht zu Angesicht und kam mit dem Leben davon.“ Der Engel des Herrn, der sich ihm in den Weg stellte, ist, wie Guardini sagt, Gott und Engelwesen zugleich. Er verkörpert die Botschaft, die er bringt, so sehr, dass er sie ist. Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist. Das ist pures Geheimnis und nicht leicht zu verstehen, wohl aber wandelnd für den, der sich ihm aussetzt.

Jenseits des Besonderen, des Engel des Herrn, erzählt Guardini von deren Vielzahl, von jenen, die geschaffen sind wie wir und er tut dies in Beziehung zu den Kindern. Ihnen wurde vor Jahren ganz selbstverständlich vermittelt, dass wer glaubt, nie allein ist. Die Schutzengel waren nicht nur in greifbarer Form zur Hand, sondern der Seele gegenwärtig und natürlich können sie dies wieder werden, wie Guardini anhand der Heiligen Schrift darlegt. Man muss jedoch schutzlos werden wie ein Kind, um ins Himmelreich zu gelangen oder die feinen Schwingungen der englischen Gegenwart wahrnehmen zu können. Der Forderung folgt sogleich die Warnung: „Seht zu, dass ihr nicht eines von diesen Kleinen geringschätzt, denn ich sage euch, ihre Engel in den Himmeln sehen allezeit das Antlitz meines Vaters.“ Und er sieht sie, muss man hinzufügen, denn in diesem wortlosen einander Gegenwärtigsein vermittelt sich, was zu sagen wäre, und so nehmen die Engel ihre Aufgabe als Boten in einem Atemzug mit dem Lobpreis Gottes wahr. Denn er ist, was der Gefallene übersah, Beziehungswesen, weshalb es nicht darum geht, wer hier heller glänzt, sondern in welcher Hingabe man geneigt ist, die Einladung zum sich Einschwingen anzunehmen und selbst die Begegnung zu wagen, die zugleich richtet und heilt. Guardini macht in diesem Zusammenhang ganz klar, dass das Gehalten- und Beschütztsein nicht vor Leiden bewahrt, aber es ist eben eines, das nicht alleine ertragen werden muss, weil der schützende Engel den Weg von allem Anfang an mitgeht. Denn wehrlos ist der Mensch nicht nur als Kind, nie aber gänzlich schutzlos, selbst dann nicht, wenn die gefühlte Dunkelheit das geglaubte Licht überschattet.

Engel, so betont Guardini, sind nicht nur auf Gott hin Beziehungswesen, sie sind auch von uns ansprechbar und geben der Hoffnung Raum, wenn das Gespräch von Mensch zu Mensch nicht möglich ist.

Zuhause aber sind sie in der anderen Wirklichkeit, der Vorbehaltenheit Gottes, wie Guardini es treffsicher formuliert, in die nur Einlass erhält, wer durch Gottes Gnade aufgenommen wird, was jedoch vom eigenen Bemühen keinesfalls dispensiert. Denn der heilige Dienst, den sie verrichten, ist Einladung und Zielpunkt für menschliche Selbstverwirklichung auf das hin, wofür wir geschaffen sind.

Dieses Sein jedoch ist ein überaus geheimnisvolles, nichts, was der Intellekt steuern könnte, glaubt man dem Seher der Offenbarung, der die Überfülle des Geschauten in mystischen, ineinander übergehenden Bilder zu schildern versucht. Zugleich aber nimmt er eine Ordnung wahr, die zum Mitschwingen einlädt, benennbar ist und sich im Tun des Volkes in heiliger Handlung gnadenhaft gegenwärtig setzen lässt. Dass Gott gegenwärtig ist und wir gerufen sind, ihn anzubeten ist eine inkarnatorische Wirklichkeit. Greifbar, klar geordnet, dem menschlichen Belieben nicht unterstellt, kein Raum für Alleinunterhalter und Selbstdarsteller, vielmehr Welt der Engel.

Anknüpfungspunkt für den Faden lebendiger Beziehung bietet, wie Guardini in seiner Betrachtung „Der Engel der Menschen“ deutlich macht, genau jene Feier der Liturgie, die ein Abbild des himmlischen Lobpreises sein darf. Aber ihr Angebot etwa im Schutzengelfest, trifft auf eine Situation, in der die versachlichte Annäherung an den Glauben dominiert, die mit dem missverstandenen Zerrbild der Engel deren lebendiges Wesen selbst des kirchlichen Feier- und Denkraumes verwiesen hat. Guardini erinnert deshalb mit lebhaftem Engagement daran, dass genau jenes zurückgewiesene Bild mit der gewaltigen, das Herz erschütternden und Gottes Nähe ins Bewusstsein bringenden Realität der Engel nichts zu tun hat. Der Gruß, mit dem die Engel den Menschen in der Heiligen Schrift gegenübertreten, ist eine Notwendigkeit, denn sie sind ohne ihn erst einmal zum Fürchten, auch dann, wenn sie dem Leben nicht nur, wie bei Maria, eine völlig neue Dimension geben, sondern einfach nur, wie Josef im Traum, klären, stärken und helfend den Weg weisen. Das überzeugendste Argument dafür, die Engel wieder mit wachen Augen wahrzunehmen, sollte ihr Wirken im Leben Jesu sein, so Guardini. Sie singen nicht nur für viele wahrnehmbar das Lob Gottes bei seiner Geburt, sie kommen auch, ihm zu dienen, nachdem er den Versucher abgewiesen hat und stärken ihn im Garten Getsemani und sie sind es, die den Jüngern im leeren Grab begegnen.

Engel, das macht Guardini in seiner letzten Betrachtung unmissverständlich klar, sind immer da, sind immer nah, aber sie bedürfen unserer Zuwendung, um ihr Wirken entfalten können. Wer sich von ihnen absondert, entbehrt nicht ihrer Gemeinschaft, muss aber angesichts ihrer untrennbaren Verbundenheit mit dem lebendigen Licht ihr Urteil gewärtigen. Guardinis Buch ist eine herausfordernde Einladung, die Welt der Engel neu zu entdecken. Es lohnt sich, sie anzunehmen.

Romano Guardini: Engel. Theologische Betrachtungen. Topos Verlag, Kevelaer, 2016, 92 Seiten, ISBN 978-3-8367-1083-1, EUR 8,95

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